Online-Dating als Schwarze Frau: "Ich mag dich, weil du so exotisch bist"

Harmloser Zeitvertreib und ein bissi Spaß - das ist Tinder für die meisten. Als Schwarze Frau in einer weißen Mehrheitsgesellschaft macht unsere Redakteurin oft andere Erfahrungen.

Frau am Handy

"Hey, ich mag Schokolade", schreibt mir Max *auf Tinder. Als ich die Nachricht lese, kann ich es erst nicht glauben. "Ist das dein Ernst?" ist alles, was mir dazu einfällt. Ich breche den Kontakt ab. "Ich wette, du kannst gut tanzen, stimmt's?", schreibt mir ein anderer Typ. Ich bin irritiert: In meinem Profil ist keinerlei Hinweis darauf zu finden, dass ich gerne oder gut tanzen würde. Ich frage ihn daher, warum er das glaubt. "Na ja, du schaust halt so aus." Hm. Meine Sympathie schwindet recht schnell. "Ich finde ja 'Mixed'-Frauen am schönsten - nicht zu hell und nicht zu dunkel", teilt mir ein weiterer Tinder-Mann ungefragt mit. Ich lese die Zeilen und weiß nicht recht, wie ich mit diesem "Kompliment" umgehen soll.

* Namen von der Redaktion geändert

Wisch und weg

Als ich mich das erste Mal auf Tinder anmeldete, wusste ich natürlich bereits, dass es hier vorrangig um Oberflächlichkeiten geht. Wen du gut findest, den oder die swipest du nach rechts, wer dir nicht gefällt, ist mit einem Links-Swipe gleich wieder aus deinem Leben verschwunden - wisch und weg, quasi. Dennoch ahnte ich bei Weitem nicht, was auf mich zukommen und welche Rolle meine Hautfarbe auf Datingplattformen noch spielen würde.

Oft teilen mir Typen mit, schon mal in einem afrikanischen Land gewesen zu sein. Einfach so. Ich nehme an, dass sie diese Info einer weißen Frau wohl kaum so aus dem Nichts schreiben würden. Außerdem werde ich regelmäßig auf Englisch angechattet. Ich sehe dann im Profil der Fragenden nach, ob sie vielleicht selbst nicht Deutsch sprechen - was jedoch meist nicht der Fall ist.

Auch werde ich auf Tinder und Bumble häufig nach meiner Herkunft gefragt - an sich ja nichts Ungewöhnliches, wenn man jemanden kennenlernen will. "Aus Wien", antworte ich üblicherweise. Allerdings weiß ich bereits, während ich die Worte tippe, dass einigen diese Antwort nicht reichen wird. "Aber woher kommst du wirklich?", lautet die Folgefrage, die mich mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch zurücklässt. Antirassismustrainerin Tupoka Ogette erklärt in ihrem Buch Exit Racism (Unrast Verlag, € 12,80), dass sich hinter der Herkunftsfrage oftmals ein Wunsch nach Ordnung verbirgt. Genauer: "Der Wunsch, das Gegenüber in eine imaginäre Kiste zu packen." Was auf der Kiste steht, wird schnell klar: "Die anderen". Damit würde das Gegenüber zeigen, dass es Menschen wie mich durchaus faszinierend oder schön finde - doch wäre man eines in den Augen der Fragenden nie: eine*r von ihnen, was Ogette wiederum auf seit Jahren existierende Machtstrukturen in unserer Gesellschaft zurückführt.

Kein Experiment

"Ich bin froh, dass wir ein Match haben. Ich hatte noch nie was mit einer Schwarzen", ließ mich eines Tages ein Tinder-Typ wissen. Als ich diese Mitteilung las, war ich wütend und genervt. Die Lust, mich noch länger auf der Plattform rumzuschlagen, war damit jedenfalls für einige Zeit verpufft. Kein Wunder: Fetischisiert und lediglich als Experiment gesehen zu werden ist kein schönes Gefühl.

Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Als ich andere Schwarze Frauen nach deren Erfahrungen frage, berichten sie Ähnliches: Von Typen, die vermuten, dass sie bestimmt gerne R 'n'B und Hip-Hop hören würden oder - noch schlimmer -sicherlich "wild im Bett" sein würden. Allgemein geht es ständig nur um die Hautfarbe und Fantasien, die erfüllt werden sollen.

Natürlich habe ich Exotisierung, also das vermeintlich positive Hervorheben meiner "Andersartigkeit" (was tatsächlich ziemlich rassistisch ist) auch schon vor meinen Onlinedating-Erfahrungen und abseits des Internets wahrgenommen - eines der ersten Male, als ich etwa zehn Jahre alt war: "Ich mag dich", flüsterte mir ein Klassenkollege damals im Mathematikunterricht ins Ohr, "weil du so exotisch bist."Exotisch? Was soll das denn heißen?", fragte sich mein zehnjähriges Ich. "Bin ich etwa eine seltene Tierart oder eine außergewöhnliche Tropenfrucht? Ich glaube, ich will nicht exotisch sein!", dachte ich damals - wenngleich ich noch nicht wirklich verstand, weshalb die Aussage so verletzend war.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich, dass ich irgendwie anders war als die meisten meiner Mitschüler*innen - zumindest, was das Aussehen betraf. Kinder fragten mich regelmäßig, ob ich adoptiert sei; Erwachsene, die mich das erste Mal sahen und bislang nur meine weiße Mutter kannten, versuchten, ihre Überraschung über mein Aussehen mit überschwänglichen Komplimenten zu tarnen ("Oooh, du hast aber tolles Haar!") - so kam es mir jedenfalls vor. So direkt wie auf Datingplattformen war mir das Vorhalten meiner "faszinierenden Fremdartigkeit" allerdings noch kaum begegnet.

EXOTISCH: Der Begriff ist durch die Kolonialzeit geprägt und daher nicht nur aufgrund seines pauschalisierenden Charakters problematisch.

Gleiche Chancen?

"Wir wollen gerne an der Vorstellung festhalten, dass alle gleiche Chancen haben, Partner*innen zu finden", schreibt Journalistin Alice Hasters in ihrem Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen - aber wissen sollten (Hanserblau, € 17,00). Das sei allerdings nicht der Fall. Tatsächlich belegen das auch Studien: Eine Untersuchung der Dating-App OkCupid aus den USA erforschte von 2009 bis 2014 das Verhalten heterosexueller Nutzer*innen in Bezug auf Vorlieben bei der Partnerwahl. Das Ergebnis: Schwarze Frauen wurden am schlechtesten bewertet und erhielten weniger Likes als Teilnehmer*innen aller anderen ethnischen Zugehörigkeiten. Die Daten würden laut Hasters verdeutlichen, "dass wir unsere Partner*innen nicht aus romantischen Vorlieben heraus wählen oder ablehnen, sondern aufgrund von Vorurteilen, die wir über sie haben".

Ähnlich beschreibt es Soziologin Barbara Rothmüller: "Gerade beim Online-Dating spielen tief verinnerlichte Stereotype eine große Rolle", erklärt sie. "Wenn wir auf Tinder hin und her wischen, haben wir bestimmte Erwartungen und Annahmen im Kopf." Im Fall von Schwarzen Menschen sei dies leider oftmals die Hypersexualisierung, also die Annahme, die Sexualität Schwarzer Personen sei anders und besonders aufregend. Rassistisch-fetischisierende Erlebnisse sind für die Betroffenen sehr verletzend: "Menschen lassen sich auf Begegnungen ein und müssen feststellen, dass sie zum Objekt gemacht wurden. Das ist eine schmerzhafte Erfahrung", so Rothmüller.

HYPERSEXUALISIERUNG: Das Vorurteil, die Sexualität Schwarzer Personen sei anders und besonders "wild" oder "aufregend", lässt sich auf die jahrelange Unterdrückung Schwarzer Menschen zurückführen. In Zeiten der Sklaverei diente die Hypersexualisierung der Legitimation rassistischer Gewalt und Ausbeutung. So wurden etwa Lynchmorde an Schwarzen Männern damit gerechtfertigt, dass sie weiße Frauen aufgrund ihrer "animalischen Sexualität" vergewaltigt hätten.

Auch die Medien spielen in Bezug auf Schönheits-und Attraktivitätsnormen eine große Rolle, erklärt die Soziologin, da hier oftmals nur bestimmte Körper als begehrenswert repräsentiert werden. Zwar gebe es immer wieder Verschiebungen, doch sei es nach wie vor meist weiße Haut, die mit Schönheit in Verbindung gebracht und dementsprechend repräsentiert wird. "In einer rassistischen Gesellschaft ist auch sexuelles Begehren nach den verschiedenen Diskriminierungsformen strukturiert", erklärt Rothmüller. "Wenn wir das verändern möchten, müssen wir als Gesellschaft daran arbeiten, dass sich auch Schönheitsbilder vervielfältigen und Menschen in ihrer Individualität als attraktiv begehrt werden."

Dass Schwarze Frauen in weißen Mehrheitsgesellschaften weniger Matches erhalten, könnte laut Datingexpertin Eva Fischer auch daran liegen, dass viele durch die große Auswahl an potenziellen Partner*innen überfordert sind und lieber auf ein "vertrautes Schema" zurückgreifen: "Es ist nur ein sehr kurzer Moment, in dem wir die Aufmerksamkeit des anderen haben, wodurch Vorurteile noch schneller greifen. Viele verlassen sich dann lieber auf das, was ihnen bereits bekannt ist - wenn auch unbewusst."

Kleine Schritte

Mittlerweile bin ich zwar wieder ab und zu auf Datingplattformen unterwegs -die Angst, erneut Diskriminierung bzw. Fetischisierung zu erfahren, ist aber immer da. Ich will kein Experiment oder lediglich eine Kategorie sein, sondern als Individuum wahrgenommen werden. Ich möchte über meine Interessen sprechen und nicht dazu dienen, Vorurteile zu bestätigen.

Wie leicht es ist, sich von diesen beeinflussen zu lassen, merke ich an meinem eigenen Onlinedating-Verhalten, daher glaube ich, dass wir alle davon profitieren könnten, die eigenen "Auswahlkriterien" und Oberflächlichkeiten hin und wieder zu hinterfragen.

Immerhin: Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten Monaten zumindest ein bisschen was getan hat und ich weniger auf meine Hautfarbe reduziert werde - meine Vermutung ist, dass die Black Lives Matter-Bewegung das Bewusstsein für Alltagsrassismus in der Gesellschaft erhöht hat. Bis sich Frauen wie ich ohne Sorgen über Rassismus oder Fetischisierung auf Datingplattformen bewegen können, ist es allerdings wohl immer noch ein weiter Weg.

 

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