ÖVP und FPÖ verbannen Sexualpädagogik aus den Schulen

Nach dem Skandal um den christlich-konservativen Verein TeenSTAR wollen ÖVP und FPÖ sämtliche Vereine aus dem Sexualkundeunterricht verbannen. Am Dienstag stimmten die Parteien gegen Aufklärungsworkshops in Schulen.

Sexualkundeunterricht an Schulen

Angefangen hat alles mit dem christlich-konservativen Verein TeenSTAR. Ende vergangenen Jahres waren Schulungsunterlagen des Vereins, in denen Homosexualität als heilbare Krankheit und Selbstbefriedigung als schädlich dargestellt wurden, aufgetaucht. Der ehemalige ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann hatte nach Bekanntwerden und längerer Diskussion empfohlen, nicht mehr mit TeenSTAR zusammenzuarbeiten. Sexualpädagogische Vereine sollten sich außerdem ab 2020/21 akkreditieren müssen. Das ist den ehemaligen KoalitionspartnerInnen nun nicht mehr genug: Externe Vereine sollen ganz aus dem Sexualkundeunterricht verbannt werden. ÖVP und FPÖ haben am Dienstag im Unterrichtsausschuss für den eigens eingebrachten Entschließungsantrag gestimmt, der Antrag wurde angenommen.

Externe SexualpädagogInnen dürfen nicht mehr an Schulen lehren

„Eine eingehende Prüfung der Sachlage zeigt, dass die vom Staat vorgegebene Neutralität ('Indoktrinationsverbot') in diesem Unterrichtssegment oft nicht gewährleistet ist“, heißt es im Entschließungsantrag. Ein staatlicher Sexualkundeunterricht müsse in sachlicher, kritischer und pluralistischer Weise erfolgen. Das heißt: "ohne Beziehung von schulfremden Personen oder Vereinen, sondern durch an der Schule wirkende Pädagoginnen und Pädagogen sichergestellt." Sexualpädadogische Inhalte sollen von LehrerInnen, die im Regelfall gar nicht die passende Ausbildung dafür haben, übernommen werden. Stephanie Cox, Bildungssprecherin der Liste JETZT fürchtet, dass dann überhaupt keine Sexualpädagogik passiere: "Wir brauchen mehr Unterstützungsmaßnahmen für Lehrkräfte, nicht noch eine zusätzliche Aufgabe."

Die Folgen der Aufklärung

Derzeit regelt ein Erlass des Bildungsministeriums die Sexualbildung an Schulen. Er orientiert sich an den Sexualaufklärungsstandards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und stammt aus der Zeit der ehemaligen Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Die Aufgaben der Sexualbildung übernehmen meist außerschulische Vereine - aus guten Gründen: "Kinder und Jugendliche brauchen externe Sexualpädagogik von professionellen AnbieterInnen, die nach wissenschaftlichen, nicht ideologischen Kriterien geschlechtersensibel Wissen zu selbstbestimmter Sexualität, Beziehung, Körperlichkeit und sexueller Gesundheit (etwa Verhütung) vermitteln und einen nichtdiskriminierenden wertschätzenden Zugang zu diesen Themen bieten," schreibt etwa die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

Ein moderner und ganzheitlicher Sexualkundeunterricht behandelt nicht nur die "Bienen und Blumen", nicht nur das anatomisch-mechanische des Geschlechtsverkehrs. Es geht um Lustempfinden und -erfahrung, um Selbstwert und Konsens. Schlicht: Um menschliche Sexualität, die so viel mehr ist als der heterosexuelle Geschlechtsakt an sich. Kinder und Jugendliche lernen in einer professionellen, ganzheitlichen Sexualerziehung über Empfindungen und Grenzen - ihre eigenen und die der Anderen. Sexualpädagogik vermittelt Kindern und Jugendlichen so einen selbstbestimmten Umgang mit ihren Körpern. Und das schützt sie: Sind Jugendliche schlecht aufgeklärt, leiden sie häufiger an sexuell übertragbaren Infektionen. Die Mädchen werden öfter schwanger - und brechen diese Schwangerschaften auch häufiger ab.

LehrerInnen, selbst wenn sie eine sexualpädagogische Ausbildung haben, können ihren SchülerInnen oft nicht den geschützten Raum bieten, in dem Jugendliche über diese "schambesetzten Themen" sprechen wollen, sagt die Bildungssoziologin Barbara Rothmüllerim Standard. Vor allem in ländlichen Gebieten sei die Angst der Schülerinnen und Schüler groß, "weil Lehrer und Eltern einander oft kennen". Im schlimmsten Fall entscheiden sich Kinder dann vielleicht, sexualisierte Gewalt in der Familie lieber für sich zu behalten. Sexualpädagogik ist auch Kinderschutz.

Religiöse Hardliner gegen Sexualkunde?

Der Verein TEENStar ist ein schwarzes Schaf unter den vielen Vereinen, die seit Jahrzehnten wertvolle sexualpädagogische Arbeit leisten - werden sie aus den Schulen verbannt, gehen ihre sexualpädadogische Expertise und jahrelang angesammeltes Praxiswissen mit ihnen. Welches Ziel verfolgen ÖVP und FPÖ mit diesem gänzlichen Verbot externer Vereine also? "Sebastian Kurz will es religiösen Hardlinern recht machen", vermutet Rothmüller in einem Beitrag auf mosaik-blog.at. In den letzten Jahren gebe es weltweit vermehrt Angriffe auf sexualpädagogische Angebote an Schulen. In den USA bahnten sich etwa familienorientierte und lustfeindliche Aufklärungsprogramme unter George W. Bush ihren Weg in die Schulen.

Tatsächlich dürften es nicht die liberaleren Kreise der ÖVP sein, die hinter den aktuellen Entwicklungen stecken. Der Antrag wurde von der rechtskatholischen Abgeordneten und Abtreibungsgegnerin Gudrun Kugler (ÖVP) und dem Bildungssprecher Rudolf Taschner eingebracht. Kritik kommt indes von dem Frauenreferat der Diözese Innsbruck, die Männerberatung der Diözese Linz und Vertreter der Jungen Kirche Steiermark und einzelnen ÖVP-PolitikerInnen.

Eine Petition für Sexualpädagogik: #redmadrüber

Auch in der Zivilgesellschaft ist man mit dem Entschluss nicht zufrieden: Mehr als 10.000 Menschen haben innerhalb weniger Tage die Petition #redmadrüber unterzeichnet, die sich für qualitätsvolle Sexualpädagogik an Schulen einsetzt. ExpertInnen, Fachstellen und mehr als 100 Organisationen im Bereich Sexualpädagogik, Kinderschutz und Missbrauchsprävention unterstützen die Initiative. Sie fürchten eine Beschneidung des Kinderschutz und fordern schlicht und einfach: #redmadrüber

 

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