Paarberatung für Freundschaften: Kann das klappen?

Kriselt es in Liebesbeziehungen, gehen wir zur Paarberatung. Warum retten wir Freundschaften nicht mit dem gleichen Engagement?

Zwei Spielzeug-Dinos auf verschiedenen Seiten eines zerrissenen Papiers

Ob sie sich noch an die Fortgeh-Fotos erinnern kann, an die mit den pinken Strähnen, fragt schwesterchen11. "Oh Gott, wir hatten einfach die uncoolste Freundschaft ever", sagt snoopy93. schwesterchen11 und snoopy93 sind heute 25 und 26 Jahre alt. Damals, als schwesterchen11 auf den Gruber Jan stand und snoopy93 dauernd nur DKT spielen wollte, haben sie sich auf einem Facebook-Vorläufer diese Namen gegeben.

In dieser Geschichte sollen die zwei Frauen Emilia und Anna heißen. Vor 14 Jahren stand Emilia das erste Mal in Annas Haus. Ihre Cousine machte ein Berufspraktikum bei Annas Mutter, einer Lehrerin, und hatte Emilia zu einer Besprechung mitgenommen. Die Erwachsenen, so erzählen Anna und Emilia es heute, haben die beiden dann gemeinsam zum Spielen geschickt: "So nach dem Motto: Ihr seid im gleichen Alter, so please be friends." Und von da an waren sie es auch.

Freundschaft trotz Hindernissen

"Ich war froh, endlich jemanden in meinem Alter zu haben, der mich so akzeptierte, wie ich war", sagt Anna. Und Emilia sagt: "Wir waren gegenseitige Auffangbecken." Dass sie heute hier sitzen, gemeinsam, in Emilias Wohnung in Wien, ist keine Selbstverständlichkeit. "Wir hätten schon 20 Chancen gehabt, uns easy aus den Augen zu verlieren", sagt Anna.

Etwa, als sie mit 15 für sieben Monate in die USA geht und Emilia in Oberösterreich bleibt. Als Emilia nach Wien zieht und Anna nach Linz, um dort eine Modeschule zu besuchen. Oder später, als auch Anna nach Wien kommt und nicht mehr so recht in Emilias restlichen Freundeskreis passt. "Wir hatten schon viele Krisen", sagt Emilia. Ihre Freundschaft aufgegeben haben die beiden nie.

Freundschaften gehen heimlich zu Ende

Kriselt es in Liebesbeziehungen, gehen wir zur Therapie oder Eheberatung. Wir machen Kommunikationstrainings und lernen Mediationstechniken. Und auch, wenn das nicht funktioniert: Wir haben es zumindest versucht. Das Ende mit Freund*innen kommt anders - meist schleichend und still. Wir antworten immer seltener und knapper auf ihre WhatsApp-Nachrichten und fahren lieber mit anderen auf Urlaub. Als wäre es ein Naturgesetz, dass man dem besten Freund bzw. der besten Freundin irgendwann nur noch im Facebook-Feed begegnet.

Früher haben Anna und Emilia nach der Schule jeden Tag zusammen verbracht. Heute sagen beide: Würden wir uns jetzt kennenlernen, wir wären niemals befreundet. Anna geht gern downhillbiken, Emilia in Ausstellungen. Seit sechs Jahren ist Anna jeden Tag um neun im Büro, Emilia studiert und hangelt sich von Nebenjob zu Nebenjob. Das ist keine Geschichte der tiefen Gräben und groben Risse. Sie handelt nicht von Freundinnen, die zu Rivalinnen werden. Es geht um die kleinen Brüche, die Freund*innen auseinandertreiben lassen und sie schleichend zu Fremden machen. Und darum, warum wir das zulassen.

Gute Freund*innen verlängern das Leben

Die Wissenschaft beschäftigt sich schon lange damit, wie sich Freundschaften auf uns auswirken. Man kann die Forschungsergebnisse so zusammenfassen: Freund*innen machen uns zufriedener, schützen vor Stress und verlängern die Lebenserwartung. In einer Metastudie werteten Forscher*innen Studien mit insgesamt mehr als 300.000 Personen aus, deren Gesundheitszustand über acht Jahre dokumentiert wurde. Das Ergebnis: Menschen mit engen Bindungen hatten eine um 50 Prozent höhere Chance, diesen Zeitraum zu überleben. Einsamkeit hingegen erwies sich als genauso schädlich wie 15 Zigaretten am Tag.

Bei einem anderen Experiment ließ Freundschaft sogar Berge schrumpfen: Die Versuchsteilnehmer*innen einer Studie des Psychologieprofessors Jaap Denissen schätzten die Steigung eines Hügels geringer ein, wenn ein*e Freund*in neben ihnen stand. Je länger sie die Person kannten, desto größer war der Effekt. Menschen, so schlussfolgert Studienautor Denissen, verbuchen Freund*innen als potenzielle Unterstützung. Denissen hat auch festgestellt, dass unser Selbstwertgefühl an Tagen, an denen wir unsere Freund*innen treffen, höher ist.

Ende einer Freundschaft ähnelt Liebeskummer

Für diese positiven Effekte machen Psycholog*innen ein Hormon verantwortlich: Oxytocin. Es soll Bindungen aufbauen und Angst reduzieren. Unser Körper schüttet es nicht nur aus, wenn wir Freund*innen sehen, sondern auch, wenn wir uns verlieben. "Enden Freundschaften, können wir deshalb wie bei romantischen Partnern Liebeskummer empfinden", sagt die Psychologin Katharina Smutny. Seit einigen Jahren berät sie in ihrer Praxis in Wien neben Paaren auch Freund*innen. Die Gründe, warum sie zu ihr kommen, sind meistens ähnlich: Freundschaften werden brüchig, wenn sich Lebensumstände oder Einstellungen ändern – wenn die beste Freundin ein Kind bekommt, ein*e neue*r Partner*in da ist oder schlichtweg zu viel Distanz.

So war es auch bei Emilia und Anna. Während Anna in ihrem Zimmer in Nebraska hockt, stellt Emilia Fotos mit anderen Mädchen ins Netz. "Ich dachte mir damals: Fuck, habe ich da überhaupt noch Platz, wenn ich zurückkomme?", sagt Anna. Als ihr Auslandssemester zu Ende geht, holt sie Emilia vom Flughafen ab. Ihre Beziehung hat sich aber geändert. Von da an ist es nicht mehr bedingungslos "Emilia und Anna". Wenn Anna sich treffen will, ist Emilia nun oft mit anderen verabredet. "Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass du mich gleich viel brauchst wie ich dich", sagt Anna heute.

Was unterscheidet Freundschaften von Beziehungen?

Alle sieben Jahre, so die Statistik, verlieren wir die Hälfte unserer Freund*innen. Im Gegensatz zu Liebesbeziehungen lassen wir Freundschaften ohne großes Aufsehen zu Ende gehen; ohne offiziellen Schlussstrich, und ohne dafür gekämpft zu haben. "Der Großteil der Freundschaften schleicht sich aus", sagt Smutny. Das hat einen banalen Grund: Anders als Liebesbeziehungen müssen wir sie nicht beenden. Bei Paaren erstreckt sich das gemeinsame Wir in der Regel über viele Lebensbereiche: Man teilt sich Verpflichtungen – die Wohnung, Familie oder Kinder. "Da ist es schwieriger, sich einfach nicht mehr zu melden", sagt Smutny.

Warum wir uns so wenig um kriselnde Freundschaften bemühen, hängt aber auch mit einem anderen Faktor zusammen: Wie Liebesbeziehungen sind Freundschaften zeitintensiv, wenn sie funktionieren sollen. Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass es im Schnitt 200 Stunden an aktiv gemeinsam verbrachter Zeit benötigt, bis sich eine Freundschaft entwickeln kann. Genauso braucht es Zeit, bestehende Freundschaften zu pflegen. Und es braucht vor allem Zeit, Freundschaften, die an der Kippe stehen, zu retten.

Bei Katharina Smutny lernen Menschen, wie das funktionieren kann. Das kann ein Buch sein, in das Freund*innen gemeinsam eintragen, wie es um die Freundschaft gerade steht. Oder Methoden der wertschätzenden Kommunikation: aktiv zuhören, wenn der*die andere redet; versuchen, das Gesagte zusammenzufassen, und nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. "Das alles kostet Energie, Geduld und Zeit", sagt Smutny. "Es ist auf jeden Fall eine Art von Arbeit."

Das Problem: Wir stellen Freundschaften hinten an

In den vergangenen Jahren sind Freund*innen immer wichtiger geworden. Manche Soziolog*innen sehen in ihnen sogar die Rettung des Pflegesystems, weil familiäre Bande brüchig werden. Geht es darum, wie wir unsere Zeit investieren, ziehen Freund*innen aber immer noch den Kürzeren: Partner*innen, Familie, Karriere oder finanzieller Erfolg, das alles ziehen wir Freundschaften vor. In unseren Lebensplänen, und seien es auch nur die Neujahrsvorsätze, kommen Freund*innen selten vor, sagte Sue Johnson, eine der führenden Psychologinnen auf dem Feld der Beziehungsforschung, kürzlich in einem Interview mit der New York Times.

Die renommierte israelische Soziologin Eva Illouz beschäftigt sich seit einigen Jahren vermehrt mit Freundschaft: In einem Essay in der Zeit nennt Illouz Freundschaft ein "viel wertvolleres Gefühl" als Liebe. "Es würde uns viel besser gehen, wenn wir Freundschaften ein ebensolches Gewicht verliehen wie unseren intimen Beziehungen", sagte sie gegenüber Profil. Warum wir es nicht tun, erklärt Illouz so: Freundschaften eignen sich nicht als Vorlage für Filme, Werbung, Talkshows und Romane. "Liebe dagegen bietet unendlich viele Möglichkeiten zum Konsum." Für Psychologin Smutny hängt unser geringes Engagement auch mit dem Angebot zusammen: "Es gibt im deutschen Sprachraum kaum Freundschaftsberater", sagt sie. In ihrer Praxis kommt auf acht Paarberatungen derzeit eine Freundschaftsberatung. Seit sie die Beratung anbiete, nehme die Nachfrage aber stetig zu, sagt Smutny.

Emilia hat Anna während ihrer Abwesenheit Briefe geschrieben, sie aber nie abgeschickt. Durch einen Zufall hat Anna sie schließlich gefunden – und verstanden: Auch Emilia hat sie vermisst. "Für mich hat es das aufgebrochen", sagt sie. Seither versuchen die beiden, Probleme offen anzusprechen. Erst vorgestern hat Anna Emilia wieder eine lange WhatsApp-Nachricht geschickt. "Ich merke, dass es mir mit dem Kontakt, den wir jetzt haben oder eben nicht haben, nicht so gut geht, und ich muss da für mich irgendwas ändern", stand darin. Am Wochenende haben sich die beiden ein Treffen ausgemacht, um zu reden. Einander nur mehr im Facebook-Feed zu begegnen - das wäre keine Option.

 

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