Nackte Tatsachen

Die WIENERIN findet es nicht unbedingt super, wenn Frauen sich für Herrenmagazine ausziehen. Nicht, weil wir prüde wären. Eher, weil dabei immer der Umstand mitschwingt, dass Frauen zum Sexobjekt stilisiert werden...

Aber bitte: Wenn eine Frau so ein Angebot annimmt, werden wir uns nicht quer legen. Dagegen anschreiben auch nicht. Schon gar nicht in dem Ton, in dem die Moderatorin und ehrenamtliche Sterbebegleiterin Cathy Zimmermann in den vergangenen Wochen öffentlich angeherrscht wurde - nicht nur von anonymen Internet-Usern, sondern auch von Vertretern meiner eigenen Zunft.

Ich gebe zu, da läuft mein Frauensolidaritätsprogramm automatisch an. Ich finde es aber auch spannend, die Dynamik dieses Mobbings zu hinterfragen: Warum kassiert eine Moderatorin mittleren Bekanntheitsgrades, bisher für ihr Engagement im Hospiz hochgelobt, für die Entscheidung, Nacktfotos zu machen - erst für den WIENER, dann für den Playboy - derartige Häme, solchen Hass?

Ich habe eine Theorie: Die öffentlichen Reaktionen wären ganz andere gewesen, stünde nicht der Verdacht im Raum, sie sei in ihrer viel publizierten Beziehung zu einem ZIB-Moderator fremdgegangen. Keiner weiß, was wirklich geschah, aber das ist egal: Cathy Zimmermann ist als „Schlampe" abgestempelt. Und kann jetzt eigentlich gar nichts mehr richtig machen. Als ob es irgendjemanden anginge, was zwischen den beiden tatsächlich abgelaufen ist. Ich erinnere mich, dass auch dem Ex-Freund in der Vergangenheit vom Boulevard das Fremd-Gen attestiert wurde. Auch hier wurde nie geprüft, allerdings auch nicht verurteilt. Aber bei Männern ist das ja immer was anderes ... Einmal mehr wird deutlich: Im öffentlichen Umgang mit Frauen, die scheinbar moralische Regeln verletzen, hat sich seit Jahrhunderten nichts geändert.

Medien tragen Verantwortung, auch so genannten B-Promis gegenüber. Durch pure Hetze, der Quote oder persönlichen Gesinnung wegen, verraten wir unseren journalistischen Auftrag. In der Mai-WIENERIN versuchen wir ab Seite 56, diesen ordentlich wahrzunehmen - und natürlich auch auf allen anderen Seiten.

 

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