Nina Proll im Interview: "Es kotzt mich an, ignoriert zu werden!"

Sie intrigiert als Nicoletta im TV, singt mit Schmäh ihre Vorstadtlieder und gibt privat gern die emotionale Ehefrau und Mutter. Nina Proll im Gespräch über die Emanzipiertheit ihrer Rollen, Buben-Erziehung und ihre Sicht zum Burka-Verbot.

30 Jahre Wienerin - 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Gespräch:

Nina Proll hat definierte Oberarme. Das fällt mir als Erstes auf, als ich die 41-jährige Schauspielerin im Wiener Museums-Quartier treffe. Na bravo, sage ich zu mir selbst etwas verärgert: Das ist der erste Gedanke – eine Äußerlichkeit? Vielleicht bin ich auch nur neidisch. Doch nach ein paar Minuten fällt mir noch ein anderes Wort ein: Authentizität. Die blonde Frau, die spätes­tens seit dem TV-Hit Vorstadtweiber jeder kennt, hat eine angenehm gerade Art, ihre Meinung zu sagen. Was mich interessiert? Ob sie glaubt, dass die blonde Verführerin, die sie oft mimt, ein Besetzungs-Höchstalter hat. Oder ob sie im Job fies, egoistisch und tough ist. Und wie ihre Beziehung zu ihrem Sohn Anatol, der als Frühchen auf die Welt kam, ­heute so ist. Na dann, wir starten mit einer lockeren Aufwärmfrage.


Sie singen in Ihrer Show Vorstadtlieder auch den Smash Hit von Seiler und Speer, „Ham kummst" – wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, auf jemanden sorgenvoll zu warten, der dann doch nur saufen war?

Nina Proll: Gott sei Dank erlebe ich das mit meinem Mann nicht sehr oft, der ist nicht der Typ dafür. Aber das Gefühl kenne ich sehr gut, ich glaube, das kennt jede Frau.

Sie sind schon lange verheiratet, seit 2008: Welche pragmatische Idee hat Ihre Beziehung stärker gemacht?

Nina Proll: Die Tatsache, dass wir zwei kommunizieren. Dass wir uns dem anderen zumuten, und das mitunter in sehr schonungsloser Weise. Da sind wir uns Gott sei Dank ähnlich. Man will ja um seiner selbst willen geliebt werden und nicht nur deswegen, weil man es dem anderen möglichst angenehm und bequem macht.

Vorher gab es nur mich, mich, mich

Wann ist bei Ihnen privat Verantwortung an die Stelle von lockerem Egoismus getreten?

Nina Proll: Wenn man ein Kind bekommt, muss man seinen Egoismus zurückstellen, ob man will oder nicht. Ich war schockiert, wie sich mein ganzes Wesen 180 Grad gedreht hat, obwohl ich eigentlich noch Widerstand leisten wollte. Vorher gab es nur mich, mich, mich. Das ist mit Kindern vorbei, und wenn man als Familie glücklich sein möchte, muss man auch lernen, freiwillig auf Dinge zu verzichten.

Ist es schwer, im Job tough zu bleiben und privat so emotional?

Nina Proll: Ich bin nicht wahnsinnig tough, sondern eh ein totales Weichei, und reagiere auch im Job emotional. Ich kämpfe einfach für Projekte, die mir wichtig sind, Ellbogen brauche ich dafür gar nicht, eher Geduld.

Anatol, der kleinere Ihrer Söhne, kam als Frühchen auf die Welt. Wie gelingt die Balance zwischen Behütung und Autonomie?

Nina Proll: Mir gar nicht so, mein Mann meint oft, ich sollte ihm mehr vertrauen und ihn in Ruhe lassen, aber bei mir ist immer der Instinkt da, die Angst, dass ich ihn nicht ­alleine lassen darf. Andererseits habe ich ihm auch mehr durchgehen lassen als dem Älteren, egal ob es das Flaschi­trinken oder die Windel war. Ich weiß nicht, er ist auch körperlich viel mehr an mir interessiert, lebt viel stärker mit mir die Harmonie. Es gibt ja diese Theorie, wonach Babys am Anfang sich und die Mutter als Einheit sehen und erst nach und nach Autonomie und Abgrenzung wichtiger werden.

Und diese Grenzen sind bei den Buben unterschiedlich?

Nina Proll: Ja, der Größere hatte schon viel früher den Drang, seiner Autonomie nachzugeben, auch wenn es zu Konsequenzen und einer Mami führt, die dann böse ist. Er setzt etwa das Badezimmer zehn Zentimeter unter Wasser und es ist ihm wurscht, dass ich schimpfe. Der Drang, die Badewanne auszuschöpfen, ist stärker. Dem Kleinen ist so etwas noch nicht so wichtig.

Anatol ist fünf Jahre alt, oder?

Nina Proll: Ja; er wird im November sechs.

Nein, Vorstadtweiber sind nicht emanzipiert

Kommen wir zu Nicoletta, Ihrer Rolle in den Vorstadtweibern. Würden Sie Nicoletta als emanzipiert beschreiben?

Nina Proll: Nicht unbedingt. Was ich witzig finde, ist ihr pragmatischer Zugang zu Männern. Eben nicht das Disneyhafte zu erwarten – den Mann nicht als Retter. Aber emanzipiert? Nein. Ich habe mit den Autoren auch meine Diskussionen, weil ich mich frage: Was macht die eigentlich den ganzen Tag, die hat keinen Beruf, wovon lebt die?

Sie selbst sind jetzt 42 Jahre alt. Was meinen Sie: Gibt es ein Stopp-Alter für die blonde Verführerin?

Nina Proll: Ich fürchte, es gibt so etwas. Wahrscheinlich ist es Anfang 50 vorbei. Andererseits denke ich mir: Warum soll man mit Mitte 50 keinen Sex mehr haben? Aber wir werden sehen, das wird der Markt entscheiden.

Noch was Feministisches: Das Burkini-Verbot war der politische „Sommerhit" 2016 – was halten Sie von der Debatte rund um Burka, Niqab und Verhüllung?

Nina Proll: Wenn eine Verhüllung nur dazu dient, eine Frau zu beschneiden und eben nicht als Frau darzustellen, dann finde ich es falsch. Wenn eine Frau selbst das Bedürfnis hat, sich so zu schützen, dann hat das seine Berechtigung. Die Frage ist aber, wie freiwillig und selbstbestimmt das immer ist. Ich liebe etwa die sexy Kostüme aus den Vorstadtweibern. Für mich. Ich finde es toll, wenn ich als schön wahrgenommen werde und dafür Komplimente bekomme. Ich denke, muslimische Frauen müssen auch hinterfragen, inwieweit ihnen diese Verhüllung selbst ein Bedürfnis ist. Was aber trotzdem nicht geht, ist, sie zu zwingen, sich am Strand auszuziehen.

Weil Frauen dann erst wieder fremdbestimmt sind?

Nina Proll: Ja, und ich meine: Im Westen ist alles erlaubt, jeder zieht sich aus, aber für mich persönlich sind FKK-Bereiche oder etwa der Lifeball ein Albtraum. Überall nackte Menschen, das ist mir zu viel. Und ich stell mir dann schon die Frage, ob alles herzuzeigen wirklich so erstrebenswert ist.

(Anm.: Die Vorstadtlieder-Tournee: Freitag, 28. Oktober 2016 in Gmunden, Donnerstag, 17. November 2016 im VAZ in St. Pölten, 18. November 2016 in der Arena Nova in Wr. Neustadt und am 26. November 2016 im Wiener Museumsquartier)

30 Frauen: 6 Fragen an Nina Proll

Was haben Sie von einer Frau in deinem Leben gelernt?

Von meiner Gesangslehrerin hab ich singen gelernt – Therese Heer, bei der war ich 5 Jahre im Unterricht. Das war großartig.

Wer oder was kotzt Sie an?

Es kotzt mich an, wenn ich das Gefühl habe, ich werde respektlos behandelt oder ignoriert.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Dass ich versuche, nicht den Erwartungen von jemand anderem zu entsprechen oder einem Mann zu gefallen, sondern versuche, mich selbst zu verwirklichen.

Das Leben als Frau: Warum würden Sie nicht mit Ihrer Großmutter tauschen wollen?

Weil sie zwei Weltkriege miterlebt hat und weil sie eine sehr traurige Frau war. Sie wurde 1912 geboren, hat den ersten Weltkrieg miterlebt und verlor im zweiten Weltkrieg ihren Mann. Ich hab das Gefühl diese Generation ist wirklich um ihr Glück betrogen worden.

Welche(r) Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Warum ruft er nicht an?

Welches Ereignis hat Sie im vergangenen Jahr bewegt?

Das sind und waren immer Ereignisse mit meinen Kindern. Egal, ob mein Kleiner zu mir sagt “Mama, du bist die Allerschönste auf der ganzen Welt“ und mich mit Küssen überhäuft oder ob der große 10 Tore beim Fußball schießt, oder mir auf der Blockflöte was vorspielt, meine Kinder sind mein Motor.

 

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