Neue Studie: Wird ADHS bei Kindern zu oft diagnostiziert?

Zwischen frühem Einschulungsalter und ADHS-Diagnose scheint ein Zusammenhang zu bestehen.

Nach der Einschulung erhalten die jüngsten Kinder in einer Klasse häufiger eine ADHS-Diagnose als ihre ältesten MitschülerInnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Harvard-Studie, die im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde.

Vorschulkind

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist die häufigste psychische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter. Die Betroffenen lassen sich leicht ablenken, sind impulsiv und oft motorisch unruhig. Das ForscherInnenteam sah sich die Daten von 400.000 amerikanischen Mädchen und Buben an, die zwischen 2007 und 2009 geboren wurden. Dabei berücksichtigten sie die ADHS-Diagnosen bis Ende 2015.

Augustkinder leiden öfter unter ADHS

In 18 US-Staaten ist der 1. September der Stichtag für die Einschulung in eine Art Vorschule, in den USA Kindergarten genannt. Wer bis zum 31. August fünf Jahre alt wird, muss eingeschult werden, wer nach dem 1. September Geburtstag hat, muss noch ein Jahr warten. Das Ergebnis der Studie: Die Rate von ADHS-Diagnosen und ADHS-Therapien war in diesen 18 Staaten bei den Augustkindern um 34 Prozent höher als bei den knapp ein Jahr älteren Septemberkindern.

In Staaten mit flexibler Einschulung gibt es diese Auffälligkeit nicht. Studienautor Timothy Layton sagt, dass ADHS bei vielen Kindern möglicherweise überdiagnostiziert wird, weil sie in den ersten Schuljahren im Vergleich zu ihren Klassenkameraden noch relativ unreif seien. Der ADHS-Experte und Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg Marcel Romanos sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur jedoch, dass er nicht an eine hohe Anzahl von Fehldiagnosen glaubt. „Ältere Kinder mit einer ADHS-Problematik können diese möglicherweise besser kompensieren und fallen den Lehrern im Unterricht deshalb nicht auf“, sagt er.

Ältere Kinder mit einer ADHS-Problematik können diese möglicherweise besser kompensieren und fallen den Lehrern im Unterricht deshalb nicht auf.

Marcel Romanos, Kinder- und Jugendpsychiatrie

In den USA stieg die Zahl der ADHS-Diagnosen in den vergangenen 20 Jahren dramatisch an. Allein 2016 wurden nach Mitteilung der Harvard Medical School über fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen deshalb mit Medikamenten behandelt.

In Österreich sind rund vier Prozent der 10- bis 18-Jährigen von ADHS betroffen, Buben deutlich häufiger als Mädchen. Doch auch das liegt laut älteren Studien daran, dass ADHS bei Mädchen und Frauen deutlich seltener diagnostiziert wird: Im Gegensatz zu Buben, die ihre Hyperaktivität herzeigen, gehen die Symptome bei Mädchen eher in die Richtung von Unaufmerksamkeit und Desorganisation. Mädchen entwickeln ADHS später als Jungs. Sie verstecken es oft, um gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Und während manche Symptome bei Buben nach der Pubertät weniger intensiv werden, werden sie für viele Mädchen schlimmer.

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