Natascha Kampusch nervt euch? Dann seid ihr das Problem

Alle, die nicht jahrelang misshandelt und eingesperrt wurden, sollten ganz tief durchatmen, bevor sie über Natascha Kampusch urteilen.

„Geh zurück in den Keller und lass dich dort….“ Diesen Kommentar hat Natascha Kampusch im Internet erhalten. Gemeinsam mit vielen weiteren, die ebenso gewaltvoll und geschmacklos waren, und die sie im gestrigen ORF-„Thema Spezial“ vorlas.

Als wäre das aber nicht genug, kamen bereits vor Ausstrahlung der Sendung wieder hunderte Hasspostings dazu. Und sie werden leider immer mehr.

„Ihr alle, die ihr Partei für Sie ergreifft (sic!), tut ja so, als ob ihr mit ihr eingesperrt ward (sic!)", postete etwa eine Userin auf der WIENERIN-Facebook-Seite. Und weiter: „..Frau Kampusch schlachtet ihre Geschichte nun seit Jahren aus.“ „Wer in der Öffentlichkeit stehen möchte sollte auch damit rechnen und Kritik einstecken können." Bloß: Gewaltdrohungen und Beschimpfungen haben nichts mit "Kritik" zu tun, und einstecken sollte man solche Kommentare schon gar nicht. Schließlich sind sie schlicht: widerlich. Außerdem muss es Opfern möglich sein, ihre Geschichten zu erzählen - und zwar so wie sie es für richtig halten.

Natascha Kampusch hat Grausames erlebt - trotzdem stimmen alle in den Hass-Chor mit ein

Hinter dem Hass auf Natascha Kampusch steckt aber ein weit größeres Problem: Victim-Blaming. Dass Gewaltopfern die ihnen angetane Gewalt abgesprochen, teils nicht geglaubt oder ihre Opferrolle in bestimmte, gesellschaftlich akzeptierte Muster gezwängt wird, passiert Frauen täglich und überall.

Laut einem UN-Bericht haben 73 Prozent aller Frauen, die online sind, schon in irgendeiner Form Erfahrung mit Cyber-Gewalt gemacht.

Mädchen zwischen 18 und 24 sind der heftigsten Form von Online-Belästigung ausgesetzt. Dabei reicht schon ein weiblich klingender User-Name: Die Universität von Maryland hat 2006 eine Reihe von Fake-Accounts erstellt. Die Accounts mit weiblich klingenden User-Namen bekamen 25 Mal so viele Drohnachrichten und sexuell explizite Annäherungen als diejenigen, mit einem männlichen Usernamen.

Hinzu kommen sexistische Ansichten - wie etwa jene, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit ihre Meinung kundtun, aufstehen und laut sind, „mediengeil“ sind und nur Aufmerksamkeit wollen, um daraus in irgendeiner Form Profit zu schlagen. So weit der Diskurs. Doch würden Männer hier die gleiche "Kritik" einstecken müssen? Eher unwahrscheinlich.

Dass Natascha Kampusch mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht, dass sie gegen Hass im Netz aufsteht, ist legitim und vor allem: mutig. Es gibt anderen Opfern, und auch ihr selbst, Kraft.

Wie muss sich ein "perfektes Opfer" verhalten?

Einige kommentieren auch, Kampusch solle sich ein Beispiel an den Fritzl-Opfern nehmen, die sich für ein Leben abseits der Öffentlichkeit entschieden haben. Denn die stillen Opfer sind offenbar genehm, und gehen niemandem auf die Nerven. Und auch hier versteckt sich eine Doppelmoral: Solange das voyeuristische Auge mit (sexualisierten) Boulevard-Stories bedient wird, ist es okay, darüber zu berichten. Wenn die Opfer aber selbst aufstehen und ihre Geschichte in ihren eigenen Worten erzählen, wird es zum Problem.

Man kann sich als gewöhnlicher Schreibtischtäter nur schwer vorstellen, mit welchen Wellen des Hasses und mit welchem Schwall an Missgunst Natascha Kampusch konfrontiert gewesen sein muss, und nach wie vor ist. Wenn man sich die Kommentare nach der gestrigen ORF-Sendung ansieht, dürfte klar sein, dass viele ÖsterreicherInnen offenbar kein Problem darin sehen, ihre hasserfüllte Meinung zu einer Frau abzugeben, der die Kindheit weggenommen wurde, die stark traumatisiert ist und deren Qualen für jeden, der derzeit eine Meinung zum „richtigen Opferverhalten“ hat, eigentlich mehr als unvorstellbar sind.

Was ist denn in den Augen der vielen HassposterInnen ein „perfektes Opfer“? Wie oft dürfen Frauen zu Wort kommen, ohne dass sie als „nervig“ oder „aufmerksamkeitsgeil“ gelten? Gibt es eine gewisse Grenze an Minuten oder Stunden, in denen sie sprechen dürfen? Wenn ja, würde mich stark interessieren, wo diese liegt.

Niemand ist "selbst schuld" an Hasspostings

Daher die Bitte an alle HassposterInnen: Atmet einmal tief durch und sprecht jemandem wie Natascha Kampusch ihren Mut, ihre Stimme und auch nicht ihre Opfererfahrung ab. Es ist offenbar ganz legitim geworden, über eine junge Frau zu schimpfen, die acht Jahre lang misshandelt und eingesperrt wurde. Das macht sprachlos und ist eigentlich an Grausamkeit und Grauslichkeit kaum zu überbieten.

Wenn dann jemand kommentiert, sie sei „selbst schuld“ an den Hasskommentaren, frage ich mich nur: Wer ist jemals selbst schuld an der Gewalt, die ihm oder ihr widerfährt? Wiederum wird hier Täter-Opfer-Umkehr betrieben, denn Vergewaltigungsdrohungen, Beschimpfungen und Beleidigungen im Netz sind keine freie Meinungsäußerung, sondern Gewalt. Und damit (auch) strafrechtlich relevant.

Jede/r kann Teil der neuen Allianz für digitale Zivilcourage werden. Auf der Plattform www.solidaritystorm.at stellt #aufstehn ein Tool zur Verfügung, mit dem Menschen ganz einfach aktiv werden können. Sie bekommen Hilfestellungen, Tipps und Tricks gegen Hasspostings und für couragiertes Handeln im Netz. Eine eigene Facebook-Gruppe bietet die Möglichkeit, sich zu verbünden und mit anderen Engagierten auszutauschen. Für Notfälle – wenn zum Beispiel jemand Opfer eines Shitstorms wird – gibt es Push-Notifications, mit denen Engagierte verständigt und um Unterstützung gebeten werden können.

Um dem ganzen Hass etwas entgegenzusetzen, gibt es aber zum Glück viele, die positive, reflektierte und solidarische Kommentare im Netz posten. Hier sind einige davon, die von unseren Leserinnen gemacht wurden und die hier exemplarisch für ein respektvolles Miteinander im Netz stehen sollen:

„Den Hass gegen Frau Kampusch kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Man hat ihr unwiederbringlich die Kindheit gestohlen. Dass sie trotzdem eine starke Frau geworden ist, finde ich bewundernswert."

„Wer mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit geht, hat tiefen Respekt verdient. ...und nicht Hohn und Spott.“

„Ich bin schockiert über die empathielosen Hater. Stark, dass sie mit ihrem Schicksal so umgehen kann.“

„Coole Frau. Hut ab, du packst es.“

„Lass dich nicht unterkriegen Natascha!“

Natascha Kampusch selbst schreibt in ihrem Buch: „Ich war eine Sklavin, eine Untergebene. Weniger wert als ein Haustier. Ich hatte keine Stimme mehr.“ Denn was viele zu vergessen scheinen: Natascha Kampusch wurde ihre Stimme jahrelang weggenommen. Dabei ist das, was sie zu sagen hat, wichtig, wertvoll und verdient Respekt. Lassen wir sie, und alle anderen Gewaltopfer, ihre Geschichte bitte einfach nur erzählen - und zwar so, wie sie das möchten.

Link: "Thema Spezial" über Hass im Netz in der ORF TVThek.

 

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