Nennt sie niemals Politesse!

Als eine von Österreichs ersten Polizistinnen war Maria Kainzmayer vor genau 50 Jahren eine Pionierin auf ihrem Gebiet. Mit WIENERIN sprach sie über die Höhen und Tiefen ihrer 37 Jahre dauernden Karriere, weibliche Anstandsdamen und männlichen Widerstand.

„Die Freunde meiner Buben, die hatten riesengroßen Respekt vor mir“, erinnert sich Maria Kainzmayer ganz vergnügt. „Die haben immer aufs Wort gehört.“ Kein Wunder: Die 71-Jährige war eine von Österreichs ersten Polizistinnen – im Jahr 1965, einer Zeit, in der das noch lange keine Selbstverständlichkeit war.

Frau Kainzmayer holt ein paar alte Zeitungsausschnitte hervor, die sie noch aus den 60ern aufgehoben hat. Auf den Schwarzweißfotos ist eine Gruppe junger Frauen in Röcken und Uniformjacken zu sehen, aufgestellt in Reih und Glied, mit stolz erhobenem Kinn. Unter ihnen auch die blutjunge Polizeianwärterin Maria Kainzmayer. Ihre Augen strahlen, wenn sie die alten Fotos ansieht und von der Zeit erzählt.

An den 1. Oktober 1965 erinnert sie sich noch ganz genau. Damals kam die Kärntnerin mit ihren 21 Jahren zum allerersten Mal in die Hauptstadt, um die Aufnahmeprüfung bei der Polizei zu machen. Sie war eine von 700 Bewerberinnen, nur 63 wurden in den ersten weiblichen Polizeikurs Österreichs aufgenommen. Es war ein Vorstoß des damaligen Polizeipräsidenten Josef Holaubek, aus Mangel an männlichen Bewerbern. Die ersten Polizistinnen waren eine medienwirksame Attraktion – sie werden bis heute gerne die „Holaubek-Mädels“ genannt.


Männlicher Widerstand

In der Marokkanerkaserne im dritten Bezirk wurden aus den Holaubek-Mädels richtige Polizistinnen. Die Ausbildung war dieselbe wie bei den Männern, intern herrschte aber eine strenge Geschlechtertrennung – sogar am Mittagstisch. Zusätzlich gab es noch eine Anstandsdame, die aufgepasste, dass die jungen Frauen nicht mit den männlichen Kollegen in Kontakt kamen. „Und nachts hat die sogar in die Betten geschaut, ob wir alle da sind“, sagt Frau Kainzmayer lachend. Sonst war nicht immer alles lustig.


Die jungen Frauen wurden nur als Verkehrspolizistinnen eingesetzt, mussten bei jedem Wetter draußen stehen, und hatten auch intern mit Gegenwind zu rechnen. Die größte Angst für die männlichen Kollegen war, dass man die Frauen irgendwie bevorzugen würde, erinnert sich Maria Kainzmayer. Die Angst war unbegründet. Sehr bald wurde klar, dass sie lange nicht denselben Status haben würden, wie die Männer. Bis 1991, um genau zu sein. Denn nach der Pensionierung von Poliziepräsident Holaubek wurde kein weiterer weiblicher Polizeikurs abgehalten. Sein Nachfolger wusste nicht so recht wohin mit den Frauen. „Die haben uns alle einfach in der Versenkung verschwinden lassen“, sagt Frau Kainzmayer leise. „Alle im Innendienst, sogar wenn sie nicht gewollt haben.“ Es ist das erste Mal, dass die sonst so lebhafte Pensionistin traurig wirkt.


Die vergessenen Polizistinnen


Als 2011 die Zeitungen darüber schreiben, wie vor damals 20 Jahren, also 1991, die ersten Frauen in den Polizeidienst aufgenommen wurden, kann sich keiner mehr an die Holaubek-Mädels erinnern. Frau Kainzmayer ist heute immer noch empört. Weil sie hauptsächlich für die Verkehrsregelung eingesetzt wurden, wurden sie umgangssprachlich als Politessen bezeichnet, und das zählte wohl nicht. Mit Röcken, Handtaschen und Trillerpfeifen statt Pistolen war es deutlich schwieriger ernst genommen zu werden. „Wir hatten die Schießausbildung, aber durften in den ersten Jahren keine Waffe tragen“, Frau Kainzmayer findet das heute noch genauso absurd wie damals.


Die erste eigene Waffe


Der Tag an dem sie schließlich doch ihre eigene Dienstwaffe bekam, bedeutete der Polizistin eine Menge. Die Kleine Walter-PPK in einer Handtasche zum Umhängen – einer Diensttasche – war ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung gegenüber den Männern. Und sie bedeutete, dass sie mehr nicht nur Innendienst machen durfte, sondern auch Inspektionsdienste machen konnte – eine aufregende Sache.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten machte Maria Kainzmayer vom provisorischen Polizeiwachmann bis zum Oberwachmann alle Dienstgrade durch und schaffte es schließlich bis in die Chargenausbildung – dem Lehrgang zum dienstführenden Beamten. Von 1984 bis 2003 war sie Kanzleileiterin am Deutschmeisterplatz im ersten Bezirk und administrativ für 400 Beamte zuständig. „Da wurde ich immer Chefin genannt.“

Daneben zog sie zwei Söhne groß und schupfte den Haushalt. Dem Frauenbild der 60er Jahre entsprechend hätte sie sobald das erste Kind da war zuhause bleiben müssen. „Das war nichts für mich“, sagt Frau Kainzmayer entschieden.

Stolz auf den Dienst


Man merkt schnell, dass die 71-Jährige auch im Ruhestand keine ist, die sich gehen lässt. Die Wände ihrer Wohnung sind mit impressionistischen Malereien bedeckt – wenn sie es nicht sagen würde, käme man nicht auf die Idee, dass sie von ihr selbst stammen. Seit ihrer Pensionierung im Jahr 2003 ist sie auch in der Kirchengemeinde aktiv. Nach der Sonntagsmesse geht es noch ins Kaffeehaus, es gibt regelmäßig Flohmärkte und Ausflüge. Wenn einer der Söhne sie zum Sonntagsessen einlädt, kann es schon vorkommen, dass sie keinen Termin frei hat.

Sie selbst bezeichnet sich als konservativ. Sicherheit ist ihr wichtig, ebenso wie Ordnung. Rückblickend bereut sie nichts. Aber sie ist trotzdem froh, dass keiner ihrer Söhne in den Polizeidienst gegangen ist. Zu gefährlich sei das heute. Man könne nie wissen, ob man lebend nachhause kommt.

Warum sie trotz vieler Schwierigkeiten niemals den Polizeidienst aufgab? „Die Gemeinschaft war mir immer wichtig“, sagt Frau Kainzmayer. Alle paar Jahre veranstalten die Holaubek-Mädels wieder einmal ein Klassentreffen. „Je älter wir werden, desto öfter“, lacht Maria Kainzmayer. Aber jetzt muss sie wirklich los. Sie hat noch ihre Kartenrunde.

 

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