Noomi Rapace

In ihrer Heimat Schweden ist Schauspielerin Noomi Rapace ein Star: Seit ihrer Rolle als Punk-Ermittlerin wird sie dort als die neue Pippi Langstrumpf gefeiert. Warum man sich auch hierzulande ihren Namen merken sollte (und was es mit diesem auf sich hat)? Ein Portrait einer Frau, die das Wort Furcht nicht kennen will.

Lev, ihr kleiner Sohn, hätte sie fast nicht wiedererkannt, als sie zum ersten Mal aus der Maske kam: pechschwarzer Irokesen-Haarschnitt, dunkel geschminkte Augen, schwarze Lippen, Piercings im Gesicht. Der Look, so gibt Schauspielerin Noomi Rapace zu, sei aber nicht nur für ihren Sechsjährigen gewöhnungsbedürftig gewesen. Sie selbst hätte sich in Drehpausen oft und viel im Spiegel angeschaut, konnte kaum den Blick von sich wenden. Ähnlich dürfte es auch dem Kinopublikum in Schweden gegangen sein. Denn seit Noomi Rapace als Punk- Ermittlerin für die Verfilmung der Stieg-Larsson-Roman-Trilogie Verblendung, Verdammnis, Vergebung über die Leinwand flimmerte, gilt sie als Star. Und hat sich in ihrer Rolle als Lisbeth Salander zu Schwedens bekanntester Filmheldin seit Pippi Langstrumpf gespielt. Lisbeth, die Hauptfigur, hat zwar kein Äffchen und kein Pferd. Dafür ist sie eine Computer-Hackerin mit fotografischem Gedächtnis und Nahkampf-Fertigkeiten.

Noomi Rapace

Noomi mit Mads Mikkelsen (r) und Barthelemy Grossman (l) in Cannes

Und lebt wie Pippi nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen. Für genau diese Eigenschaften hat Darstellerin Noomi Rapace viel übrig. Und das nicht nur, weil sie selbst in jungen Jahren Nieten, Piercings und einen "Ich pfeif auf die Welt"-Blick trug.

"Die Rolle der Lisbeth ist die einer Überlebenskünstlerin. Sie ist oft schlecht behandelt worden, aber sie weigert sich, in Selbstmitleid zu zerfließen", sagt sie. "Das schaffen leider nur wenige. So oft liegen Frauen auf der Couch rum, stopfen Süßigkeiten in sich rein und lassen sich von Problemen so lange zerfressen, bis sie unfähig sind, sie anzupacken. Lisbeth ist eine Kämpferin, das mag ich."

Denn als Kämpferin sieht sich Noomi selbst. Auch für die Rolle der Punkfrau musste sie kämpfen. In der Romanvorlage ist diese nämlich zaundürr und eher hässlich. Noomi weder das eine noch das andere. Der Regisseur winkte daher zuerst ab: zu weiblich, zu hübsch. Doch sie blieb hartnäckig - und versprach: Ihr werdet Augen machen.

Noomi Rapace
Noomi Rapace
(geb. Noomi Norén) wurde am 28. Dezember 1979 in der schwedischen Provinz Hudiksvall geboren.

Als Kind einer Schwedin und eines spanischen Flamenco-Tänzers, der die Familie verlassen hat, wuchs Noomi mit dem neuen Mann der Mutter und zwei Halbgeschwistern in Südschweden und Island auf.

Sie besuchte die Waldorfschule, bis sie im Alter von 15 Jahren nach Stockholm zog.

Neben kleinen Auftritten in schwedischen Fernsehserien studierte sie 1998/1999 Schauspiel an der Skara Skolscen.

In Schweden schon bekannt, gewann sie internationale Aufmerksamkeit durch die Verfilmung der Stieg Larsson-Triologie ab 2009 Verblendung, Verdammnis und Vergebung.

Seit 2000 mit dem Schauspieler Ola Rapace verheiratet, kam zwei Jahre später deren Sohn auf die Welt.

Mit einer strikten Diät und knallhartem Kampfsporttraining ließ Noomi ihre weiblichen Kurven verschwinden und wirkte bald androgyn, fast hager. Dann kamen die Haare radikal unter die Schere. Augenbrauen, Ohren, Nase und Lippen zu piercen war da nur ein Klacks. Nicht nur äußerlich hat sich seit der Lisbeth-Rolle in den drei Romanverfilmungen Verblendung (2009), Verdammnis (2010) und Vergebung (Österreichstart: 3. Juni) das Leben der heute 30-Jährigen verändert. Vor allem mit der neuen Berühmtheit - dem Kritikerlob und dem Medienhunger an ihrer Person - muss sie erst umgehen lernen.

"Ich wurde nicht Schauspielerin, um ein Star zu werden", sagt sie. "Berühmtheit kann für den Film gefährlich sein. Denn dann sieht das Publikum nur noch Noomi - und nicht die Menschen, die ich darstelle."

Und die Charaktere, in die sie bisher schlüpfte, waren meist Härtefälle, vielschichtige Persönlichkeiten. Noomi spielte so zum Beispiel eine Mutter, die ihr Kind ertränkt (im Film Daisy Diamond), eine Selbstmörderin (am Theater Galeasen) und eine Frau, die sich gern und viel selbst verletzt (am Theater Dramaten).

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Noomi Rapace mit Ehemann Ola Rapace


Dass sie überhaupt Schauspielerin wurde, ist einem Wikingerfilm zu verdanken. Mit sieben Jahren wirkte sie dort als Kinderstatistin mit. Nachdem ihr leiblicher Vater noch vor der Geburt abgehauen war, zog Noomis Mutter mit ihrer Tochter und ihrem neuen Mann plus seinen zwei Kindern für ein paar Jahre aus dem schwedischen Järna nach Island. Dort fand auch besagte Wikingerproduktion statt. Ein Werk mit Feuer, Lärm, Pferden und einer Menge Dreck, den sich die Darsteller in die Haare schmieren durften. "Für mich war es eine neue Welt, die ich sofort geliebt habe." Kurz: Das Berufsziel war ab da klar.


Mit fünfzehn zog Noomi - damals ein Teenie-Punk, wie er im Buche steht - von zu Hause aus. In der Patchworkfamilie hatte sie sich nie richtig wohlgefühlt. Sie ging allein nach Stockholm, für eine Ausbildung an der Schauspielschule und für erste Rollen am Theater. "Ich wollte etwas Eigenes starten und die Schatten meiner Vergangenheit endlich hinter mir lassen." Vor allem den erdrückenden Schatten ihres Vaters wollte sie loswerden. Er, spanischer Flamenco-Sänger, war zwar nie in ihrem Leben. Aber viele Fragen waren da. Das Einzige, was sie von ihm weiß: Er wollte keinen Kontakt mit seiner Tochter haben. Erst mit 20 klappte der Neustart schließlich, was auch an einem (acht Jahre älteren) Mann lag: Ola Rapace, ebenfalls Schauspieler und bekannt aus Kurt-Wallander-Verfilmungen.

"Ola hat mein Herz gefangen. Ich glaube fest daran, dass es für jeden jemanden gibt, für den wir bestimmt sind."

Ergebnis: Mit 21 Jahren war Noomi eine Braut, mit 23 Mutter. Ihren Nachnamen Norén legte sie ab. Und nannte sich fortan Rapace. Kein gewöhnlicher schwedischer Name. Rapace (französisch für „Raubvogel") ist auch nicht der Familienname ihres Mannes: Das Paar wählte ihn selbst für sich.

"Erst mit der Namensänderung habe ich dann endgültig mit der Vergangenheit abgeschlossen: Die Noréns waren ein Haufen Alkoholiker und Wahnsinniger."

Ein neuer Name, mitten im Berufsleben - ob sie nie befürchtet hätte, damit ihrer Karriere zu schaden? "Wenn man sich immer nur fürchtet, ist es unmöglich, alles zu erreichen." Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen und gibt gleich auch Noomis Lebensmotto wieder - das ihr auch bei extremen Rollen hilft:

"Klar setzen einem Vergewaltigungsszenen zu. Aber seit ich Mutter bin, habe ich gelernt, meine Figuren vor der Haustür zu lassen. Draußen gebe ich aber alles für meine Rollen. Piercen war noch nichts. Vielleicht bin ich nächstes Mal eine dicke Blondine."

 

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