Olivia Peter: "Mehr Kitsch braucht das Leben!"

Als Teenager bin ich nicht gerne abgeholt worden. Schon gar nicht von meinen Eltern. Uncool. Lästig. Aber anders war Heimkommen am Land nicht möglich. Heute frage ich mich ernsthaft: Gibt es was Schöneres, als abgeholt zu werden? Mehr Kitsch braucht das Leben!

Olivia Peter Kolumne

Es ist Freitag. Kurz vor Mitternacht. Ich bin geschlaucht. Habe eine lange Zugfahrt hinter mir. Keine Sitzposition kann mich mehr glücklich machen. Ich will nur mehr raus aus dem Zug. Fühle mich dreckig. Verschwitzt. Die vertraute Stimme von Chris Lohner sagt: "Nächster Halt: Jenbach. Next stop: Jenbach." Und plötzlich ist es da. Dieses Gefühl, das sich immer einstellt kurz vor dem Ziel.

Das unschlagbare Gefühl von "Nach-Hause-Kommen". Im Flugzeug ist es noch viel intensiver als im Zug. Vor allem, wenn man nachts landet. Wenn sich diese wunderbare Stille im Passagierraum ausbreitet. Die Stewardessen das Licht dimmen. Einem die Lichter der Stadt entgegenleuchten. Das ist der Moment, an dem sogar die härtestgesottenen Businessleute weich werden. Ihre Laptops ausschalten. Sich in den Stoff ihrer Sitze schmiegen und aus dem Fenster schauen. Ob sie vielleicht irgendwo in dem Meer aus Lichtern ihr Haus sehen können.

Ein letztes Mal legt sich der Zug in die Kurve. Dann spüre ich, wie die Bremsen greifen. Sehe Fragmente des Bahnsteigs, und kurze Zeit später trete ich hinaus in die dunkle Nacht. Wandere den Bahnsteig entlang. Begleitet vom scheppernden Geräusch meines Rollkoffers. Und da steht sie. Wie seit Jahren. Verlässlich. Vertraut. Warm. Meine Mama.

Denn wenn man abgeholt wird, kommt man nicht einfach nur an, sondern nach Hause.

by Olivia Peter

Sie nimmt mir den Koffer ab. Drückt mich kurz an sich. Ich sage, es sei doch nicht nötig gewesen, mich abzuholen. Sie sagt, so spät fahre ich ihr nicht mehr durch die Nacht. Ich sage, ich sei erwachsen. Sie sagt, so erwachsen könne ich gar nicht werden. Kurz: Wir zerreden den Moment. Dabei will ich ihr eigentlich nur sagen: Es ist schön, abgeholt zu werden. Es ist schön, nach Hause zu kommen. Nach dem Wochenende fahre ich wieder zurück nach Wien. Telefoniere kurz mit dem Mann. Sage ihm, wann ich ankomme. Sage, dass ich dann mit der Straßenbahn heimfahre. Oder mit dem Taxi. Oder dem Uber. Warte kurz. Ob er vielleicht vorschlägt, mich abzuholen. Macht er nicht. Eh. Ich bin erwachsen. Unabhängig. Er braucht ja nicht quer durch die Stadt zu fahren, um mich am Bahnhof abzuholen. Überhaupt. Die Zeiten sind vorbei, in denen wer mit Willkommensschild in der einen Hand und Blumenstrauß in der anderen am Bahnhof stand. Alles eher peinlich. Unangenehm. Trotzdem spüre ich einen Hauch von Enttäuschung. Sage aber nichts. Pseudoerwachsen eben.

Der Zug rollt in Wien ein. Ich wuchte meinen Koffer aus dem Gepäckfach. Schaue durchs Zugfenster, und da steht er. Die Hände in den Hosentaschen, ein schiefes Grinsen im Gesicht. Diesmal warte ich nicht, bis der Moment verstreicht. Es ist schön, abgeholt zu werden. Denn wenn man abgeholt wird, kommt man nicht einfach nur an, sondern nach Hause. Beizeiten werde ich das meiner Mama auch mal sagen. Wobei: Ich glaube, sie weiß es schon.

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