Olivia Peter: "Komm ins Bett, Liebling!"

Kranke Männer. Tausende Kolumnen beschäftigen sich mit dem kranken, leidenden Mann. Dass er nichts erträgt. Dass er wehleidig ist. Dass er so tut, als sei er kurz vor dem Sterben. Was macht in der Zwischenzeit eigentlich die Frau?

Der Mann ist krank. Das ist insofern ungewöhnlich, als er nie krank ist. In unserer Beziehung hat es sich eingebürgert, dass er das Gesundheitsministerium innehat und ich das Seuchen- und Virendezernat. Aber jetzt hustet er. Übt auf der Couch schon mal die Sargposition. Verlangt nach Hühnersuppe. Ich sag’s gleich: Ich bin nicht gut im Betreuen. Ich werde eher hantig als mitleidig. Gebe Stakkato-Sätze von mir: „Ab ins Bett!“ „Halt die Hand vor!“ „Trink Tee!“ Und mein Favorit: „Steck mich ja nicht an!“ Das scheint mein herbes Tiroler Erbe zu sein. Hühnersuppe bekommt er trotzdem. Weil er sie bei meinem letzten Mal Kranksein im Tiefkühler für mich eingefroren hat. Auftauen kann ich. Hühnersuppe zumindest. Mein Mitleid? Nicht.

In der Apotheke wird mir bewusst, dass ich vielleicht nicht die umsorgendste aller Freundinnen bin. „Ist der Husten Ihres Freundes eher trocken oder verschleimt?“ Verschleimt. Würd ich spontan sagen. Wobei … doch eher trocken. Was weiß ich?!? „So, dass er mich nervt!“ Die Apothekerin zieht die Augenbraue hoch. Gibt mir eine Kombi-Medizin. Wünscht meinem Freund alles, alles Gute. Vielleicht sollte ich sie auch gleich einpacken und mitbringen. Die kann das besser. Mit der Medizin und dem Mitleid.

Zu Hause krächzt der Mann: „Danke!“ Ich gehe Hände waschen.

Im selben Zimmer zu nächtigen wie er geht natürlich nicht. Ich überlege kurz, ob ich den Mann auf die Couch ausquartiere. Das wäre aber gar sehr herzlos. Also frage ich Herzlichkeit simulierend: „Magst du lieber im Bett oder lieber auf der Couch vorm total tollen, ablenkenden, Hammer-Spielfilme sendenden und über Netflix verfügenden Fernseher schlafen?“ Sag Couch! Sag Couch! Er entscheidet sich für: „Bett!“ Verdammt! Weil ich auf der Couch nicht schlafen kann, wird am Wohnzimmerboden ein Matratzenlager errichtet. Freude habe ich keine. Aber ich schlafe überraschend bequem. Die ganze Nacht Tiefschlaf. Etwas, das ich sonst nie schaffe. Weil der Mann schnarcht. Sich rumwälzt. Auf meiner Seite liegt. Noch lesen will. Mich mit seinen kalten Füßen berührt. Atmet. Einfach ist. Ich weiß, ich klinge grausam. Aber ja, so ist es. Alleine schläft es sich einfach besser. So machen wir das eine Woche. Doch irgendwann sagt der Mann den Satz, vor dem ich mich am meisten fürchte: „Ich glaub, heute können wir wieder beide im Bett schlafen.“ Oh! Ich schaue zur Matratze. Sie nickt mir zu. Sag es ihm! Trau dich! Steh zu uns! Ich schaue beschämt zu Boden: „Wie schööön!“ Enttäuschter Matratzenblick. Sie klimpert heftig mit ihren langen, geschwungenen Daunenfedern. Eine Träne perlt langsam an ihnen ab. Und ich höre mich sehnsuchtsvoll den Satz seufzen: „Gut! Aber heute schlafe ich noch einmal im Wohnzimmer. Nur so zur Sicherheit!“

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