Olivia Peter: Wieder wie mit 14!

WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peter findet: Es gibt Tage, da wünscht man sich, wieder Kind zu sein. Freigesprochen von jeglicher Verantwortung. An anderen möchte man mit dem Fuß aufstampfen und sagen: "Ich bin ja kein Kind mehr!"

Olivia Peter Kolumne März 21

Zugegeben, ich war nie ein großer Fan vom Zahnarzt. Was erstaunlich ist. Weil mir weder Zähne gerissen noch abgeschliffen wurden. Ich musste keine Zahnspange tragen und habe auch keine Weisheitszähne rausoperiert bekommen. Auch Plomben gibt's in meinem Mund nicht allzu viele. Ich kann mich nur an eine einzige Situation erinnern, die unangenehm war - allerdings eher für die anderen als für mich. Ich muss so um die zehn gewesen sein und bekam eine Plombe. Deshalb auch eine Spritze. Alles im Mund war taub und mir war fad.

Weil meine Mutter noch auf dem Behandlungsstuhl lag, musste ich mir im Wartezimmer die Zeit vertreiben, und weil es so lustig war, auf der tauben Lippe rumzubeißen, machte ich das mit Hingabe und freute mich über den interessanten Blutgeschmack im Mund. Als meine Mutter mit ihrer Behandlung fertig war, war auch ich mit der Behandlung meiner Lippe fertig: Die war ungefähr aufs Dreifache angeschwollen. Alle waren entsetzt. Mit mir wurde geschimpft und Essen gelangte drei Tage lang nur mittels Strohhalm in meinen Mund.

Ausgeliefert

Dennoch schrumpfe ich jedes Mal auf die Größe einer Haselnuss zusammen, wenn ich auf dem Zahnarztstuhl liege. Nicht aus Angst, sondern weil der Zahnarzt mit mir schimpft. Mit mir! Einer erwachsenen Frau! Die ein Haus gebaut hat. Ein regelmäßiges Einkommen hat. Ihre Steuererklärung rechtzeitig - also nach mehrmaliger Aufforderung ihrer Steuerkanzlei - macht. Ein Auto sicher durch den Straßenverkehr steuert. Aber sobald man mir sagt, ich möge "Aaaah" sagen, fühle ich mich wieder wie mit 14. Ausgeliefert und schutzlos. Unfähig, mich zu wehren.

Ich sehe nur die entsetzten Augen des Zahnarztes hinter seiner dreifach verglasten, kugel-und spucksicheren Schutzbrille. Nehme sein Kopfschütteln wahr. Höre Sätze wie: "Sie müssen besser putzen!", "Verwenden Sie Zahnseide?!", "Sie haben einen Ferrari im Mund, aber fahren damit im Schlamm!" Was wirklich schlimm ist? Ich kann mich nicht rechtfertigen! Ich habe gefühlt das gesammelte Inventar der Zahnarztpraxis in meinem Mund! Je mehr er da über mir hantiert und werkt und den Kopf schüttelt, desto mehr verschmelze ich mit dem Zahnarztstuhl und wünsche mir eine dunkle Sonnenbrille, damit ich wenigstens seinem vorwurfsvollen Blick entfliehen kann. Warum ich den Zahnarzt nicht wechsle? Weil ich mich bei allen anderen genauso fühle!

Auch beim Friseur ist's kaum besser

Weil es unfair wäre, nur eine Berufsgruppe zu bashen, nehme ich noch eine zweite mit: Friseurinnen und Friseure! Ja, ich habe meine Haare zu lange nicht geschnitten. Ja, ich weiß, dass die Färberei nicht gut für sie ist. Ja, ich habe davon gehört, dass das Glätteisen die Haare kaputt macht. Nein, ich mache nicht jeden Tag eine Packung. Aber ich bin auch noch nie in eine Autowerkstatt gefahren und musste mich rechtfertigen, warum ich nicht täglich den Ölstand messe! Kurz: Ich weiß, dass ich mein Leben nicht im Griff habe -aber ich dachte, dafür gibt es euch!

 

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