Österreich und das Verhütungsdilemma

Der aktuelle Verhütungsreport entlarvt nicht nur eklatante Wissenslücken unter den Befragten, sondern ortet auch familienpolitische Versäumnisse in der Präventionsarbeit.

Verhütungsreport 2019

Wer in Österreich verhüten möchte, hat es nicht so leicht. Nicht als Mann, und schon gar nicht als Frau. Sichere Verhütungsmittel sind vergleichsweise teuer und werden im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern finanziell kaum durch den Staat subventioniert. Für ärztliche Beratungsgespräche über Verhütung gibt es ebenfalls kein Geld für KassenärztInnen.

Der österreichische Verhütungsreport, der nach 2012 und 2015 heuer schon zum dritten Mal vom "Gynmed"-Ambulatorium herausgebracht wurde, ortet aber nicht nur im Verhütungsangebot Verbesserungsbedarf, wie die folgenden Ergebnisse zeigen.

6 Wahrheiten, die der Verhütungsreport entlarvt

1. Staatliche Präventionsarbeit wird vernachlässigt – und zwar schon seit Jahren

Christian Fiala, ärztlicher Leiter des "Gynmed"-Ambulatoriums und Verantwortlicher der Studie, ortet gerade in Sachen Prävention viel Aufholbedarf. Regelmäßige Aufklärungskampagnen, ähnlich wie sie im Straßenverkehr seit Jahren erfolgreich sind, müsste es auch beim Thema Verhütung geben. Trotz zahlreicher Forderungen durch ExpertInnen ist hier in den letzten Jahren viel zu wenig passiert. Es sei zu hoffen, dass die Politik die bisherige Untätigkeit in der Prävention ungewollter Schwangerschaften endlich überwindet, so Fiala. Die Ignoranz in Sachen Prävention, die er in den letzten Jahren bei der österreichischen Regierung beobachtet hätte, sei schlichtweg "atemberaubend" und für ein europäisches Land - Polen ausgenommen - einzigartig.

Gerade unter MigrantInnen hat das fehlende Wissen über Verhütung oft fatale Folgen. Fiala beobachtet, dass überdurchschnittlich viele jener Frauen, die Abtreibungen durchführen lassen, einen Migrationshintergrund haben. In Zahlen heißt das: Während der Anteil von Migrantinnen in der Gesamtbevölkerung bei 19 Prozent liegt, sind 47 Prozent aller Abtreibenden Frauen mit Migrationshintergrund.

Verhütung mit/ohne Migrationshintergrund

2. Befragte haben keine Ahnung von Fruchtbarkeit

Eines der überraschendsten und gleichzeitig besorgniserregendsten Ergebnisse der Studie, ist die Selbsteinschätzung der Befragten über Fruchtbarkeit. Diese führt in weiterer Folge zu einem fehlerhaften Verhütungsverhalten. Nur 13 Prozent schätzten das Ausmaß (ungeregelter) Fruchtbarkeit richtig ein: auf die Frage, wie oft Frauen in ihrem Leben schwanger werden könnten, gingen die meisten Befragten von null bis sieben Schwangerschaften aus. Tatsächlich können Frauen aber 12 bis 15 Mal schwanger werden.

Fiala schätzt die Umfrageergebnisse als alarmierend ein und ortet "eine fatale Fehleinschätzung, die mitverantwortlich ist, dass sich Österreich auch im negativen europäischen Spitzenfeld bei Schwangerschaftsabbrüchen befindet".

Der am Mittwoch vorgestellte Verhütungsreport wurde heuer bereits zum dritten Mal durchgeführt. Ausgewertet wurden die Antworten von 881 Frauen und 901 Männern im Alter von 16–49 Jahren. Diese Stichprobe ist repräsentativ für Österreich.

3. Frauen haben eine "Hormonskepsis". Das führt zu mehr ungewollten Schwangerschaften

Frauen setzen in Sachen Verhütung immer mehr auf Natürlichkeit, Hormone zur Verhütung werden im Vergleich zur letzten Befragung stärker abgelehnt. Diese "Hormonskepsis" führt aber nicht automatisch zu einem Umstieg auf sichere nicht-hormonelle Verhütungsmethoden, wie die Studie zeigt. Stattdessen verhüten Frauen mit weniger sicheren Verhütungsmethoden und riskieren damit, ungewollt schwanger zu werden.

Verhütungsreport 2019

4. Das Verhütungsmissverständnis: Frauen glauben Männer interessieren sich nicht für Verhütung - das stimmt aber nicht

Geht es nach den Frauen, scheren sich Männer nicht sonderlich um Prävention. Damit tut man den Männern aber unrecht, wie die Ergebnisse zeigen. 39 Prozent der männlichen Befragten gaben an, dass sie auf eine reversible, wirksame Methode umsteigen würden, wenn es denn eine gäbe.

5. Österreich hat ein Problem mit Abtreibungen. Die Politik findet aber die falschen Antworten darauf

Die Abtreibungsrate zählt in Österreich zu den höchsten in Europa (schätzungsweise zwischen 30.000 und 35.000 pro Jahr) - und das, obwohl es das einzige Land in Westeuropa ist, in dem Schwangerschaftsabbrüche nicht von der Krankenkasse gezahlt werden (im Schnitt liegen die Kosten hierzulande für eine Abtreibung zwischen 500-1000 Euro). Selbst im katholischen Irland werden Abtreibungen seit einer entsprechenden Abstimmung im Vorjahr von der Krankenkasse gezahlt.

Die österreichische Politik scheint trotzdem seit Jahren an der strengen Gesetzgebung festzuhalten und glaubt, dass diese (zusammen mit den hohen Kosten) zu weniger Abtreibungen führt. Weitere Verschärfungen des Gesetzes, etwa eine Verlängerung der "Bedenkzeit", wie sie zur Zeit wieder von türkis-blauen Regierungsmitgliedern diskutiert wird, sprechen Frauen nicht nur ihre Entscheidungsfähigkeit ab, sondern entmündigen sie.

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren bestätigt, dass man mit Restriktionen auf ungewollte Schwangerschaften die Geburtenrate nicht erhöhen kann. Durch die teuren Maßnahmen zwingt man Frauen lediglich dazu, eine hohe finanzielle Bürde auf sich zu nehmen. Die psychischen Folgen, die Befürworter als Grund für eine Bedenkzeit immer wieder ins Spiel bringen, sind laut Studien ebenfalls weniger stark als angenommen. Viel stärker trifft Frauen die gesellschaftliche Stigmatisierung, die durch politische Maßnahmen wie diese befeuert wird.

6. Frauen würden sicherer verhüten – wenn es finanzielle Förderungen dafür gäbe

Wo wir wieder beim Thema Geld wären. Das spielt nämlich bei der Verhütung eine ziemlich große Rolle. Und lässt jene Frauen am schlechtesten aussteigen, die sich teure und sichere Verhütungsmethoden am wenigsten leisten können. Die Ergebnisse des Verhütungsreports bestätigen, dass viele Frauen gerne zu sichereren Verhütungsmitteln greifen würden - wenn sie bezahlt werden. Würden die Kosten übernommen, wären 56 Prozent der befragten Frauen bereit, auf eine "Langzeitmethode" (Kupferspirale, Hormonspirale, Hormonstäbchen-/implantat) umzusteigen.

Eine Stellungnahme zu den Versäumnissen in puncto Präventionsarbeit und den Plänen der aktuellen Regierung in Sachen Abtreibung ist das Gesundheitsministerium schuldig geblieben. Bis Redaktionsschluss ist kein Statement bei der WIENERIN eingelangt.

 

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