Olivia Peter: "Spiel mir das Lied ..."

Ein Leben ohne Musik ist für WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peter schwer vorstellbar. Sie umarmt uns, wenn wir traurig sind. Sie pusht uns, wenn wir müde sind, und sie fordert und fördert uns, wenn wir sie plötzlich selber machen.

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Meine Eltern haben mir zum Hauseinzug ein (vor allem emotional) sehr wertvolles Geschenk gemacht. Eines, das für immer bleiben wird. Noch da sein wird, wenn sie es nicht mehr sind. Allein der Gedanke daran formt diesen komischen Kloß in meinem Hals. Aber noch sind sie da, und das Geschenk seit Kurzem auch. Ein Klavier - ich korrigiere: Ein E-Piano ist neu in mein Haus eingezogen.

SCHWARZ. Anfangs war ich nicht sicher, ob meine Eltern sich das Geschenk nicht vielleicht mehr selbst gemacht haben als mir. Weil es immer ihr großer Traum war, dass die Familie Hausmusik macht. Ich korrigiere erneut: Es war Vaterns Traum. Selbst ein virtuoser Pianist. Er kann den Flohwalzer. Eine Variation, die er verlässlich spielt, wenn Besuch kommt. Und eine Auswahl an Weihnachtsliedern. Wobei meine Mutter unterm Weihnachtsbaum meist schon die Töne singt, bevor mein Vater die dazugehörigen Tasten findet. Das sorgt dann meist nicht nur für Verstimmung am Klavier. Weil mein Vater also diesen Traum hatte, hat er meiner Mutter zur Hochzeit vor 37 Jahren ein Hackbrett geschenkt. Wir könnten es noch heute auf Willhaben unter "Alt, dafür ungebraucht und ungeliebt" verkaufen. Meine Schwester wurde als musisch minderbegabt eingestuft und musste nur die Blockflöte quälen. Oder die Blockflöte sie.

Mir wurde das Piano zugedacht. Problem: Ich kann keine Noten lesen (bzw. nur mit unfassbar langer Vorlaufzeit) und lerne dafür wahnsinnig schnell auswendig. Das mag jetzt schön klingen, ist in Wahrheit aber ein Worst-Case-Szenario. Denn wenn ich mich einmal verspiele, kann ich nicht einfach weiterspielen wie jeder andere, sondern muss von vorne beginnen, um mich an besagter Stelle wieder zu verspielen. Ergo: Wer mit mir Weihnachten feiern will, nimmt sich am besten bis Silvester nichts vor. Denn ich verspiele mich oft. Sehr oft. Außerdem war ich nicht unbedingt die fleißigste Klavierschülerin. Üben? Gar nicht meins. Einmal war mir das so peinlich, dass ich mich vor der Klavierstunde von meinen Mitschülern in voller Montur ins Schwimmbadwasser schmeißen ließ. Überzeugt, dass der Klavierlehrer -klatschnass, wie ich war -die Stunde absagen würde. Mitnichten. Er ließ mich im Badeanzug spielen. Eine volle Stunde.

WEISS. Aber heute ist Klavierspielen anders als damals. Es gehört nur mir. Ich muss für niemanden spielen. Kein Druck. Just the two of us. Oft vergesse ich einfach die Zeit, wenn ich am Klavier sitze und übe. Ich kann schon drei Lieder. Weihnachtslied ist keines dabei. Denn in einem bin ich mir treu geblieben: Ich spiele erst unter dem Weihnachtsbaum, wenn mich Schwestern auf der Blockflöte und Muttern auf dem Hackbrett begleiten. Das muss die Gefühlsklaviatur meines Vaters aushalten.

 

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