Olivia Peter: Liebes, altes Tagebuch!

Schreiben ist wieder voll in Mode: Man soll Glückstagebuch führen und am Ende des Tages aufschreiben, welche fünf Momente einen besonders glücklich gemacht haben. Ich habe eine bessere Methode: Im alten Tagebuch lesen. Da kommen Glück und Lachen von ganz allein.

Olivia Peter

Seit einer halben Stunde sitze ich lachend im Schlafzimmer. Amüsiere mich prächtig. Ich habe mein altes Tagebuch gefunden. Beim Kistenauspacken. Seit einigen Wochen bin ich in meinem neuen zu Hause. Mit mir eingezogen auch hunderte unansehnlicher, braunfarbiger Kartons. Die stehen jetzt herum. Wie debil dreinschauende Kühe auf einer Weide. Warten darauf ausgepackt zu werden. Kleiderkartons. Bücherkartons. Geschirrkartons. Alles da. Nur die Möbel fehlen. Aus lauter Fadesse packe ich irgendwann den Bücherkarton aus und beginne, die Bücher einzeln mit dem Staubsauger abzusaugen. Man wird kreativ, wenn man zu viel Zeit hat. Oder auch einfach nur komisch. Aber dann fällt mir mein Tagebuch in die Hand. Staubsauger, Fadesse, Putzfimmel. Vergessen. In der Sekunde.

Mein Tagebuch offenbart schon am Einband meinen Charakter. Da, wo einst das Schloss war, ist es aufgeschnitten. Ich habe irgendwann den Schlüssel verloren. Bin ein Schlamperdatsch. Die einzige Möglichkeit: Selbst in mein Tagebuch einbrechen. Dafür dann gleich auf der ersten Seite die groß und rot geschriebene Mahnung, die sicherlich jeden vom Lesen abhalten würde: "Wer das liest, ist wirklich gemein und soll auf ewig ein schlechtes Gewissen haben!" Offenkundig war ich ein fieser Teenager. Ein wirklich fieser Teenager. Der sich nie als solcher gefühlt hat. Ich kam mir immer reichlich erwachsen vor. Ganz anders als die anderen. Nicht so pubertär. Nicht so frühreif. Einfach ein wenig über den Dingen stehend. Während des Lesens komme ich drauf: Ich war es nicht. Kein Stück. Ich war ein ganz normaler, nerviger, total pubertierender Teenager. Und habe offenbar die meiste Zeit damit verbracht, mich bei meinem Tagebuch zu entschuldigen. Fast jeder meiner Einträge beginnt mit dem Satz, den ich heute häufig bei Telefonaten mit meinen Eltern bemühe: "Liebes Tagebuch! Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe."

Fotoalben aus der Kindheit sind schön. Ja, ich gehöre noch der Generation an, die nicht einen USB-Stick an den PC steckt, um sich Babyfotos anzusehen. Meine Eltern haben noch ein richtiges Fotoalbum für mich angelegt. Und fanden mich offenbar nur als Baby gut. Mit fortschreitendem Alter dünnen die Fotos rapide aus. Ihr Spruch könnte sein: "Liebes Fotoalbum! Es tut uns leid, dass wir schon so lange keine Fotos mehr gemacht haben! Wir haben unser Kind trotzdem lieb. Jedenfalls meistens!" Aber Fotos dokumentieren nicht die Gefühle, die man hatte. Die sofort wieder da sind, wenn man sein altes Tagebuch liest. Und am Ende steht die Erkenntnis: Man hat sich gar nicht so verändert. Damals war die Schule blöd. Heute ist es die Arbeit. Damals hat man mit der Schwester gestritten. Heute mit dem Freund.

Das Einzige, was sich geändert hat: Damals hat mein sein Leben ganz geheim mit seinem Tagebuch geteilt. Heute teilt man es ganz öffentlich mit Facebook oder Instagram. Aber da wie dort liest man alte Einträge mit dieser einzigartigen Mischung aus peinlich-berührt und einfach-gerührt.

 

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