Omar Khir Alanam: "Integration passiert dann, wenn die Nationalität keine Rolle mehr spielt"

Der Autor und Poetry-Slammer Omar Khir Alanam räumt in seinem neuen Buch "Feig, faul & frauenfeindlich" mit Vorurteilen auf. Eine Aufforderung zum Dialog, zum Kompromiss; zum Miteinanderreden und Einanderverstehen.

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Er stellt sich gerne existenzielle Fragen wie: Kann ein Araber Anhänger der Saunakultur werden? Wie schon in Omar Khir Alanams letztem Buch Sisi, Sex und Semmelknödel: Ein Araber ergründet die österreichische Seele, das im September 2020 erschienen ist. Oder auch: Warum darf ein Hund U-Bahn fahren und ein Lamm nicht? Und was passiert mit den 4.233 Asylwerber*innen, die vom Innenministerium laut dessen Homepage unter "Sonstige Entscheidungen" abgefertigt werden? Müssen die alle im Niemandsland zwischen den Grenzen warten?

Die Themen des Autors aus Syrien: Liebe, Exil, Revolution, Flucht, Ausgrenzung; aber auch Heimat, Hoffnung und Identität – all das konstant bewusst humorvoll. "Ich bin der, den die Araber belächeln. Wegen meiner Haare. Ich bin der, den die Österreicher bewundern. Wegen meiner Haare", sagt er. Heute hat Khir Alanam längst festgestellt, dass man in Österreich mit besonderen Haaren ganz besonders leicht mit anderen ins Gespräch kommt. "Noch leichter geht es nur noch beim Gassigehen mit Hunden", so der Autor.

Und immer wieder diese Diskrepanz, diese manchmal schwindel­erregende Gratwanderung zwischen Angekommensein in der neuen Heimat und Festhalten an den vergangenen Werten aus der Kindheit. Auch mit den Vorurteilen muss aufgeräumt werden – auf beiden Seiten: "Eine Muslimin kann tiefgläubig sein und sich trotzdem gegen das Kopftuch entscheiden", schreibt er in seinem neuen Buch. "Wer hört ihre Gebete, wer maßt sich an, in ihr Herz sehen zu können, wo der Glaube sitzt? Sicher keiner der Männer, die ihr vorwerfen, sie sei vom rechten Weg abgekommen."

Sprache als Schlüssel

Schon wer sein erstes Buch Danke! Wie Österreich meine Heimat wurde gelesen hat (erschienen im März 2018 im edition a-Verlag), weiß, wie sehr Omar Khir Alanam die deutsche Sprache liebt. "Deutsch ist schwierig, aber Sprache ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen", sagt er. "Sprich Deutsch, Oida" war gestern – mit seinen manchmal bewusst provokanten Texten darf Khir Alanam heute auch ­jenen eine Stimme geben, die keine mehr haben.

Alte Heimat, neue Heimat

Der ehemalige Student der Betriebswirtschaftslehre aus Syrien war einer von ihnen: den Heimatlosen, den Flüchtlingen. Er musste aufgrund des Kriegs das Studium unterbrechen und seine Heimat fluchtartig verlassen.

Zuerst floh er in den Libanon, dann in die Türkei. Im November 2014, nach zwei Jahren Odyssee durch ganz Europa, kam er in Österreich an. Seine erste Station: ein Flüchtlingsheim irgendwo verloren in den Tiroler Bergen. Auf der Alm sah es aus wie bei Heidi und dem Ziegenpeter. "Auch im arabischen Raum gab es diese Zeichentrick­serie. Rund um uns herum ein weißes Nichts, nur schneebedeckte Berge und Wiesen", so Khir Alanam. Mit den Fingern schrieb er auf Arabisch in den Schnee: "Wer bin ich?"

In seinem neuen Buch mit dem provokanten Titel Feig, faul & frauenfeindlich: Was an euren Vorurteilen stimmt und was nicht zeigt der Autor, welche Vorurteile gegen AraberInnen einen wahren Kern haben und weshalb. Natürlich eckt er wieder an: "Die arabische Community könnte sich angegriffen fühlen. Die vielen Europäer, die sich um die Integration geflüchteter Zuwanderer bemühen, könnten mir böse sein. Die Rechten könnten sich bestätigt fühlen. Doch wenn alle bereit sind, sich mit meinem Zugang auseinanderzusetzen, werden sie bemerken, dass meine Botschaft eine des Friedens ist." Mit diesem Buch versucht Khir Alanam, die Wirklichkeit abseits von Meinungsmache, Populismus und Opferrolle zu zeigen, um so die Fronten zwischen rechts und links in der Zuwandererdebatte aufzuweichen.

Syria meets Styria

In Graz hat er eine neue Heimat gefunden. Das Wohnhaus, in dem er lebt, befindet sich am Schloßbergplatz am Fuße des Schloßbergs. "Ich habe es geschafft, Flüchtling zu sein und zugleich den Prominentenbonus zu erhalten", sagt Khir Alanam heute. "Hier in Graz habe ich das Gefühl der Angst verloren. Angst ist immer auch ein Zeichen von Unsicherheit. Graz ist für mich ein anderes Wort für Heimat. Und seine Heimat soll man beschützen – aber auch mit denen teilen, die keine haben."

Dynamisch geht es in seinem neuen Zuhause vor allem in der Küche zu: Kochen ist neben dem Schreiben Khir Alanams Lieblingsbeschäftigung. Österreichische Mehlspeisen liebt er. Und Kernöl. "Auf keinem Salat darf es fehlen. Ich liebe es, zu kochen, vor allem für andere. Beim Kochen kann ich Liebe geben und zeigen. Dazu gehört natürlich auch ein festlich gedeckter Tisch." Seine "syrisch-omarische" Küche, wie er sie selbst bezeichnet, darf dann auch sehr kreativ sein. Auch wenn andere für ihn kochen, freut ihn das. Und wenn jemand Krautrouladen ohne Speckmantel für ihn macht, freut ihn das umso mehr.

Sich zugehörig fühlen

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In der Küche bereitet Khir Alanam auch seine Workshops und Schreibwerkstätten vor, bei denen er Jugendlichen das Thema ­Integration näherbringen will. "Angst, nicht dazugehören zu dürfen, führt dazu, dass sich vor allem junge Menschen zurückziehen. Und vor allem minderjährige Flüchtlinge werden somit gefährdet, unter den Einfluss von Radikalen zu geraten. Ausgrenzung ist die Spirale, die sich mit jeder Umdrehung schneller dreht und alles mit sich reißt. Für mich war jeder neue Kontakt, jedes neue Gespräch mit den Menschen, denen ich in meiner neuen Heimat begegnet bin, ein Gewinn. Und je mehr ich geben konnte, desto mehr bekam ich – ein Schneeballsystem. Integration passiert dann, wenn die Nationalität keine Rolle mehr spielt", so der Autor.
An seinem Lieblingsplatz am Fenster kann er stundenlang sitzen und sinnieren. Wie damals in Damaskus, wo Khir Alanam abends als Kind gerne auf der riesigen Dachterrasse saß, auf die Sterne blickte und versuchte, sie zu zählen; heimlich: "Bei uns sagt man nämlich, dass man Sterne nicht zählen darf, weil man sonst Pickel bekommt. Aus Angst davor habe ich mir immer eingeredet, dass ich sie gar nicht gezählt habe."

Die Orte, an denen seine Texte entstehen, sind für ihn zweitrangig. "Ich schreibe überall. Ich muss mich da, wo ich schreibe, wohlfühlen, aber das können je nach Stimmung sehr unterschiedliche Plätze sein."

Khir Alanam hat in seiner neuen Heimat schon spannende Beobachtungen gemacht, und er macht sich auch Gedanken über unsere Traditionen. "Traditionen sind schön, Traditionen sind schwierig", sagt er. "Als ich zum ersten Mal im Fasching auf der Straße eine 60-jährige Frau als Erdbeere verkleidet gesehen habe, bin ich fast erstickt." Auch den EU-Heimtierausweis – damit das Haustier reisen kann, in kräftigem EU-Blau mit strahlend gelbem Sternenkranz und freundlichen Buchstaben – fand der Autor ein bisschen gewöhnungs­bedürftig.

Die Macht der Worte

"Wenn ich gerade viel Inspiration zum Schreiben habe, renne ich meist ganz aufgeregt durch alle Zimmer. Wenn ich es dann schaffe, mich zu sammeln, setze ich mich hin und schreibe alle Ideen auf. Ich weiß heute, dass ich angekommen bin. Ich werde meine Geschichten erzählen, solange eine junge Muslimin nicht frei und ohne äußeren Druck entscheiden kann, ob sie ein Kopftuch tragen will oder nicht. Solange fundamentalistische Imame verkünden, dass europäisches Recht für einen Muslim nicht gilt. Solange mein alter Schulfreund aus Syrien nicht heiraten kann, wen er möchte. Und solange mir Menschen erklären wollen, was ich schrei­ben darf und was nicht." Beim Schreiben denkt er an die Worte seines Großvaters: "Ein Wort kann einen Menschen töten – aber ein Wort kann einen Menschen auch lebendig machen."

 

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