Neuschnee über die Symphonie der Großstadt

Wien als heißes Pflaster für coole Musik: Die Wiener Band Neuschnee pulverisiert verstaubte Vorstellungen von Kammermusik und rockt den Zeitgeist. Ein Gespräch mit Frontman Hans Wagner.

Niemand vermag das Hintergrundrauschen der Großstadt in so poetische Songs zu verpacken wie der Berliner Hans Wagner, Frontman der sieben köpfigen Wiener Formation „Neuschnee“ (Martin Reining,Florian Sighartner, Weiya Lin, Emily Stewart, Raimund Seidl, Andi Senn). Wagners kitzelige Liebe zu Wien rotzt, rockt und lässt musikalische Genre-Grenzen wie Schneeflocken im Landeanflug auf Wien schmelzen. Auf „Okay“, dem eben erschienenen, vierten Album der Band, experimentiert der Meister der melancholischen Ballade mit Elektropop. Das Ergebnis ist hypnotisierend. Beim Gespräch mit der WIENERIN bedient sich der Nestroy-Kenner Hans Wagner immer wieder und ganz natürlich Ur-Wienerische Redewendungen, was sich mit Berliner Akzent ungewohnt und sehr sympathisch anhört …

WIENERIN: Lustig, du bist ein „Berliner Stadtrandkind“ (Eigendefinition) und hast mit Neuschnee seit 2008 eine Band in Wien. Hast du das Gefühl, die Wiener Szene mit deiner Musik zu repräsentieren?

Hans Wagner: In meiner Wahrnehmung schon. Als Cellist habe ich einen klassischen Background. Wien hat mir den Input geliefert, etwas mit einem Quartett auszuprobieren und trotzdem meine Expressivität klanglich auszuleben. Für mich ist diese Stadt eine wahnsinnig bunte Mischung. Nach außen hin und für Leute, die hier nur zum Urlauben herkommen, hat Wien immer noch das Image der „Weltstadt der klassischen Musik“ und das ist auch das, was ich interessant fand, als ich 2001 hierher gezogen bin. Wäre ich hier aufgewachsen, wäre mein Zugang natürlich anders. Dann würde es mir vielleicht irgendwann am Oarsch gehen, wenn die Touristen plötzlich entdecken, dass Schubert hier gestorben ist. Am Anfang hab ich in Alsergrund gewohnt und gedacht: „Hier ist Schubert rumgelaufen. Krass!“ Gleichzeitig gab es die Musik in den Gürtellokalen: Ritz, Chelsea, Café Carina. Dort haben wir gespielt.

Das heißt, eine Band, die sich aus klassischen Musikern zusammensetzt, ist in den Gürtellokalen aufgetreten. Welchen Reiz hatte das für euch?

Ich habe mich immer schon in beiden Welten zu Hause gefühlt. In Berlin habe ich ja auch schon Rockmusik gemacht. Meine Gage waren damals drei Freibier. Hier war das auch so. Egal ob du Pop-Musik, neue Musik oder klassische Musik machst: Es kommt nur auf deinen persönlichen Zugang an.

Du hast als Komponist offensichtlich eine Liebe für Streicher. Dein Himmel hängt nicht nur sprichwörtlich voller Geigen, der Sound von Neuschnee wird von einem Streicherquartett getragen. Bringen die Streichen den Tiefgang oder stärken sie die Emotion?

Streicher haben diese enorme impulsive Kraft, sie können zart sein, sie können schnulzig sein, aber sie können auch einfach nur räudig und roh sein. Das fasziniert mich so, vor allem an diesem Ensemble. Sie können sehr begeistern, wenn sie sehr schnell und virtuos gespielt sind. Sehr rockig. Ich mag diese Bandbreite.

Die Musik ist gleichzeitig „grell und aufregend“ und melancholisch und melodisch. Ist dieser Kontrast Absicht? Eure Musik kommt jedenfalls gut an.

Da habe ich jedenfalls nichts dagegen. Es ist „durchdachte Popmusik“, intellektuell, aber nicht zu kopflastig. Musik, die man genießen kann. Der Kontrast ist jedenfalls beabsichtigt. Insgesamt bin ich halt doch eher der melancholische Typ, der doch sehr wütende Phasen hat. Dann kommt vielleicht das Grelle.

Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass sich Großstädter mit deinen Texten so identifizieren …

In der Stadt offenbart sich, was zum Leben gehört: Du hast einerseits dein eigenes Leben und teilst es gleichzeitig mit vielen anderen. Für mich ist es wie ein Organismus. Zwar bist du Teil eines größeren Ganzen, aber andererseits auch wieder einsam, allein und anonym. Wenn du irgendwo bist, wo nichts ist und du die Stille erlebst, hörst du beim Herannahen wieder das Rauschen der Stadt.

Eure Texte sind kritisch und fordern mehr Solidarität. Würdest du dich/ euch als Band mit „liberalem Zugang“ beschreiben?

Definitiv. Im Augenblick ist meine Herangehensweise: Global denken, lokal handeln. Ich habe mich lang für Gemeinwohl interessiert. Ich habe mich intensiv mit ökonomischen Zusammenhängen auseinander gesetzt. Da habe ich für mich entdeckt, was im Moment so ein bisschen schief läuft, dieses Verständnis und den Zugang, den wir zu Geld haben. Dass wir Geld als unseren privaten Besitz sehen und uns so auf diese Wachstumsmaxime stürzen, dass wir übersehen, dass Geld Mittel zum Zweck ist und dass wir es schaffen müssen solidarisch und Gemeinwohl orientiert damit umzugehen. Kannst du diese Haltung in deinem Umfeld mit den Künstlern leben? Eher auf dem emotionalen Level als auf dem ökonomischen. Ich habe auf jeden Fall gelernt, mit wenig Geld zu leben. Die Wahrheit in der Politik ist unsexy, aber man versucht sie möglichst griffig und sexy zu verdrehen, um die Wähler auf seine Seite zu bringen. Es braucht eine Kultur, in der man partizipieren und diskutieren kann.

Du arbeitest auch als Komponist für Theater und Film …

Ich leb davon, dass ich Theater und Filmmusik mache und auch Mastering. Ich bin auch ein Studio-Freak. Ich liebe das aus den Sounds, Sounds zu finden. Beim Komponieren gibt es die intuitive und die handwerkliche Ebene. Klänge haben so eine Macht und eine Kraft, die kannst du nicht erklären. Irgendwann hat ein Lied so eine Atmosphäre. Die zieht mich rein oder auch nicht.

Was ist das Wienerische an dir? Oder ist inzwischen irgendetwas Wienerisch an dir?

Das müssen andere beurteilen. Wenn ich ein bisschen angeheitert bin oder eine Emotion hab, die ich rauslass, dann probier ich das meistens auf Wienerisch. Entweder auf Wienerisch oder Berlinerisch. In den letzten Jahren habe ich Theater mehrere Nestroys gemacht als Musiker. Es gibt ab- und zu Wörter, die ich auf Wienerisch nicht versteh.

  • 09.03.2018: Jazzit, Salzburg 20:00
  • 05.04.2018: Cinema Paradiso, St. Pölten 20:30
  • 26.04.2018: Orpheum Graz, 20:00
  • 12.06.2018: Radiokulturhaus Wien 20:00
  • 07.07. 2018: Vanishing Garden, Linz Uhrzeit tba
 

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