Neu im Kino

Die Laus sitzt am Kopf. Der Parasit mitten in Wohnzimmer. Der 16-jährige Claude (Ernst Umhauer) analysiert heimlich das Intimleben einer befreundeten Durchschnittfamilie und schreibt alles auf. Sein Lehrer Germain ergötzt sich an den voyeuristischen Betrachtungen...

Der Lümmel aus der letzten Reihe hat Talent. Französischlehrer Germain (Fabrice Luchini) horcht auf. Der Berufspessimist ist es nicht gewohnt in den Kritzeleien seiner Schüler Lesenswertes zu entdecken. Im einzelgängerische Claude (Newcomer: Ernst Umhauer) hingegen steckt wohl ein kleines Schriftsteller-Genie. Seine Texte sind präzise, voller beißender Ironie und sogar richtig spannend. Nur mit dem „Sujet" der Aufsätze hat sein Lehrer definitiv Probleme: Claude skizziert voller Verachtung den Familienalltag seines Mitschülers Rapha aus der Perspektive eines Voyeurs.
Zutritt zur Familie seines Klassenkameraden verschafft sich Claude, indem er seinem Klassenkameraden Nachhilfe-Unterricht in Mathe gibt.

Ob berufliche Träume des Familienvaters, homosexuelle Neigungen des Sohnes oder das Bettgeflüster der Eheleute (Emmanuelle Seigner, Denis Ménochet) Claude schreibt alles auf. Jeder seiner Aufsätze, die Germain bald mit deutlicher Erregung auch seiner Ehefrau (Kristen Scott Thomas) vorliest, schließt mit den Worten „Fortsetzung folgt".

Die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verfließen. Bald weiß Germain nicht mehr, ob die geschilderten Szenen von Verführung, Zurückweisung und Rache tatsächlich stattgefunden haben oder nur der blühenden Fantasie des geschickten Manipulators entspringen. Wie ein Vampir verbeißt sich der einsame Teenager in die Leiden und Ängste der Gastfamilie. Auch Germain ist bald von den „Raphas" besessen. Um Claudes Stellung im „Hause Rapha" als Mathe-Nachhilfe nicht gefährden, entwendet Germain im Lehrerzimmer den Angabenzettel für die nächste Mathe-Arbeit. Ein fataler Fehler, nicht der letzte, den Germain begeht um weiterlesen zu dürfen ...Fortsetzung folgt.

Faszinierendes Katz-und-Maus-Spiel mit souveränen Darstellern, das François Ozon zu recht beim diesjährigen Filmfestival in San Sebastián den Hauptpreis und den Drehbuchpreis eingebracht hat. Auch umwerfend: Newcomer Ernst Umhauer, der seinem elsässischen Nachnamen zweifellos alle Ehre macht.
 

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