Olivia Peter: Du bist Immobilienmakler*in? Dann lies nicht weiter!

Denn du wirst WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peter nicht mögen. Verurteilen, was sie getan hat oder versucht hat zu tun. Aber sie würde es trotzdem jederzeit wieder machen.

Illustration einer Frau vor Umzugskartons

Ich liege gelangweilt im Bett. Seit Tagen laboriere ich an einer Darmerkrankung. Netflix? Leer geschaut. Lesen? Zu anstrengend. Schlafen? Geht eigentlich immer. Aber irgendwie lande ich dann doch bei Handyschauen. Scrolle durch meine Timeline. Mir stockt das Herz: Meine alte Wohnung ist wieder frei!! Ich erkenne sie sofort. Meine erste, von mir heiß geliebte Wohnung. Irgendwer, den ich nicht kenne, hat den Link geteilt, und in Sekundenschnelle keimt in mir der Entschluss: Ich muss sie sehen!

Ich halte mich ja nicht für sonderlich sentimental. Aber bei meiner alten Wohnung ist das vollkommen anders. Kein einziges Mal, wenn ich mit Auto, Rad oder Straßenbahn daran vorbeifahre, vergesse ich, zu winken. Da mich mein Arbeitsweg täglich an meiner alten Wohnung vorbeiführt, könnte man sagen: Ich winke täglich. Ich stelle mir vor, wer hier jetzt wohl wohnt. Ein glückliches Pärchen. Das wünsche ich mir. Obwohl ich damals ausgezogen bin, weil die Wohnung zu klein ist, um ein glückliches Pärchen lange glücklich bleiben zu lassen.

Aber egal. Gute Menschen sollen in meiner Wohnung wohnen. Welche, die mir sympathisch wären. Ich frage mich, ob sie wohl jemals meinen Zettel gefunden haben. Den, den ich in der Sockelleiste versteckt habe. Das kann man jetzt strange, weird, kitschig finden, aber am letzten Tag, als die Wohnung komplett leer geräumt war, habe ich mich mit einer Flasche Sekt auf den Boden gesetzt und mich von meiner Wohnung verabschiedet. Ihr gedankt für die tolle Zeit, die wir miteinander hatten. Dann habe ich auf einen kleinen Zettel geschrieben, dass ich den Nachmietern wünsche, sie mögen es hier so schön haben wie ich.

Date mit der Vergangenheit

Die erste Wohnung ist ähnlich wie die erste Liebe. Vielleicht nicht perfekt, aber du verzeihst es ihr. Denn du hast (noch) keinen Vergleich. Weißt nicht, dass da draußen auch andere Wohnungen und Häuser sind, die vielleicht besser zu dir und deinen Bedürfnissen passen. Die Erinnerungen sind glasklar: der Moment, als ich nach wochenlanger Suche die Anzeige entdeckt habe. Sofort wusste: Die ist es! Der bange Moment, ob sie in echt auch so schön ist wie auf den Fotos. Der harte Kampf mit den anderen Interessenten. Wer ist schneller? Der harte Kampf mit den Eltern. Geht's nicht besser? Die erste Unterschrift unter einem Mietvertrag. Werde ich eh nicht reingelegt? Der Kauf der ersten Möbel. Vom ersten eigenen Geld.

Der Beschluss jedenfalls steht. Ich vereinbare einen Besichtigungstermin. Die Maklerin sagt zu. Ein bisschen regt sich das schlechte Gewissen. Aber die Neugierde ist stärker. Werde ich empfinden, was ich damals empfunden habe? Sieht sie aus wie in meiner Erinnerung? Würde ich mich heute wieder für sie entscheiden? Um es kurz zu machen: Ich werde es niemals wissen, denn 20 Stunden vor dem geplanten Termin sagt die Maklerin ab. Wer anderer war schneller. Oder, auch eine Möglichkeit: Die Maklerin hat noch mal schnell die Liste der Vormieter gecheckt.

Zu allen bisher erschienenen Kolumnen von Olivia Peter.

 

Aktuell