Oscar-Highlight: Versteckt hinter der Kontroverse

Eine Frau und ihre Krankheit. Üblicherweise finden diese zwei Dinge eher hinter dem Vorhang statt. Nicht so heuer bei den Oscars. Oder?

Oscars

Montag Morgen, Push-Meldung am Handy: “Will Smith ohrfeigt Chris Rock bei den Oscars”. Ungläubig checke ich YouTube. Will Smith, der sympathische Good Guy. Was war da los?

Was bisher geschah

Etwas Kontext: Jada Pinkett Smith hat Alopecia. Eine Autoimmunkrankheit mit der Folge: Chronischer Haarausfall. Nicht heilbar. Seit Juni 2021 trägt Jada einen Millimeterschnitt.

Chris Rock macht seinen geschmacklosen Witz über Jadas Frisur. Eine Anspielung auf Demi Moore und ihre Glatze. Jada rollt die Augen, Wills Lächeln friert ein. Die Kamera zeigt auf Chris bis er “Oh oh” sagt. Will geht zur Bühne und klatsch.

Momente später: Will Smith erhält seinen Oscar und inszeniert sich in der Dankesrede als fürsorglicher Beschützer. Auf perfide Weise verwendet er das Argument der Täter-Opfer-Umkehr. “He had it coming” schrillt sein Subtext. Da fehlt Differenzierung.

Weibliche Leistungen verliert gegen Watschn?

Medial gesprochen werden Alopecia und Jadas Inspiration für andere Frauen zwar thematisiert. Das ist ein Silver Lining. Trotzdem war Jada im Moment der Watschn eine Frau, die von einem Mann verteidigt wurde. Ihre Krankheit wurde zum Anlass für die Handlung ihres Mannes. Ihre Krankheit wurde zum Nebenschauplatz des Abends. Im Zentrum der aktuellen Diskussion stehen ihr Mann und seine fehlende Selbstkontrolle hinter vorgeschobener Galanterie. Und schon drehte sich der Diskurs nicht um die Erkrankung, sondern um die Frage: War das ein Akt der Liebe oder ist diese Handlung zu verurteilen?

Tatsächlich nimmt er Jada die Aufmerksamkeit. Patriarchat lässt grüßen. Auch als Will Smith “my wife’s name” wiederholt, demonstriert er, wo seine Prioritäten liegen: In der maskulinen Beschützerrolle. Was offen bleibt: Was hätte Jada getan? Bis dato hat sie sich nicht zum Vorfall geäußert. Wir wissen nur, dass sie ihre Augen gerollt hat. Zu sehen, wie diese bad-ass-Frau in dieser Situation gehändelt hätte, bleibt offen.

Handlungsfähigkeit. Autonomie. Selbst aktiv werden. Tatsächlich sind das enorm wichtige Werkzeuge, wenn man chronisch krank ist. Genau das ist es, was Kontrolle über die Situation zurück gibt.

Erfolgreiche Frauen im Schatten der männlichen Handlung

Jada Pinkett Smith gilt als Role-Model und Inspiration für Alopecia. Sie ist Unternehmerin und TV-Host ihrer Real-Life Serie, in der sie sehr offen über Tabuthemen wie Mental Health, ihre Affäre und Beziehungsarbeit spricht. Jada Pinkett Smith ist eine facettenreiche Frau, die Empowerment als SelfCare betrachtet. Die Watschn macht aus ihr eine unsichtbare Frau und verdrängt gleichermaßen die anderen Frauen des Abends.

Die eigentliche News der Oscars war das historische Ergebnis für Frauen in der Filmindustrie! Jane Campion gewann den Oscar als dritte Filmemacherin zweimal hintereinander in der Kategorie “Best Director”. Billie Eilish gewann im Alter von 20 Jahren in der Kategorie “Bester Song”. Ariana DeBose gewann als erste queere Person den Oscar in der Kategorie “Supporting Actress”. Die Liste geht weiter.

Sprechen wir doch darüber. Sprechen wir über chronische Erkrankungen und den Mut von Jada Pinkett Smith, Bewusstsein dafür zu schaffen. Hören wir auf zu fragen, ob die Watschn gerechtfertigt war. War sie nicht. Ende dieser Diskussion.

Über Saskia Höfer:

Saskia Höfer ist Kommunikationsexpertin über Health Literacy, Female Health Care und Aktivistin für Endometriose.

 

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