Noah Saavedra über seine Rolle als Egon Schiele

Ab Freitag ist der 25-Jährige als Egon Schiele in "Tod und Mädchen" zu sehen.

Eine befreundete Psychologiestudentin gab 2012 den Anstoß zur Schauspielerei: Weil die Junge Burg "etwas für Unentschlossene" sei, bewarb sich der Burgenländer Noah Saavedra, damals Kindergärtner und Fotomodell, und wurde angenommen. Nach einem Jahr auf der Bühne gab Regisseur Dieter Berner ihm die erste Kinohauptrolle: Ab Freitag ist der 25-Jährige als Egon Schiele in "Tod und Mädchen" zu sehen.

Der APA erzählte der Nachwuchsstar beim Interview in der Secession in Wien von der Unmöglichkeit, dem "Freak" Schiele zu entsprechen, als mit Kindern arbeitender Mann nicht in Verruf zu kommen und am Theater nicht dem Alkohol zu verfallen.

APA: Waren Sie mit Egon Schieles Werk vertraut, als Ihnen die Rolle angetragen wurde?

Noah Saavedra: Als ich mit 17 oder 18 mit meiner Schulklasse bei einer Führung durch das Leopold Museum war, bin ich erstmals mit ihm in Kontakt gekommen und habe mein Lieblingsbild kennengelernt: "Die Eremiten". Das hängt da in seiner ganzen Pracht, so ein richtig imposantes, monumentales Bild. Durch den Film und durch das Jahr Vorbereitung habe ich ihn besser kennengelernt, habe viele Ausstellungen besucht, den Briefverkehr mit ihm und seiner Mutter gelesen, seine Haltungen studiert.

APA: Hatten Sie nach diesem Jahr das Gefühl, Schiele als Person fassen zu können?

Saavedra: Das war wirklich bis zum Ende eine Schwierigkeit. Von ihm gibt es keine stimmlichen Aufnahmen, aber man sagt, er hatte einen scharfen Ton. Es gibt keine Videoaufnahmen, man weiß nicht, wie er sich bewegt hat. Es gibt nur Bilder, Fotos, die Zeichnungen und meine persönliche Interpretation. Ich habe mich irgendwann dafür entschieden, dass es auch Ähnlichkeiten zwischen uns gibt: Ich bin ein Schauspieler und übe zwar ein Handwerk aus, aber wir machen beide Kunst, und Kunst bedeutet Individuum, meine Seele, mein Ich. Das heißt: Schiele, wie wir ihn machen, verträgt auch ein bisschen Noah.

APA: Stimmt es, dass Sie zur Vorbereitung zwei Semester lang einen Zeichenkurs an der Uni belegt haben?

Saavedra: "Belegt" klingt offiziell - keiner wusste, dass ich auf der Uni bin, ich habe mich reingeschlichen.

APA: Wie viele Akte haben Sie in der Zeit gezeichnet?

Saavedra: Ich habe sie nicht gezählt, habe sie aber noch alle - an die 100 vielleicht. Am Anfang habe ich schrecklich gezeichnet, weil ich immer jeden Strich kontrollieren wollte, ganz oft nachgezogen habe. Irgendwann hat der Lehrer mir Aufgaben gesetzt, etwa blind zu zeichnen und zu schauen, was daraus wird. Da landen Augen und Mund irgendwo und passt alles nicht zusammen, aber es wurde immer besser und hat richtig Spaß gemacht. Später, als ich das Geheimnis gelüftet habe und der Lehrer wusste, dass ich zur Recherche hier bin, meinte er: "Wenn das mit der Schauspielerei nichts wird, dann bewirb dich nochmal hier, weil das wird jetzt was."

APA: Haben Sie dabei Schieles Stil nachempfunden oder einen eigenen entwickelt?

Saavedra: Ich habe versucht, Schieles Stil zu kopieren, und der Lehrer hat das auch gemerkt. Dafür, einen eigenen Stil zu entwickeln, war zu wenig Zeit. Jetzt habe ich leider länger nicht gezeichnet, dabei fand ich es schön. Malerei habe ich weniger kennengelernt, da wurden die Sachen vorgemalt und ich musste nur vor der Kamera den letzten Wisch machen.

APA: Nun, da Sie ihn nachempfunden haben, wie würden Sie Schieles Stil beschreiben?

Saavedra: Er war wahnsinnig schnell. Er hat in fünf Minuten eine Zeichnung dahin gerockt, die unglaublich ist. Das Absurde ist: Der schafft es, eine ganze Hälfte deines Körpers in nur einem Strich zu beschreiben. Das ist dynamisch, hat harte Kanten und zeigt das Innere nach außen gekehrt. Wenn jemand einen brüchigen Charakter hatte, hat Schiele so tief hineingeschaut und nicht naturgetreu, sondern charaktergetreu gemalt. Er hatte ein sehr beeindruckendes Auge.

APA: Szenen im Film zeigen, wie er schon mal mitten im Vorspiel innehält, um die Frau zu zeichnen. Haben Sie sich damit auseinandergesetzt, wie sich das für sein Gegenüber angefühlt haben muss?

Saavedra: Das war schrecklich! Es kann ja in einer Liebesbeziehung ein schönes Spiel sein, wenn man immer wieder um die Gunst des anderen buhlt, aber ich glaube, es ist schwierig, mit einem Künstler zusammen zu sein, dessen Welt im eigenen Kopf passiert. Die Malerei war seine Daseinsberechtigung. Der war nicht besonders intelligent, nicht mehr besonders reich, seitdem sein Vater an Hirnschwund infolge der Syphilis gestorben ist. Der hat einfach immer schon gezeichnet; es gibt Kinderzeichnungen von Zügen, die so detailgetreu sind. Demnach musste da einfach jeder hintanstehen, auch die Freundin. Situationen hat er zuerst mit dem Auge erfasst, nicht mit dem Geist, dem Gegenüber, der Empathie.

APA: Im Film bleibt im Raum stehen, ob Egon Schiele zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt wurde, bei seinen minderjährigen Modellen zu weit gegangen zu sein. Haben Sie die Frage für sich beantwortet?

Noah Saavedra: Ich habe für mich entschieden, dass er kein Kinderschänder war. Ich habe im Kindergarten gearbeitet und es ist so schwierig, als erwachsener Mann mit Kindern zu sein, ohne dass irgendwer was sagt. Ich durfte keine Kinder umarmen oder wickeln, weil ich mich ergötzen könnte an deren kleinen Körpern. Jetzt ist das noch viel mehr der Fall als damals. Es ist so streng, die Leute haben so viel Angst. Schiele hatte wenig Angst, der war selbst noch ein Kind. Ich lese gerade Dostojewskis "Der Idiot", da beschreibt er Kinder als so unverblümt offen, empathisch. Die verstehen so vieles, was man Erwachsenen in Diskussionen erklären muss. Schiele wollte viel Innenleben zeichnen und bei Kindern, die sehr rein sind, gibt es nicht so viel Angst. Für Erwachsene war Sexualität damals mit der Gefahr Syphilis verbunden. Es gibt Beschreibungen, dass immer viele Kinder bei ihm in Neulengbach waren, die haben dann einfach mit der Eisenbahn gespielt und sich unterhalten.

APA: Hat es abseits davon Grenzüberschreitungen gegeben?

Saavedra: Definitiv. Es gibt eine Beschreibung seines besten Freundes Anton Peschka, wonach Schiele ein Modell mit einem Draht-Kleiderbügel auspeitscht bis sie sehr wund ist, und er dann einfach nackt mit der Eisenbahn spielen geht. Das sind die zwei Welten. Klar geht er zu weit, aber um etwas herauszukehren. Da geht es um etwas anderes als Menschenrecht oder Ehre, sondern: "Du bist Modell, du hast zu sein." Für den Künstler muss das Bild stimmen und das Gefühl des Gegenübers ist zweitrangig.

APA: Mit Maresi Riegner, die Gerti spielt, haben Sie gemeinsam am Konservatorium in Wien studiert. Hat das geholfen, um die innige geschwisterliche Beziehung gemeinsam zu erarbeiten?

Saavedra: Ja, wir hatten dadurch einen Vorsprung, mussten das Zwischenmenschliche nicht mehr regeln und konnten uns auf die Rollen konzentrieren. Egon und Gerti kannten sich ja so intim. Es heißt ja, die beiden hätten ihr erstes Mal miteinander gehabt. Ich kenne diese Bruder-Schwester-Beziehung nicht, ich bin nur mit Jungs aufgewachsen, aber klar spielt man da mal rum, lernt sich kennen. Wir wollten diese Vertrautheit erarbeiten. Maresi hat die Fähigkeit, Leben zu adaptieren. Die liest den Satz "Ich habe Hunger" und hat daraufhin Hunger. Sie hat so eine große Fantasie, so tiefe Augen, in die man reinschauen kann - man kauft ihr ganz viel ab, und ich habe ihr geglaubt, dass sie mich liebt als ihren Bruder. Das ist absurd. Das ist eine Gabe, die ich gerne hätte. Die hat das gelebt, auch für mich mit.

APA: Was hat Sie dazu bewogen, 2015 nach zwei Jahren Konservatorium an die Ernst Busch Schule in Berlin zu wechseln?

Saavedra: Ich habe nach kurzer Zeit am Konservatorium gemerkt, dass Wien nicht das Ende ist. Ich entwickle mich nicht weiter, weil ich meine Freunde und Familie hier habe. Theater braucht viel Öffnung und viel Bereitschaft dazu, sein Leben dem Beruf ganz zu verschreiben und wirklich was von sich herzugeben. Und das habe ich hier nicht gemacht. An der Ernst Busch arbeitet man ganz handwerklich und lernt, dass Weinen auch eine Technik sein kann und nicht nur Emotion; dass man sich nicht so fertig machen muss, damit etwas herauskommt. Ich arbeite gerne körperlich, tanze gern, mache gern Sport. Wie man über den Körper an Emotionen herankommt, ist interessant.

APA: "Egon Schiele" ist Ihre erste Kinoarbeit - und dann gleich in der Hauptrolle eines so bekannten, bedeutenden Künstlers. Haben Sie Druck verspürt?

Saavedra: Anfangs Gott sei Dank nicht, aber jetzt immer mehr. Mein Vater meinte immer, ich fände Freaks cool, dabei sei es nicht gut, Freak zu sein. Menschen am äußeren Rand der Gesellschaft finden die in der Mitte toll, aber ganz Freak findet nur der Freak selbst toll. Ich finde Punks cool, die die Stadt zu ihrer machen. Als einer, der eher Mitte links in der Gesellschaft positioniert ist, war es unmöglich, Schiele zu entsprechen. Der war so hartkantig, so überzeugt, hatte die Malerei als Bruder und Spiegel. Durch deine Bilder wirst du immer wieder an deinen Istzustand der damaligen Zeit erinnert. Wenn du von dir selbst überzeugt bist, dann kannst du daraus eine wahnsinnige Kraft und Sicherheit schöpfen. Als Schauspieler hingegen bist du von Publikum, Applaus und Regisseuren als Spiegel abhängig, hast immer einen anderen Menschen, der dir sagen muss, dass du gut bist. Ich wollte zuvor eigentlich Tischler werden, da hast du am Ende einen Tisch, der trägt Flaschen. Das ist ein sehr einfaches, lang anhaltendes Erfolgserlebnis. Wenn ich so etwas schaffen könnte, würde mich das wahrscheinlich zufriedener machen als einmal Applaus am Abend. Denn am nächsten Abend gibt es vielleicht keinen und ich zweifle wieder an mir. Dieser Beruf ist irgendwie schrecklich, aber auch großartig, weil man gemeinsam Geschichten erzählt.

APA: Liegt Ihnen in der Hinsicht Film mehr als Theater, weil man etwas schafft, das dann abgeschlossen ist und ewig hält?

Saavedra: Lustig, dass Sie das daraus lesen. Gerade voll, ja! Ich hege eine konfliktreiche Liebe zum Theater, weil du ständig produzieren musst, dich nie normal unterhalten kannst. Alle sind immer dabei, sich selbst zu profilieren, man ist ständig auf so hohem Level. Wenn man sich selbst für eine Figur voll öffnet, aber ständig jemand etwas von dir will, ist es klar, dass man da anfängt zu saufen, weil man sich irgendwie verschließen muss. Das ist am Theater noch viel mehr so als im Film, wo man sich gemeinsam für etwas entscheidet, das ist wie Feriencamp. Aber Schauspieler sind eben komisch, es passiert, dass ältere Schauspieler neidig sind auf die Jungen, und es jene gibt, die meinen, sie haben die Emotionalität für sich gepachtet. Ich hatte da das Glück, bisher glimpflich davon gekommen zu sein.

Noah Saavedra wurde am 13. Februar 1991 in Oberpullendorf, Burgenland, geboren. 2012/13 sammelte er erste Bühnenerfahrung bei der Jungen Burg und stand u.a. in "Invasion!" und "Der böse Geist Lumpazivagabundus" auf der Bühne des Burgtheaters. 2013 bis 2015 studierte er Schauspiel am Konservatorium Wien, ehe er an die Ernst Busch Schule in Berlin wechselte. Im Fernsehen war er 2014 in einer Episodenhauptrolle der "Copstories" zu sehen. "Egon Schiele - Tod und Mädchen" ist seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm.

Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA

 

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