Norbert Hofer fordert "Bedenkzeit" vor Abtreibung

Dass der Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer (FPÖ) wenig von Frauenrechten versteht, hat er in der gestrigen "Puls 4"-Diskussion erneut bewiesen.

Die Gebärmutter ist, laut FPÖ-Handbuch, "der Ort mit der höchsten Sterbewahrscheinlichkeit in unserem Land". Ein Satz, von dem sich der Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer (FPÖ) in der gestrigen "Puls 4"-Diskussion mit Alexander Van der Bellen (Die Grünen) nicht distanzieren wollte.

Da geht's um ein Leben, nicht um die Frau


Von der Moderatorin Corinna Milborn (Puls 4) darauf angesprochen, sagte Hofer: "Wenn sich eine Frau für eine Abtreibung entscheidet, sollte man zumindest ein paar Tage Frist einräumen - zwischen der Entscheidung und dem tatsächlichen Eingriff." In dieser Zeit sollten die Frauen darüber beraten werden, welche Möglichkeiten sie haben, vom Staat unterstützt zu werden. "Da geht's um ein Leben", sagte Hofer. "Nein, da geht's um die Frau", sagte Van der Bellen.

Dass es Hofer wirklich nicht um die Frauen geht, glauben wir ihm sofort. Schließlich hat er keine Ahnung von den Lebensrealitäten dieser Frauen, versucht aber dennoch, sie zu bevormunden. Dass es Frauen - vor allem alleinerziehende Mütter - in Österreich alles andere als leicht haben, das scheint dem FPÖ-Politiker entgangen zu sein. 42 Prozent der Alleinerziehenden sind von Armut betroffen - und das sind fast ausschließlich Mütter. Und dazu trägt vor allem das traditionelle Familienbild bei, das in Österreich vorherrscht: Frauen bleiben zuhause, arbeiten (eventuell) später in Teilzeit, haben kaum externe Kinderbetreuungsmöglichkeiten (vor allem am Land), verdienen nach wie vor weniger als Männer, mehr als die Hälfte bekommt zu wenig Unterhalt - all das sind Faktoren, die es tatsächlich sehr schwer machen, in unserer schönen "Heimat" ein Kind alleine groß zu ziehen. "Das traditionelle Familienbild trägt viel zur Armut von Frauen bei", sagt auch Jana Zuckerhut von der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende. Und genau dieses traditionelle Familienbild will die FPÖ schützen.

Deshalb setzt sich Hofer etwa auch gegen die Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren ein, denn: "Nur die Partnerschaft von Mann und Frau ermöglicht unserer Gesellschaft Kinderreichtum", heißt es im Parteiprogramm, das Norbert Hofer übrigens mitverfasst hat.
 

Frauenhäuser zerstören Ehen?


Interessant ist auch, dass gerade FPÖ-Politiker jetzt vermehrt das Thema sexuelle Gewalt thematisieren. Sind es doch vor allem die Blauen, für die das Thema Gewalt gegen Frauen bisher ein Fremdwort war. So lehnte etwa die FPÖ Amstetten im Jahr 2012 eine Subvention für das Frauenhaus ab, da dieses "Ehen zerstöre". Frauenhäuser seien ein "Unfug der abgestellt gehört", hieß es dazu im Parteiblatt.

Hofers Kontrahent und Präsidentschaftskandidat der Grünen, Alexander Van der Bellen, sieht in Hofers Aussagen übrigens eine "Bevormundung erwachsener mündiger Frauen - also wenn's um die geht" - und trifft es damit eigentlich auf den Punkt. Denn um die Frauen geht es bei Hofer - und der FPÖ - nicht. Nie. Es geht nicht darum, wie Opfer von Gewalt Schutz finden können, schließlich zerstören Frauenhäuser Ehen. Es geht nicht darum, ob Frauen selbst über ihren Körper entscheiden sollen, schließlich muss das ungeborene Leben geschützt werden. Es geht auch nie darum, was mit Opfern sexueller Gewalt passiert, woher sie kommen, wie viele Frauen täglich in ihrer Ehe und von ihren Partnern missbraucht werden und wie diese Frauen zu ihrem Recht kommen. Nein, darum geht es nicht.
 

Das veraltete Frauenbild der FPÖ fördert Gewalt gegen Frauen


Viel wichtiger ist Hofer nämlich, sich Täter herauszupicken, die die aus seiner Sicht falsche Herkunft besitzen, diese an den Pranger zu stellen, um Hass zu schüren, zu hetzen und zu spalten. Ein Großteil der Gewalt gegen Frauen passiert nämlich nach wie vor in österreichischen Ehebetten, Gewaltschutzeinrichtungen konnten keinen Anstieg "ausländischer" Sexualstrafdelikte feststellen. Österreicher sind in der Verurteilungsstatistik 2015 bei Sexualdelikten mit insgesamt 294 Schuldsprüchen drei Mal so stark vertreten wie "Ausländer" (103), wie eine Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ zeigte.

Und überhaupt bringt uns die Diskussion darüber, aus welchen Ländern die Täter kommen, nicht weiter. Denn Gewalt gegen Frauen beginnt in den Köpfen. Und solange wir diese Köpfe auch hier in Österreich mit einem traditionellen, veralteten und sexistischen Frauenbild füttern (danke, FPÖ!), wird sich auch nichts an der Tatsache ändern, dass Frauen Opfer von Gewalt werden und dass sie als solche nicht gehört werden. Der große Skandal ist nicht das, was die FPÖ und Norbert Hofer zu einem machen - der große Skandal ist, dass nicht einmal eine von zehn Vergewaltigungen in Österreich zur Anzeige gebracht wird. Dass nicht einmal jede 5. Anklage zu einer Verurteilung führt. Dass sich diese Zahlen seit Jahrzehnten nicht geändert haben.

Und anstatt die Selbstbestimmung der Frauen zu fördern, propagiert Norbert Hofer genau das Gegenteil - und will jetzt auch noch Frauen eine "Bedenkzeit" vor der Abtreibung vorschreiben. Das Recht auf Abtreibung ist eines der fundamentalsten Rechte von Frauen. Und es steht noch immer auf wackeligen Beinen. Denn in anderen Ländern müssen Frauen nach wie vor ihr Leben riskieren, um es wahrnehmen zu können. Dass wir uns mit Forderungen à la Norbert Hofer zurückentwickeln und Frauen somit wieder einmal vorschreiben, was sie zu tun haben, ist nur ein weiterer Grund, warum Frauen den FPÖ-Kandidaten nicht wählen (sollten). Denn die 27 Prozent, die ihm bei der letzten Wahl ihre Stimmen gaben, sind woanders besser aufgehoben.

Zur Serie: Der WIENERIN-Fail-Button "zeichnet" regelmäßig besonders rückständige Ansichten in Sachen Frauen- und Familienpolitik aus.

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