Nenn' mich noch einmal Blondie!

WIENERIN-Autorin Arnika Zinke ist blond. Na und? Sie meint: "Hört doch endlich auf mit diesen blöden Blondinen-Klischees!"

Seit Jahrzehnten prägen Klischees über Blondinen unsere Sichtweise auf blonde Frauen. Sie reduzieren Frauen auf die sexuelle Ebene und stigmatisieren sie im Alltag. Online-Redakteurin Arnika Zinke fragt sich: Wann lernen wir, dass "blond" einfach nur eine Haarfarbe und keine Charaktereigenschaft ist?

Was macht eine Blondine in der Wüste?

Dass mich meine Haarfarbe zu besonderen Dummheit und Naivität verdammt, haben mir schon meine Freunde im Kindergarten beigebracht. Der älteste Blondinen-Witz, der mich seit meiner Kindheit verfolgt, ist: "Was macht eine Blondine in der Wüste? Staubsaugen!".

HA-HA, haben wir gelacht. Schon damals habe ich diese Witze nicht verstanden. Ich habe mir ein Lächeln aufgezwungen, innerlich die Augen verdreht und mich gefragt: "Was ist eigentlich falsch an meinen Haaren?"

Für Außenstehende mag es vielleicht lächerlich sein, sich über solche harmlosen "Witze" zu ärgern. "Ist doch nur Spaß, Blondie ;)". Guess what! Nein, das ist es nicht.

Wenn wir junge Mädchen von Kindesalter an spüren lassen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, dann ist das nicht lustig, sondern ziemlich beunruhigend. Wie wollen wir unsere Töchter zu starken und selbstbewussten Mädchen erziehen, wenn wir sie im Gegenzug mit solchen Kommentaren wieder klein machen? "Geh bitte, sowas muss man doch aushalten?", werden vielleicht einige sagen. Klar "hält man es aus". Aber wie kommen wir eigentlich dazu, uns ständig für unsere Haarfarbe rechtfertigen zu müssen?

Hört doch endlich auf mit diesen blöden Blondinen-Klischees!

Frauen sind schön und sinnlich. Und zwar mit braunen, schwarzen, roten UND blonden Haaren.

Über Jahrzehnte hat uns die Filmbranche mit Blondinen-Stereotypen bombardiert und ein ganz klares Bild der perfekten blonden Diva geschaffen: Stark, aber zerbrechlich. Sinnlich, aber störrisch. Liebesbedürftig und stehts auf der Suche nach dem starken Mann.

Was in dieser Aufzählung fehlt? Attribute wie intelligent, selbstbewusst, eigenständig oder unabhängig. Das Bild der Blondine wurde perfekt auf die Bedürfnisse des Mannes zurechtgeschnitten. Ein "convenience Produkt", das sich perfekt in jedes Filmdrehbuch einbauen und den Mann dabei so richtig gut aussteigen lässt. Und was bleibt von der Frau übrig? Ein stilles, schönes Lustobjekt mit drei Minuten Gesamt-Redezeit.

Blondinen können mehr

Der Typus der fragilen und schützenswerten Blondine begann seinen Siegeszug mit Hollywood-Streifen der 30er-Jahre, wie in Platinum Blonde (1931) und Blonde Venus (1932) mit Marlene Dietrich. Der ultimative Höhepunkt des blonden Sexobjekts wurde schließlich in den 50ern mit Über-Blondine Marilyn Monroe erreicht. Bis heute blieb uns Marilyn weniger durch ihre klugen Sager (und die gab es zuhauf), sondern durch ihre "sexy Rundungen" und ihre verführerische Ausstrahlung in Erinnerung. Es war nicht das, was sie sagte, das in die Geschichte einging, sondern lediglich ihr äußeres Erscheinungsbild. Und damit steht sie stellvertretend für die Entwicklung des blonden Sexobjekts im vergangenen Jahrhundert da.

Marilyn Monroe

Das Spiel mit der naiven, dummen Frau

Blondinen haben keine Ahnung vom Leben, sind dumm und naiv. Und je dümmer die Frau dargestellt wird, desto klüger wirkt der Mann neben ihr. Warum sonst hat sich der Typus der dummen Blondine bis heute fest in unsere stereotypen Vorstellungen eingefahren?

Dass IQ und Haarfarbe überhaupt keinen Zusammenhang aufweisen, ist mittlerweile sogar schon durch Studien belegt. Doch allein der Umstand, dass wir Studien durchführen müssen, um zu beweisen, dass blonde Frauen ebenso klug sind, wie alle anderen, zeigt doch, dass etwas ziemlich falsch läuft.

Und was ist mit den blonden Männern?

Bei Männern, au contraire, beschränkte sich die sexualisierte Sichtweise nie auf Haarfarben. Ob braune, blonde oder graue Haare - Männer waren und sind gleichermaßen attraktiv in den Augen unserer Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass Worte wie "Blondchen", "Blondie" oder "Blondine" ausschließlich mit Frauen assoziiert werden und durchwegs als negative und stigmatisierende Begriffe in unseren Köpfen abgespeichert sind.

Blonde Männer kommen in Blondinen-Witzen eigentlich nie vor. Klar, warum auch? Erstens sind blonde Männer keine naiven Dummchen und zweitens saugen Männer ja auch nicht Staub.

Wir haben gelernt, uns damit abzufinden

Wir Blondinen haben gelernt, uns damit abzufinden, als naive Lustobjekte abstempelt zu werden. Wir lächeln Blondinen-Witze gekonnt weg oder verdrängen sexistische und objektifizierende Kommentare. Wenn wir jetzt nicht damit anfangen, klar zu artikulieren, dass es schlicht und einfach falsch ist, Frauen auf ihr Äußeres zu reduzieren, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich auch Zukunft kleine Mädchen fragen, was an ihrem Äußeren falsch ist.

Es liegt nicht nur an uns, das Problem zu erkennen und anzusprechen, sondern an unserer Gesellschaft Stigmatsierungen endlich in die staubigen Schubladen zu verbannen, aus der sie gekrochen kamen.

Und erst, wenn auch der letzte Polizist begriffen hat, dass Blondsein NIEMALS eine Legitmation dafür ist, um belästigt zu werden und Mediencoaches Frauen nicht mehr raten, sich die Haare zu färben, um mehr ernstgenommen zu werden, dürfen wir aufhören, uns zu ärgern.

 

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