Olivia Peter: Probier's doch mal mit Spießigkeit!

Im Leben von WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peter ändert sich aktuell ganz schön viel: Neuer Job. Neues Haus. Neuer Alltag. Stress? Oder vielleicht die beste Entscheidung ihres Lebens.

Vase Fensterbrett

Nach guten zehn Jahren in Bobotown (mitten im Neunten) bin ich jetzt offiziell Kleingärtnerin. Im Siebzehnten. Mitten in der Vorstadt. Zwischen Weinbergen und Buntspechten. Ich kenne meine Nachbarinnen. Alle. Mit Vor- und Nachnamen. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 70. Sie heißen Inge, Traude, Eva und Christa und nennen sich selbst "die Reihe der lustigen Witwen". Jeden Tag um 18 Uhr gibt es ein Treffen mit Musik und Sprudel. Und ja, manchmal gehe ich sogar hin.

Morgentau statt Instagram

Der örtliche Supermarkt wirkt mehr wie ein Krämer-oder Ferienladen und die Kassiererin spricht mich mit "mein Liebchen" an. Ich stehe oft um sechs Uhr auf. Nicht, um eine Yoga-Einheit zu machen, ins Fitnessstudio zu hechten oder am Donaukanal laufen zu gehen, sondern einfach nur, um am Fenster oder auf der Terrasse zu stehen und der Sonne beim Aufgehen zuzuschauen. In der Hand einen dampfenden Becher Kaffee. Eingewickelt in meine Bettdecke.

Wenn ich am Wochenende mitten in der Nacht aufwache, dann nicht, weil Betrunkene laut grölend den Heimweg antreten oder sich ein Taxi vor meiner Haustür einbremst, sondern weil die Vögel so laut zwitschern, dass ich mich im Urwald wähne. Dann liege ich im Bett und höre ihnen zu. Nicht grantig, dass sie mich geweckt haben, sondern dankbar, dass ich sie hören darf.

Mein erster Akt am Morgen ist nicht der Blick auf Insta oder in meine Arbeitsmails, sondern ich gehe in den Garten. Barfuß. Durchs noch taufrische Gras. Schauen, ob wieder ein paar Erdbeeren reif sind. Ob der Salat gut wächst. Ich freue mich darauf, die Mülltonne vom Haus vor zum Kleingartentor zu rollen. Den Biomüll immer am Dienstag. Den Restmüll immer am Donnerstag.

Wien ist am schönsten im Rückspiegel

Ich mag die Stadt noch immer - aber verstehe die burgenländische Pendlerweisheit: Wien ist am schönsten im Rückspiegel. Klar könnte ich sagen, ich lebe jetzt das dänische Hygge, das schwedische Lagom oder das finnische Sisu -um alldem einen hippen Anstrich zu verleihen. Aber in Wahrheit: Die vom Garten schmutzigen Füße in der Badewanne zu waschen, mit der Handbürste den Dreck unter den Fingernägeln wegzuschrubben, sich über Marder und Luftkissenrasenmäher zu unterhalten, das ist alles verdammt spießig, vorstädtisch, aber es macht auch verdammt glücklich. Zumindest mich.

Und sollte es mit der Spießigkeit zu viel werden, steht im Garten mein guter Freund Poldi. Ein scheußlicher kleiner Gartenzwerg, den ich vor langer Zeit gewonnen habe. Ich habe ihn hier aufgestellt -natürlich mit der ironischen Distanz einer Großstädterin -, aber mittlerweile find ich ihn ziemlich süß.

 

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