Naturheilkunde vs. Schulmedizin: Erkältungen schneller loswerden

Bekämpfen oder aussitzen? Vorbeugen oder ­kurieren? Kann man sich abhärten? Oder soll man den Schnupfen auch einmal Schnupfen sein lassen? Und ab wann ist man wieder fit für die Welt? Wir haben nachgefragt.

Beim Thema Erkältung treffen in den meisten Fällen zumindest zwei Fronten aufeinander: die Anhänger der Naturheilkunde und die Jünger der Schulmedizin. Während die einen in Essigpatscherl schlüpfen und Kräuter mischen, rennen die anderen in die nächstgelegene Apotheke und decken sich mit Nasenspray, Halswehpastillen und Brausetabletten ein. Unsere Expertin Verena Baustädter kennt – als Allgemeinmedizinerin und TCM-Expertin – ­beide Seiten. Die gute Nachricht vorweg: Beide haben irgendwo recht. Der Faktencheck.

Gibt es Erkältungstypen?

Man kennt das: Bei den einen rinnt die Nase, obwohl sie sich sonst noch kerngesund fühlen. Bei anderen fängt der Hals zu kratzen an, bevor die Verkühlung sich zu Husten oder Schnupfen ausweitet. Aber kommt uns das nur so vor, dass wir immer auf dieselbe Art krank werden, oder stimmt das? „Es stimmt, Menschen bekommen immer ähnliche Arten von Erkältungen. Es beginnt mit einem kleinen Symptom und wandert dann woanders hin, wenn man es nicht behandelt. Oft wird der Körper selber damit fertig und man kann die Verkühlung abfangen.“

Wie oft pro Jahr ist Schnupfen normal?

Jetzt bloß nicht krank werden. Dieser Satz passt irgendwie immer und zu jeder Lebenssituation. Trotzdem erwischt es einen mindestens einmal im Jahr. Aber wie oft ist zu oft? „Wenn man ein- oder zweimal pro Jahr verkühlt ist, ist das völlig normal und vielleicht sogar reinigend. Ich habe meistens einmal im Jahr eine Erkältung und das ist halt die Zeit, wo der Körper sagt: So, jetzt ist einmal eine Ruh.“ Wenn der Schnupfen aber im Monats­takt wiederkommt, sollte man das abklären lassen.

Kann man sich abhärten?

Wer präventiv etwas tun will, sollte auf seine Ernährung achten. Das bedeutet regelmäßig frisch gekochte, vitaminreiche Nahrung ohne Konservierungsmittel, kein Essen aus der Mikrowelle oder vom Lieferservice. „Gesunde Ernährung stärkt das Qi, also die Energie, die durch uns fließt, und hilft dem Körper, im Gleichgewicht zu bleiben.“ Auch Bewegung ist ein wichtiger Faktor: „Das muss nicht Sport sein. Spazieren gehen, tanzen oder was auch immer mir Spaß macht.“ Ganz wichtig als Gegenpol zum Sport: ausreichend Ruhe. „Egal wie viel Stress Sie haben, versuchen Sie, sich und Ihrem Körper jeden Tag zehn ­Minuten Ruhe zu gönnen.“

Schulmedizin vs. TCM – was tun bei Erkältung?

„Wenn jemand eine Erkältungskrankheit hat – also Schnupfen, Husten, Halsweh, Ohrenweh oder Ähnliches –, ist eigentlich schon der Endpunkt einer Entwicklung erreicht.“ Normalerweise würde man sich in der TCM schon der Vorbeugung widmen. „Ich sage immer, Verkühlungen, die man im Winter bekommt, sollte man schon im Sommer behandeln.“ Das bedeutet, dass bereits vorbeugend Kräutermischungen für zu Hause vorbereitet werden, die schon beim kleinsten Anflug von ­Husten parat stehen und individuell auf die Patienten ­abgestimmt sind. Die Rezepturen werden z. B. in einer von 50 Apotheken mit TCM-Schwerpunkt abgemischt und zur Selbstabholung vorbereitet. „Ideal wäre es, wenn man innerhalb der ersten fünf Stunden, in denen man Symptome bemerkt, schon etwas dagegen tut. Dann schafft man es vielleicht sogar, die Erkältung abzufangen.“ Ob mit Hausmitteln, Schulmedizin oder TCM-Kräutermischungen, ist dabei sekundär. Prinzipiell behandelt man Symptome aber ähnlich wie in der Schulmedizin. „Man öffnet die Poren durch Schwitzen und schaut, dass die Erkältung vielleicht von selbst aus dem Körper verschwindet.“ Grundsätzlich ist auch die Apotheke immer eine gute Anlaufstelle für die ­Behandlung der ersten Symptome.

TCM und Antibiotika – geht das zusammen?

„Individualisierte Therapie ist die größte Stärke der TCM.“ Eine Krankheit und die passende Heilung werden als viele kleine Puzzlestücke gesehen, die man zu einem großen Ganzen zusammensetzen muss. In der Schulmedizin werden Therapien universeller eingesetzt und oft schnell Antibiotika verschrieben. „Wenn ein Patient am Freitagnachmittag mit rotem Hals zu mir kommt, kann das am nächsten Tag mit einer Kräutermischung weg sein – oder sich zu einer eitrigen Angina auswachsen. Deshalb bin ich froh, dass wir Antibiotika haben, keine Frage. Aber wenn man sie wiederholt nehmen muss, ist das eine Schwächung für den Körper.“ Die TCM kommt dann als Unterstützung für den Körper zum Einsatz, damit er mit dem Antibiotikum besser umgehen kann. Im Idealfall kann man mit vorbeugenden Maßnahmen, die man das ganze Jahr setzt, den Körper so stärken, dass Antibiotika beim nächsten Mal nicht mehr notwendig sind.

Darf man Erkältungen unbehandelt aussitzen?

Für einen prinzipiell gesunden erwachsenen Menschen ist das Aussitzen laut Expertin gar nicht so eine schlechte Idee. „Das sollte für den Organismus kein Problem sein, solange es nicht jeden Monat vorkommt.“ Man lernt seinen Körper besser kennen und gibt ihm die Ruhe, die er bei einer Erkältung braucht. Wenn sich der Zustand aber nach ein paar Tagen nicht bessert, bitte unbedingt zum Arzt schauen. Vor allem bei Kindern sollte man kein ­Risiko eingehen.

Ab wann ist man wieder fit für die Welt?

Hand aufs Herz: Die meisten von uns schleppen sich am ersten Tag, an dem sie sich nicht mehr hundeelend fühlen, wieder ins Büro und meinen, wieder einsatzfähig und fit zu sein. „Wenn ich wirklich fit bin, habe ich wieder Appetit und fühle mich gesund“, so die Expertin. Wer keine zehn Schritte der Straßenbahn nachlaufen kann ohne zu schwitzen, kann postwendend wieder ins Bett gehen. Präsentismus am Arbeitsplatz ist nämlich auch keine Lösung!

 

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