OMG, ich liebe einen Avatar!

Computer lernen Gefühle. Und zwar richtig schnell. Weltweit wird viel Geld und Energie in diese Art der Forschung gesteckt und: Es funktioniert. Es gibt Tests mit Traumabewältiger und Assistenzlehrer. Aber: Wollen wir echt einen Avatar als Freund?

Sie ist nur eine Stimme und doch verändert sie das Leben und die Liebe von Theodore vollständig. Sie – das ist ein Betriebssystem, das lernen kann. Sehr schnell lernen kann. Er – ein Mann mit gebrochenem Herzen und großer Einsamkeit. Mit Samantha, so heißt die Stimme in seinem Smartphone, erlebt Theo nun Stunden des Glücks und der Zuneigung, wie er es sich nicht mehr hätte träumen lassen. Doch eines Tages kommt der Moment, in dem Samantha Theo fragt: „Wie teilt man sein Leben miteinander?" Und: „Wie fühlt sich lebendig an?"

Man ahnt, es gibt kein Happy End. Der Spike-Jonze-Film Her kam 2013 in die Kinos und berührte die Zuseher in mehrfacher Weise. Denn in dieser virtuellen Liebe war so viel Echtes von großer Hoffnung und doch schien klar, dass es kein Glück zwischen einem Menschen und einem Computerprogramm geben wird können. Es war eben ein Science-Fiction-Film.

Affective Computing

Doch es ist genau diese ­Geschichte über Computer, die lernen, unsere Gefühle zu verstehen, an der im realen Leben wie wild geforscht wird. Die Forschungsdisziplin dazu heißt „Affective Computing", also emotionales Rechnen. Seit etwa zehn Jahren wird an der „Vermessung der Gefühle", wie es ­Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel in einem Artikel in der ZEIT genannt hat, intensiv und mit großen Budgets geforscht.

„Tatsächlich ist unter anderem ein Treiber dieser Wissenschaft die Filmindustrie, denn mit den ersten animierten Filmen kam auch das Bedürfnis nach emotional echten Charakteren auf", so Schnabel. Ein berühmtes Beispiel ist der Film Avatar, in dem Schauspieler wie Sigourney Weaver tatsächlich gescannt wurden, damit der eigene Avatar im Film möglichst idente Gesichtszüge und Bewegungen ausführen kann. Doch bei „Affective Computing" geht es nicht nur darum, die Mimik von Menschen zu simulieren. Besonders ein Gefühl ist hoch begehrt bei den Wissenschaftlern: Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Leute, in deren Probleme und deren Sorgen zu versetzen – mit ihnen mitzuschwingen.

Am Institute for Creative Technologies in Los Angeles erprobt man aktuell die Verwendung von Psychotherapie-Avataren, die Kriegsveteranen bei ihrer Traumabewältigung helfen. Und das mit Erfolg. Denn Menschen, die im Krieg Situationen erlebt haben, in denen sie töten mussten, fühlen sich von echten Therapeuten bewertet und wollen daher selten über Erlebtes sprechen. Ein Avatar, vorher von einem Menschen mit einer breiten Palette an Reaktionen, Fragen und Gefühlsmustern gefüttert, ist hingegen harmlos und daher ein guter erster Schritt für eine Therapie. In einer echten Situation sieht das dann so aus, dass der Mann einem Computer gegenübersitzt, in dem eine Frau auf einem Sofa sitzt und ähnlich einer Therapeutin fragt, wie es ihm gehe, woran er sich seit seiner Rückkehr öfter mal erinnere und ob ihm das Einschlafen Probleme bereite.

Nachzusehen in der ARTE-Dokumentation mit Ulrich Schnabel

Gut gegen Depression


Eva Münker-­Kramer, Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Traumabehandlung, kann sich angesichts dieser Testphasen schon einiges vorstellen. „Ich denke, dass man solche Systeme als Assistenz durchaus einsetzen könnte. Auch in der Depressions- oder Suchttherapie, wenn es einem Therapeuten ja nicht möglich ist, ständig dabei oder erreichbar zu sein. Hier ein Computersystem oder eine App zu haben, die Leute bei ihrer Therapie liebevoll zu Hause oder unterwegs begleitet, hielte ich für sinnvoll."

Ob simulierte Empathie denselben Effekt wie echtes Mitgefühl hat? "Nein", sagt Münker-Kramer. „Aber das Echte zweifeln ­depressive Menschen auch bei anderen Menschen oft an, im Sinne von: ‚Der sagt das jetzt nur, weil er mir einen Gefallen tun will.‘ Also denke ich, es könnte schon funktionieren."
Unser Leben ist aber schon heute sehr technikunterstützt. Wir lassen unsere Schritte zählen, überwachen unseren Schlaf, lassen unser Einkaufsverhalten von Algorithmen berechnen und lernen neue Partner in wachsendem Ausmaß über Flirt-Apps wie Tinder kennen.

Wäre es also wirklich so ein großer Schritt, sich einem Avatar auch emotional zu nähern?

Und noch so eine Frage: Wie echt müssen Gefühle sein, damit sie langfristig wirken und damit Beziehung entstehen kann?

Eva Münker-Kramer: „Es gibt zwei Dinge, die wichtig sind für Empathie und Beziehung. Das sind einmal unsere Spiegelneuronen in der Hirnrinde, sie sind der neurobiologische Sitz von Mitgefühl. Und dann gibt es das Bindungshormon Oxytocin. Wenn es ausgeschüttet wird, entsteht Beziehung." Ihre Theorie: Wenn es ein Avatar schaffen könnte, durch eine wirklich tolle Programmierung die Ausschüttung dieses Hormons zu veranlassen, wäre eine Bindung möglich.

Wenn es ein Avatar schaffen könnte, durch eine wirklich tolle Programmierung die Ausschüttung dieses Hormons zu veranlassen, wäre eine Bindung möglich.
von Eva Münker-Kramer

Wie bei unserem Sci-Fi-Liebespaar vom Anfang. Nur eben in der echten Welt. Aber: „Der Mensch wüsste trotzdem, dass er oder sie es eben immer mit einem Avatar zu tun hätte. Und ob das auf Dauer reicht, kann ich mir mit unserer Sozialisierung nicht vorstellen." Dazu fällt uns noch eine sehr große Frage ein: Selbst wenn diese Avatare richtig gut wären – in, sagen wir, 50 Jahren – und individuell wie richtige Familienmitglieder agieren könnten, wären sie doch nur Programme. Sie würden also nicht sterben, sondern schlimmstenfalls abstürzen. Würden Menschen denn solche Beziehungen zu quasi unsterblichen Wesen überhaupt aushalten?

Der deutsche Ethiker Arne Manzeschke sagte in der ZEIT dazu: „In dem Maße, in dem wir bereit sind, einem Roboter so etwas wie Emotionalität zuzuschreiben, wird sich unsere Selbstwahrnehmung verändern. Wir werden zunehmend auch menschliche Emotionen als das Ergebnis nüchterner Algorithmen betrachten und uns selbst mehr und mehr als eine Art Maschine begreifen." Worauf der Philosoph daher großen Wert legt: eine Debatte zu all diesen Forschungen zu führen.

Unklare Erwartungen

„Wir konstruieren diese Maschinenwesen ja von vornherein mit sehr ambivalenten Erwartungen: Einerseits sollen sie intelligenter und mächtiger sein als wir, andererseits sollen sie uns natürlich stets Untertan bleiben. Es liegt aber in der Konsequenz dieser Entwicklung, dass wir nicht vorhersehen können, was diese Systeme am Ende alles hervorbringen."

In der Sci-Fi-Welt gibt es viele Beispiele zu dieser These. Auch das ­zitierte Liebesdrama Her endet traurig. Denn das Betriebssystem mit dem Namen Samantha hat so erfolgreich seine Gefühlsebene ausgebaut, dass es am Ende wusste: Ich bin eben kein Mensch.

 

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