"Ob Hofer, Strache oder Trump: alle wollen, dass Frauen viele weiße Babys bekommen"

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz übt Kritik am Frauen- und Familienbild der FPÖ.

30 Jahre Wienerin – 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Interview: die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz.

"Wenn Ihr Kollege Höflein die Wahl gewinnt, dann brauchen Sie keine Gutachten mehr. Da werden Sie als Mann genommen und da gibt es keine Spompanadln mit dem Geschlecht. Da geht es dann wieder um die Familie als die Keimzelle des Volkskörpers und da müssen Sie Ihre Geschlechterrolle spielen." (Auszug aus Wahlkampfroman 2016. „So wird das Leben.“ 17. Folge.)

In ihrem "Wahlkampfroman" kritisert die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz Norbert Hofers Welt- und Frauenbild scharf. Und auch sonst nimmt sich die freiberufliche Autorin und Regisseurin kein Blatt vor den Mund. Sie porträtiert in ihren Werken Frauen und ihre Lebensrealitäten authentisch und ohne Tabus. Ihre Texte sind immer höchst brisant und politisch. Ob Frauenarmut oder Feminismus - Streeruwitz schreibt unermüdlich für eine Welt, in der Frauen sich nicht mehr für ihre Entscheidungen rechtfertigen müssen, in der sie in der Liebe und im Leben nicht von Männern, Äußerlichkeiten und patriarchalen Strukturen abhängig sind. Für eine Welt, in der Frauen nicht ständig und überall zum Schweigen gebracht werden.

Wir trafen die erfolgreiche Autorin zum Gespräch und redeten mit ihr über Rückschritte in Sachen Gleichberechtigung, autoritäre Familienmodelle der FPÖ und das Schreiben als politischen Akt.

Kürzlich ist der „Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums erschienen. Er attestiert für Österreich eine "dramatische Rückwärtsentwicklung" in Sachen Gleichberechtigung. Überrascht es Sie, dass Österreich hier zurückfällt?

Marlene Streeruwitz: Nein, das ist überhaupt nicht überraschend. Dass es aber noch über 200 Jahre dauern wird, ist doch ein wenig dramatisch. Schließlich hat es vor wenigen Jahren noch geheißen, dass es 2040 schon so weit sein wird. Das heißt: die ganze Situation hat sich verschlechtert.

Haben andere politische Themen frauenpolitische Anliegen überlagert?

Das war immer so – dass von linker und rechter Seite versprochen wurde, dass man sich um „die Frauen kümmert“. Früher hätten wir das Verschleierung genannt, heute brauchen wir das gar nicht mehr so nennen, weil es der normale Zustand ist. Frauen verschwinden schon, während sie besprochen werden. Sie verschwinden in einer Leerstelle. Das heißt auch: Wir stehen auf derselben Stufe wie in total fundamentalistischen Gesellschaften. Ich nehme nur das Beispiel Parlament, wo sexistisches Benehmen ganz selbstverständlich passieren kann und Empörung keinen Ausdruck finden kann und auch keine der KoalitionspartnerInnen, die sagen: „So geht das nicht.“ Institutionell wird das nicht besprochen. Es gibt keine positive Vereinbarung, was einer Frau zusteht – oder sogar was eine Frau ist.

Wären Frauenquoten eine Maßnahme, um dem entgegenzuwirken?

Leider ist das eine ganz notwendige Maßnahme. Die rechten Männer kritisieren genau das und verlangen ja für sich selbst auch wieder Quoten – aber wenn alle Quoten verlangen, kann man ja einmal Halbe-Halbe machen.

Weil Sie von den rechten Männern sprechen: die haben sich ja dieses Jahr ganz stark in frauenrechtliche Themen eingebracht, wenn es darum geht, „unsere Frauen“ zu beschützen. Was halten Sie von dieser Debatte?

Frauen müssen nicht beschützt werden, Frauen müssen geschätzt werden.

In diesem Kontext wurde etwa auch das Burkini-Verbot stark diskutiert – mit dem Argument, Frauen werden unterdrückt.

Ich finde es ja sehr interessant, dass Männer so ein Interesse daran haben, Regeln aufzustellen, was Frauen anhaben sollen. In dem Fall geht es ja dann eigentlich um das Ausziehen von Frauen – vielleicht sollen sie lieber ein Dirndl tragen? Keine Ahnung. Ich halte das für einen Nebenschauplatz. Ich bin gegen Kleiderverbote. Die Angst vor dem Niqab ist lächerlich, weil wenn die Frau einreist, muss sie sowieso die Passkontrolle passieren – und dann soll sie doch machen, was sie will. So eine Katstrophe ist das Ganze ja wirklich nicht. Natürlich könnten wir uns alle verschleiern, den ganzen Tag lang – damit unsere Unsichtbarkeit auch einmal wirklich vorgeführt wird. Das wäre eine ganz schöne Aktion: ein Niqab-Tag für alle Wienerinnen, und feministischen Wiener natürlich.

Ein anderes aktuelles politisches Thema: die Bundespräsidentschafts-Wahl. „Bei der Wiederholung der Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten steht die Entscheidung für oder gegen die Demokratie an“, sagen Sie über Ihren „Wahlkampfroman“. Sehen Sie auch Frauen in Gefahr, sollte Hofer gewählt werden?

Im Handbuch der Freiheitlichen Partei steht, dass wir keine Frauenförderung brauchen, sondern nur Selbstbewusstsein an den Tag legen sollen. Ich glaube daran mangelt es uns ja nicht. Selbstbewusstsein ist nicht das Problem – das Problem sind die Strukturen, die den Aufstieg oder die Gleichberechtigung verhindern. Wenn das weggenommen wird, etwa Gleichstellungskommissionen, dann wird die Situation noch elender. Dieses Zurückschieben an die Person ist ungefähr so, als würde man Sklaven sagen: „Ja leider, ihr seid zwar Sklaven, aber fühlt’s euch doch frei.“ Ich würde mir schwertun, darunter zu leben.

Die Familienkonstruktion einer Freiheitlichen Partei sieht nach wie vor so aus: der Vater ist der dominante Hausvater und Ernährer, die Frau soll möglichst viele Kinder bekommen und zuhause bleiben, um genau diese Kinder in dieser autoritären Situation zu erziehen, also zuzurichten.
Marlene Streeruwitz

Mit dieser „Freiwilligkeit“ wird immer wieder argumentiert – sowohl bei Frauen im Beruf als auch etwa beim Thema häusliche Gewalt. Was ist so schwierig an dieser von der FPÖ geforderten Freiwilligkeit?

Es ist die Rückführung ins 16. Jahrhundert – mit allen Folgen. Die Freiheitliche Partei schreibt wenig zu den Frauen selbst. Das ist ein kurzes Kapitel. Da gab es einmal den Satz: „Lesbische Feministinnen haben die Frauen dazu verführt, sich auf Förderungen zu verlassen.“ Der wurde aber rausgenommen. Sie versuchen also schon Sprachregelungen zu finden. Doch die Familienkonstruktion einer Freiheitlichen Partei sieht nach wie vor so aus: der Vater ist der dominante Hausvater und Ernährer, die Frau soll möglichst viele Kinder bekommen und zuhause bleiben, um genau diese Kinder in dieser autoritären Situation zu erziehen, also zuzurichten. Das sollten wir als Frauen sehr scharf beobachten und einsprechen. Es geht ihnen darum, dass Frauen ganz viele Babys bekommen. Das ist das, was diese fundamentalistischen Männer wollen – das will der Herr Trump, das will der Herr Hofer, das will der Herr Strache – viele weiße Babys, die in dieser Abhängigkeit von dem Vater schon autoritär zugerichtet sind und damit dem Staat als Verschiebemasse zur Verfügung stehen. Das ist ein Konzept aus dem 17. Jahrhundert und anti-demokratisch. Weil wir von einer demokratischen Person erwarten, dass sie all ihre Fähigkeiten ausbaut und dann folglich auch ihr Geschlecht selbst bestimmen kann.

Das heißt: es steckt auch eine rassistische Politik dahinter?

Ja, es ist eine rassistische, heteronorme Politik. Das heterosexuelle Paar spielt die Hauptrolle und der Mann bekommt die alten Rechte in der Kernfamilie. Darüber wäre laut FPÖ die größere Veränderung zu erwarten als über Frauenförderung. Weil die Frau dann beschäftigt wäre, vier oder fünf Kinder zu bekommen und in vollkommene Abhängigkeit des Mannes geraten würde, weil sie dann kein Anrecht auf Unterhalt hat. Es gibt einen langen Weg der Entmachtung der Frau in der Familie, der nun hier in einer Art Rollback-Verfahren noch einmal verstärkt werden würde.

Welches Zeugnis würden Sie denn feministischen Bewegungen in Österreich ausstellen? Gibt es genug feministischen Widerstand?

Man kann nicht beides haben. Man kann nicht generationenweise antifeministisch argumentieren und dann verlangen, dass es dann noch viele Feministinnen gibt. Die feministischen Gruppen sind zerfallen und aufgelöst, weil die Generation alt geworden ist – und auch weil vieles, gerade in Wien, einfach erledigt ist. Erfreulicherweise. Es gibt ja auch diesen Teil. Zum Beispiel ist die Frauenberatung in Wien vorbildlich. So gesehen ist auch viel erreicht. Was nicht erreicht ist, ist dass es im kulturellen Rahmen Österreichs nicht gelungen ist, Gleichberechtigung zu etablieren. Das liegt aber auch daran, dass die Männer verweigern, diese Anerkennung zu geben. Da gibt es ganze Generationen von Männern, die daran schuld sind. Ich habe vor, in einem Projekt eine Art Tribunal zu machen und mir anzusehen, wer denn jetzt genau schuld war. Es klingt immer so, als wären das private Verbrechen, die sich zwei Leute ausmachen. So ist das aber nicht. Es ist ein strukturelles Problem. Da kann man schon mal schauen, warum das Burgtheater erst eine Direktorin hat, wenn es pleite ist. Warum chauvinistische Inhalte in der Hochkultur selbstverständlich weitergeführt werden, etc.

Man kann nicht generationenweise antifeministisch argumentieren und dann verlangen, dass es dann noch viele Feministinnen gibt.
Marlene Streeruwitz

Haben Sie in Ihrer Laufbahn als Schriftstellerin Sexismus erlebt?

Beim letzten Roman hat sich der Kritiker im „Standard“ darüber lustig gemacht, dass sich diese Frau duscht. Bei einem Autor käme der nicht auf die Idee, sich das überhaupt zu fragen. Schmähungen sind ziemlich einfach – und das treffe ich schon oft.

Gibt es etwas, das Sie jungen Schriftstellerinnen mitgeben würden?

Ironisch würde ich sagen: dadurch, dass die Situation in dieser Nicht-Veränderung geblieben ist, hat eigentlich alles, was Frauen machen – vor allem kulturell – immer diesen revolutionären Charakter des Sich-auf-die-Bühne-Reklamierens. Das ist etwas, was auf jeden Fall mal lustig ist. Es wäre aber schöner, es wäre alles erledigt und wir könnten uns endlich darum kümmern, adäquate Kunst und Kultur zu machen, wie es einem postindustrialisierten Zeitalter entspräche. Aber so haben wir immer noch diesen Widerspruch in unserer Arbeit. Der ist natürlich auch sehr beflügelnd. Dass zu benutzen und dieses Plateau zu erreichen, auf dem dann die Kommunikation nicht mehr in Geschlechter eingeteilt ist. Bis dahin haben aber mindestens 17 Generationen noch einmal Platz.

Die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante hatte sich dazu entschieden, anonym zu bleiben, wurde aber „geoutet“ von einem Journalisten. Was halten Sie davon, dass sie anonym bleiben wollte?

Wenn wir Demokratie wollen, dann ist es schon wichtig, dass wir wissen, auf wen der Text zurückzuführen ist. Natürlich haben wir alle Lust, anonym zu bleiben, um uns dem Elend dieser Öffentlichkeit zu entziehen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, politisch dazustehen und dafür einzustehen, den Text zu vertreten.

Wenn Sie das Schreiben als politischen Akt sehen, soll also auch die Person dahinter transparent sein?

Ja. Die Kultur ist ja so industrialisiert, dass Sie bei fast allem, was Sie täglich sehen, gar nicht mehr eine Person haben, auf die das zurückzuführen ist – sondern auf ein Team, eine Agentur oder andere Vorgänge. Genau die Literatur wäre jetzt der eine Bereich, in dem eine Art vorindustrielles Arbeiten gerade noch möglich ist. Gerade für Frauen gibt es hier die Möglichkeit, noch einmal als Einzelperson aufzutreten. Sonst gibt es nur mehr industrielle Versatzstücke in der Kultur. Das ist dann sehr wenig. Solange es Autorinnenschaft gibt, sollten Frauen das wirklich benutzen.

6 Fragen an Marlene Streeruwitz


Was haben Sie von einer Frau in Ihrem Leben gelernt?

Ich habe immer wieder von vielen Frauen alles gelernt.

Was kotzt Sie momentan an?

Maskulisten und Maskulinisten und die Frauen dazu.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Feminismus ist eine Lebensform, die viele Ziele für viele Frauen erreicht hat und die, sich immer wieder neu formierend, für Frauen die einzige Möglichkeit ist.

Welche Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Es sollte möglich sein, sich als Frau immer neu entscheiden zu können und immer eine Welt vorzufinden, in der das richtig ist.

Welches Ereignis hat Sie im vergangenen Jahr besonders bewegt?

Da fällt mir jetzt nichts ein.

Warum würden Sie nicht mit Ihrer Großmutter tauschen wollen?

Weil meine Großmutter zwei Kriege mitgemacht hat, von denen ich sehr froh wäre, wenn wir sie uns ersparen könnten.

Marlene Streeruwitz (66) wurde in Baden bei Wien geboren. Sie studierte Slawistik und Kunstgeschichte in Wien und arbeitet als freiberufliche Autorin und Regisseurin, die seit 1986 Romane, Theaterstücke und Essays veröffentlicht, in Wien, London und New York. Ihr aktueller Roman heißt "Yseut." und ist im S. Fischer-Verlag erschienen.


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