Olivia Peter: Kein Mensch kommt wirklich pünktlich

Ticks: Habe ich. Ich putze zum Beispiel die Wohnung, bevor die Putzfrau kommt. Ich schreibe Texte auf Schmierzetteln vor, bevor ich sie in Geburtstagskarten übertrage. Aber mein schlimmster Tick ist meine (Über-)Pünktlichkeit.

Ich bin ja der festen Meinung: Kein Mensch kommt wirklich pünktlich. Es gibt die notorischen "Zu-früh-Kommer" und die notorischen "Zu-spät-Kommer". Ich gehöre eindeutig zur ersten Gruppe. Wenn ich einen Termin habe, rechne ich genau aus, wann ich los muss. Sprich: Fahrzeit +Parkplatzsuche +möglicher Stau + unvorhergesehene Ereignisse = mindestens halbe Stunde zu früh vor Ort.

Ich rede mir ein, dass mich diese Überpünktlichkeit entstresst. Ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn was mache ich dann? Im geparkten Auto vor der Haustür herumgammeln, alle drei Sekunden aufs Handy schauen, mich komisch fühlen. Was, wenn der Termin gerade oben am Fenster steht und sieht, dass ich jetzt eine halbe Stunde Zeit im Auto totschlage? Oder noch schlimmer: am Auto vorbeigeht und mich drinnen sitzen sieht? Im privaten Bereich? Null besser. Wer mich um sieben zum Essen einlädt, kann sicher sein: Zehn vor sieben bin ich da. Der Mann findet: Das geht nicht! Gar nicht! Setzt die Gastgeber unter Druck. Sehe ich ein! Also spazieren wir am Gehsteig auf und ab. Punkt sieben will ich zur Klingel. Der Mann sagt: Geht nicht! Bei Einladungen hält man sich an die akademische Viertelstunde! Klingelt also frühestens (!) um zehn nach. Das wiederum verstehe ich nicht. Wozu mache ich mir bitte eine fixe Zeit aus, wenn dann niemand daherkommt? Würde ich in der Küche stehen und die Gäste verspäten sich um zehn Minuten, fände ich das nicht hilfreich, sondern unhöflich. Unser Kompromiss: Wir läuten um fünf nach und der Mann entschuldigt sich. Weil wir zu früh oder zu spät sind -so genau weiß ich das nicht.

Würde ich in der Küche stehen und die Gäste verspäten sich um zehn Minuten, fände ich das nicht hilfreich, sondern unhöflich.

Olivia Peter

Jedenfalls hatte ich letzte Woche einen Termin. Einen sehr wichtigen Termin. Großer Auftrag. Toller Kunde. Beeindruckende Adresse. Aber schwierige Adresse. Weil Parkplatz Mangelware. Also bin ich früh los. Okay, ich gebe es zu: eine Stunde zu früh. Der Mann hat mich ausgelacht. Mir egal. Natürlich direkt vor der Haustür einen Parkplatz gefunden. Herumgegammelt. Nicht ausgestiegen; weil peinlich, wenn einen wer sieht. Fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit aus dem Auto gestiegen und Türschilder gelesen. Kurze Verwirrung. Kein Türschild am Eingang? Seltsam. Vielleicht falsche Stiege? Durchs Haus geirrt auf der Suche nach Stiege 3. Nichts gefunden. Den Portier gefragt. Der sagt mir, Stiege 3 gibt es nicht. Im Handy nochmals Adresse nachgeschaut. Panikattacke. Falsche Adresse. Nicht Stubenring, sondern Schubertring. Vor lauter Panik rein ins Auto statt Füße in die Hand. Kein Parkplatz weit und breit. Alles zurück. Selber Parkplatz wie vorher. In High Heels den Ring entlanglaufen. Verschwitzt ankommen. Die zehnminütige Verspätung fühlt sich an wie eine zehnstündige - und dann kommt der Satz: "Herr XY wird sich um eine Stunde verspäten!"

Und trotzdem weiß ich: Ich würde es jederzeit wieder tun. Das mit dem Zu-früh-Kommen.

Kontakt: olivia.peter@wienerin.at

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