Ohne Schranken

Wir müssen wieder weg von dem Gesund-und-Fit- Diktat hin in Richtung Genuss und Geschmack. Wir zeigen wie´s geht.

Ernährungswissenschafterin Erika Lasser-Ginstl besucht mit ihrem Genusskoffer Volksschulen um Kindern das Schmecken zu lehren. Geschmack kann man lernen, je früher, desto besser. „Wenn kein Druck da ist, sind Kinder gern bereit, angebotene Lebensmittel auszuprobieren und trainieren so ihren Geschmack", so Lasser-Ginstl Aber auch für ältere Semester besteht Hoffnung. Da sich unsere Schmeckzellen alle 20 Tage erneuern, kann man sich so an neue Geschmäcker gewöhnen - vorausgesetzt man möchte das. „Das funktioniert zum Beispiel gut beim Kaffee. Wenn man auf den Zucker verzichten möchte, schmeckt es anfangs nicht. In den ersten Tagen hilft uns aber die Vernunft das Vorhaben durchzu-ziehen. Bevor man wieder schwach wird, haben sich jedoch bereits neue Schmeckzellen gebildet und die bevorzugen dann den weniger süßen Kaffee", erklärt die Ernährungs-wissenschafterin, der es um einen bewussten und mündigen Umgang mit Essen geht. Genießen wirkt sich nicht nur aufs Wohlbefinden aus, sondern auch auf die Gesundheit und das Körpergewicht. Das bestätigt auch der eingangs erwähnte Genussbarometer. Demnachhaben 47 Prozent der Genießer Normalgewicht, aber nur jeweils 38 Prozent der Genusszweifler und Genussunfähigen. Letztere führen hingegen bei den Adipösen (Fettleibigen) mit 17 Prozent, gefolgt von Genusszweiflern mit 15 Prozent und den Genießern mit 11 Prozent.

Hör auf deinen Körper
Auch Genuss-Expertin Barbara van Melle ist von der positiven Wirkung des Genießen- Könnens auf die Gesundheit überzeugt. „Wir kennen alle die Ernährungspyramide und wissen, was wir essen sollten beziehungsweise, was gesund für uns wäre. Nur: Es funktioniert nicht über die Ernährungspyramide, es funktioniert nur über Geschmack und Genuss", ist die Obfrau von Slow Food Wien überzeugt.
Immerhin hat der „Verein zur Förderung des Rechtes
auf Esskultur, Genuss und der regionalen Vielfalt der Lebensmittel" hohe Ansprüche. Lebensmittel sollen gut, sauber und fair sein, sprich herausragend schmecken, ökologisch und nachhaltig produziert sein und den Produzenten einen fairen Preis einbringen. Van Melle geht es um die Wertigkeit der Lebensmittel, eine Reduktion
auf das Wesentliche und ein Zurück zur Einfachheit.
„Es geht nicht mehr um Garnelen oder Kaviar, sondern
um einfache Dinge, wie ein richtig gutes Bauernbrot",
bringt es die Slow-Food-Vertreterin auf den Punkt. Und es geht darum, den Geschmack wieder zu entdecken. Dann stellt sich auch der Genuss- und mit ihm die Gesundheit - ein. Es wäre doch schade, wenn das Land des Genusses ohne Genießer auskommen müsste.

Geschmack kann man lernen!

Das ist viel leichter, als man vermuten möchte.
Unsere Schmeckzellen erneuern sich alle 20 Tage komplett. Das zu wissen hilft, seine Ernährung umzustellen bzw. sich ungesunde Gewohnheiten wegzutrainieren. Bei der Umstellung von gezuckertem auf ungezuckerten Kaffee etwa rümpft man anfangs vielleicht noch die Nase, aber nach drei Wochen hat man absolut vergessen, wie gezuckerter Kaffee schmeckt!
 

Aktuell