"Naked Attraction" ist die schrecklichste Datingshow im Fernsehen

Mit der neuen Datingshow "Naked Attraction" hat sich RTLII selbst unterboten.

Da steht ein Mann, der packt sein Leben nicht. Mit verzücktem Blick, fast schon ein bisschen weggetreten, betrachtet er die sechs bunt beleuchteten Vaginen vor sich. "Wow", sagt er. "Wie im Paradies." Und klar, was könnte paradiesischer sein als aus mehreren weiblichen Geschlechtsorganen wählen zu dürfen, die mystisch beleuchtet und völlig von der Persönlichkeit der zugehörigen Frau losgelöst im Raum schweben. Ein Fiebertraum der sexualisierten Objektifizierung im Patriarchat: So funktioniert Dating jetzt in der Welt von RTLII.

"Naked Attraction" heißt die neue Datingshow und sie feiert die Oberflächlichkeit mit selbstbewusster Ignoranz. Weg mit dem langweiligen Tenor, dass es doch auf innere Werte ankomme. Feuer und Leidenschaft, das geht nur, wenn man den Körper des potentiellen Sexualpartners auch richtig geil findet. "Was, wenn wir nur die körperliche Anziehungskraft entscheidet?", fragt RTLII und reduziert Menschen auf das Wesentliche: ihre nackten Körper.

Wie man die Liebe oder etwas ähnliches in "Naked Attraction" findet

In sechs Kabinen stehen sechs nackte Menschen, sie werden von einem angezogenen Menschen des anderen Geschlechts beurteilt. Das ist das Epitom der Castingshow, es geht nicht um Talent oder das, was Heidi Klum Persönlichkeit nennt. Nein, nur das Aussehen zählt. Unverhüllt und stückchenweise.

Zuerst sieht man nämlich nur sechs nackte Unterkörper: Beine, Hintern und primäre Geschlechtsorgane. Die werden eindringlich betrachtet, ganz nah geht man ran und glotzt auf die Scheide einer gesichtslosen Frau, um sie mit jener der Nachbarin zu vergleichen.

"Was macht denn eine schöne Vagina aus?", fragt die Moderatorin den staunenden Mann keck.

"Wenn man weiblichen Geschlechtsorganen schon so ein deppertes Attribut wie "schön" umhängen muss, dann sind verdammt nochmal alle Vaginas schön!", schreit man den Bildschirm an.

"Och, wenn der Kitzler so 'n bisschen rausguckt, das ist toll!", sagt der Mann stattdessen. Er schaut zur Nachbarvagina. "Die ist auch sehr schön." Und jetzt bitte umdrehen, damit man auch den Popsch betrachten kann.

"Es sollten keine Schlupfwarzen sein."

Wäre man gezwungen, auch nur eine einzige positive Sache an "Naked Attraction" zu finden, es wären die verschiedenen Körper der TeilnehmerInnen. Das sind Menschen mit Genitalien, und sie offenbaren die ganze Bandbreite primärer und sekundärer Sexualorgane. Kleine und große Schamlippen in allen Größen, Formen und Kombinationen. In der einen Kabine lugen die inneren Schamlippen nur ein bisschen hervor, dort sind sie deutlich sichtbar und daneben wieder kaum zu sehen. Große Penisse, kleine Penisse, Hodensäcke und Brüste auf jedem Level hängend. Das hat man so sonst nur auf den Selbstauslöser-Fotos in der Bravo gesehen.

Am Ende propagiert "Naked Attraction" freilich trotzdem nur das gesellschaftliche Schönheitsideal. Fünf von sechs Frauen der zweiten Sendung haben einen völlig rasierten Schambereich, nur eine zeigt ein kleines Büschelchen am Venushügel und fliegt prompt in der ersten Runde raus. Schlank und weiß sind sie alle. Soviel zur Diversität.

In der zweiten Runde darf der Mann dann Bäuche und Brüste der immer noch gesichtslosen Frauen bewerten. Und man erfährt: "Es sollten keine Schlupfwarzen sein." Das ist der Stoff, aus dem Unsicherheiten und falsche Schönheitsideale gemacht sind.

"Ob der Funke auch bekleidet überspringt?"

Erst in den letzten Runde bekommen die nackten KandidatInnen auch ein Gesicht, ganz am Ende dürfen sie sogar (!) sprechen. "Jetzt könnt ihr sagen, was ihr an eurem Körper gut findet und was nicht, in einem kurzen Satz!", ordnet die Moderatorin an. Fremdbewertung ist nämlich nicht genug, man muss mit dem eigenen Körper auch selbst hart ins Gericht gehen. Nur hier streiken die Kandidatinnen und finden sich eigentlich rundum gut.

Im Sinne der Gleichberechtigung nach RTLII muss sich der oder die auswählende KandidatIn vor den beiden verbleibenden FavoritInnen auch entblößen, bevor eine/n SiegerIn gekürt werden darf.Der Preis ist eher mickrig, es ist einfach nur ein Date. Nackt und vermeintlich glücklich stapft das neue Pärchen von dannen, um eine Beziehung auf einer Basis aus Objektifizierung, Sexismus und Degradierung aufzubauen.

So funktioniert der Liebestraum im Trash-TV.

 

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