Patchwork-Familie: Ein (Kinder-)Leben voller Quality Time

Durchschnittlich brauchen Patchworkfamilien sieben Jahre, bis alles rund läuft, heißt es. Mittlerweile sind wir in Jahr fünf angekommen und ich hoffe inständig, dass es stimmt.

Illustration von spielenden Kindern mit Eisbechern, daneben Kolumnenfoto von Marita Haas

Sonntagsfrühstück. "Was machen wir heute?", fragt einer der zwei Zwölfjährigen. Das fragt er immer. Wenn er nicht fragt, fragt jemand anderer: Was machen wir, wohin gehen wir, was haben wir heute vor? Zwei Elternaugenpaare suchen einander. Wenn die Kinder nicht ständig bei einem leben, hat man den Wunsch, die gemeinsame Zeit maximal zu nutzen. Die Wochenenden, die sie da sind, gehören ihnen - das heißt: kein Einkaufsbummel mit der Freundin, kein Glas Prosecco am Abend, keine Mountainbiketour mit Freunden.

ALLES BEREIT. Bevor sie kommen, versuchen wir außerdem, den Haushalt in den Griff zu kriegen, kaufen die fehlende Zahnpasta und das Lieblingsduschbad ein, überziehen die Betten neu, machen den Kühlschrank voll. Am ersten Abend kochen wir oft das Lieblingsessen, am letzten passiert irgendwas Besonderes - noch ein Eis essen gehen, noch einen Film anschauen, noch einmal am Trampolin springen.

Die Burschen leben zu 50 Prozent der Zeit bei uns, die Mädels zu zwei Drittel. Es gibt Dinge, die wir verpassen: Rückschläge, Erfolge, Sorgen, Highlights. Der wiederkehrende Abschied und das Wiederankommen sind eine Herausforderung, die Sehnsucht dazwischen noch mehr. Wenn sie also da sind, möchten wir, dass sie es gut haben. Quality Time mit den Kids bedeutet: eine Welt, die sich nur um sie dreht.

VOLLPENSION. Ein Stück Alltag geht dadurch verloren: Das Mitkommen Müssen zum Einkaufen, die Selbstverantwortung für das Zimmer, das Wissen, wo die Handtücher sind. Unbemerkt bleibt auch die Tatsache, dass Mama oder Papa gern einmal etwas für sich oder als Paar machen. Ab und zu trinken wir abends ein Glas Wein im Lokal ums Eck. "Wieso heute?", haben sie zu Beginn gefragt -"das könnt ihr ja machen, wenn wir nicht da sind!" Ich finde zunehmend, dass die Kinder leben wie im Hotel, und das nicht nur bei uns: zwei Wohnsitze mit Vollpension, Wäscheservice, Animationsprogramm. Die Unverbindlichkeit siegt: Immer, wenn ich etwas muss, bin ich eh schon wieder weg. Außerdem glaube ich fest daran, dass Kinder elternfreie Zeit brauchen. Haben sie dann aber auch nicht.

"Gar nichts machen wir heute!", sage ich also auf die Frage nach dem Tagesprogramm. Jeder und jede kann machen, was er oder sie will. Die Jüngste akzeptiert das vermeintlich am schnellsten und schnappt sich das iPad. Bevor sie im Zimmer verschwindet, fragt sie noch: "Wann gibt's heute Essen?" Sag ich ja - wie im Hotel.

Marita Haas ist Gender-Expertin und Unternehmensberaterin in Wien. Sie lebt in einer Patchworkfamilie mit fünf Kindern. In der WIENERIN bespricht sie den Alltagswahnsinn zwischen Job und Familie und die Frage: Was ist Meines, Deines, Unseres?

 

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