Patientinnen berichten: So fühlt sich Adipositas wirklich an

Wie geht es Frauen mit krankhaftem Übergewicht wirklich? Wir haben nachgefragt.

Die WHO hat die Adipositas als größtes globales chronisches Gesundheitsproblem bei Erwachsenen identifiziert. Stark Übergewichtige haben ein höheres Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, manche Krebsarten und sterben im Schnitt um zehn Jahre früher. Zusätzlich zu den gesundheitlichen Problemen, leiden Adipositas-PatientInnen oft still. Wir haben zwei Patientinnen gefragt, wie sich Adipositas wirklich anfühlt:

Verena, 42, hatte eine Magen-Bypass-Operation

Der Kampf mit meinem Übergewicht hat mit der Geburt meines ersten Kindes begonnen und ist von Kind zu Kind schlimmer geworden. Dazu kamen Probleme mit den Schwiegereltern und dass ich eine klassische Frustesserin bin. Irgendwann habe ich nur noch gegessen. Als ich bei einer Reise mit meinen Kindern im Flugzeug krampfhaft versucht habe, den Bauch einzuziehen, damit ich die Anschnallphase ohne den Zusatzgurt für Übergewichtige überstehen kann, hat es klick gemacht. Damals hatte ich einen BMI von knapp 44 und 140 Kilo. Das war der Punkt, an dem ich in meinem Leben und Wohlbefinden so eingeschränkt war, dass ich gesagt habe, jetzt muss ich etwas ändern. Die OP war mein Geschenk an mich zum 40er. Meine Mutter meinte anfangs, „mit ein bisschen Disziplin schaffst du das doch auch allein“. Aber so ist es ab einem bestimmten Gewicht eben nicht. Mein Mann hat mich mit 60 Kilo kennengelernt, mich mit 140 Kilo auch noch geliebt und nie Druck
gemacht, aber ich selbst konnte mich so nicht annehmen. Ich will meinen Enkelkindern Skifahren beibringen und nicht mit kaputten Knien zu Hause sitzen. Ich will eine coole Mama und Oma sein. Vielleicht geht das auch mit 140 Kilo, aber eben nicht für mich. Ich bin immer selbstbewusst im Badeanzug am Strand gelegen und dachte, wem es nicht passt, der soll mich halt nicht anschauen. Ich habe meine Unsicherheit überspielt. Für mich war klar, ich will diese OP, und auch, dass ich danach mein ganzes Leben Patientin sein werde. Ich musste lernen, damit umzugehen, dass mein Körper nicht mehr alles schlucken kann und ich Frust anders bewältigen muss. Dabei hilft mir, regelmäßig in die Adipositas-Selbsthilfegruppe zu gehen und mich dort zu engagieren. Die OP war neben meinen Kindern die beste Entscheidung, die ich für mich getroffen habe. Jetzt habe ich 80 Kilo.

Ich will meinen Enkelkindern Skifahren beibringen und nicht mit kaputten Knien zu Hause sitzen. Ich will eine coole Mama und Oma sein.

von Verena M.

Dorothea, 57, hat eine konservative Adipositas-Therapie gemacht:

Nach meinen zwei Kindern hatte ich Kleidergröße 36. Der Alltag mit den Kindern hat mich dann aber gestresst. Ich habe begonnen, den ganzen Tag nichts zu essen, alles am Abend in mich hineinzustopfen. Ich belohne mich liebend gern mit Essen. Meine Mutter hat wegen meines Gewichts immer schon Druck auf mich ausgeübt. Je mehr sie das gemacht hat, desto mehr habe ich gegessen. Ich wollte beweisen, dass ich auch als dicker Mensch etliches erreichen und mein Leben leben kann. Das ging Jahre so und ich habe auch heute kein Problem mit Begleiterkrankungen, deshalb ist für mich die OP kein Thema. Meine Enkelkinder haben mir bewusst gemacht, dass es so nicht weiter geht. Im letzten Jahr, irgendwann vor Weihnachten, habe ich begonnen, alles, was mir Spaß machte, abzusagen. Da habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Wenn man mehr als zehn Minuten zu Fuß gehen musste, habe ich abgesagt, weil ich nicht immer die Letzte sein wollte. Im Internet bin ich auf die "Coping School" gestoßen und habe das Programm mit einem Gewicht von 157 Kilo begonnen. Ich musste beim Thema Essen ganz von vorn anfangen. Was ist eine normale Portion, wann bin ich satt? Beim Erstgespräch bin ich bei einer tollen Psychotherapeutin gelandet, zu der ich bis heute gehe. Die Therapiegespräche haben mir besonders geholfen. Wir arbeiten an den Ursachen und erarbeiten langfristige Ziele, die mich motivieren und nicht aufgeben lassen. Ich habe eine Wette mit einer Freundin. Und ich habe mir damals selbst versprochen, nach den ersten zehn Kilo kaufe ich mir ein bestimmtes Armband. Und jetzt, wo ich es habe, bei jeden weiteren fünf Kilo einen Anhänger dazu. Bei unter 100 Kilo fliegen wir in die Karibik. Viele in meiner Umgebung haben gesagt „Die Karibik wirst du nie sehen“, aber da stehe ich drüber. Nächsten Sommer will ich mit einer Gruppe wandern gehen.

 

Aktuell