Olivia Peter: Irgendwann bleib i dann dort

WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peter hat kein klassisches Urlaubsfernweh, sondern tatsächlichen Länderliebeskummer: "Ich liebe England - und kein Brexit dieser Welt kann das verhindern."

Olivia Peter

The grass is always greener on the other side!" Ein berühmtes englisches Sprichwort. Und am greensten ist das grass nun mal genau hier: in good old England! Sanfte Hügel. Blendend weiße Schäfchen drauf. Ein Traktor, der über das Feld fährt. Im Hintergrund ein kleines Häuschen, aus dessen Kamin fröhlich Rauch in den blitzblauen Himmel steigt. So sahen meine Kinderzeichnungen aus, und so sieht für mich auch England aus.

WUNDERLAND. Ich kann nicht genau erklären, woher meine anglophile Neigung kommt. Ich weiß nur: Sie war da, bevor ich dieses Land überhaupt bereist habe. Und als ich dann zum ersten Mal dort war: jeder Moment pures Glück. Für mich ist in England einfach alles besser. Beispiele? Bitte, gerne! Autofahren: Nimm eine Straße, in der nur ein Auto Platz hat -was passiert? In Österreich: Von beiden Seiten fahren Autos hinein, um in der Mitte wild hupend aufeinanderzutreffen; die Fahrer schleudern einander Nettigkeiten an den Kopf. In England? Von keiner Seite fährt ein Auto hinein, weil beide Seiten damit beschäftigt sind, einander höflich den Vortritt zu lassen. Nächstes Beispiel: das Wetter. In England regnet es immer, in Wien ist es immer grau? Beides ist Bullshit, beides hält sich aber hartnäckig. Der Umgang mit dem plötzlichen Aufblitzen von Sonne -gänzlich verschieden. In Wien: "Heast, trotzdem Oaschwetter!" In England: "Oh, the wheater is lovely, isn't it?" Noch mehr Beispiele gefällig? Schlafen im Hotel: In Österreich buchst du und man schleudert dir entgegen: "Aber die Rezeption ist nur bis sechs besetzt!" In England schickt man dir ein zehnseitiges Mail, mit Empfehlungen, was du unternehmen kannst, wo es die besten Drinks gibt, wo du das Auto günstig betanken kannst und warum du deinem Navi nicht trauen solltest, das dir den Schleichweg der Einheimischen verschweigt. Außerdem sind Menschen, die im Hotel gratis (!) Wasserkocher, Cookies, drei verschiedene Tee-, drei verschiedene Kaffeesorten und haufenweise Milch und Zucker zur Verfügung stellen, sowieso die besseren Menschen. Und dass dort Palmen aufblühen, während sie bei uns eingehen, ist auch ein Zeichen.

AUSBLICK. Ob das alles maßlos übertrieben ist? Selbstverständlich! Ob in England wirklich die besseren Menschen wohnen? Auf keinen Fall! Ob in England wirklich die schöneren Häuser stehen? Na ja! Ob das bessere Klima herrscht? Für Menschen mit Naturlocken eher nicht. Aber ich habe für mich beschlossen: "Irgendwann bleib i dann dort, lass alles lieg'n und steh'n, geh von daham für immer fort. Darauf gib i dir mei Wort, wievü Jahr' a no vergehn, irgendwann bleib i dann dort!" Und es stört mich null, dass der Verfasser dieser Zeilen noch immer genau dort sitzt, wo er sie vor Jahrzehnten zu Papier gebracht hat -in der tiefsten Steiermark.

 

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