Nachts im Freibad

Gedankensplitter: Ins Freibad einsteigen war damals der krönende Abschluss einer Diskonacht. Einfach verboten schön. Kolumnistin Martina Parker erinnert sich an magische Momente.

Es ist Jahre her. Wir haben viel zu viele Spritzer getrunken, viel zu viele Zigaretten geraucht. Wir haben zu lauter Musik getanzt bis unsere Füße müde waren und unsere Ohren von den Bässen gerauscht haben. Dann war es plötzlich halb vier. Wir sind raus aus dem Lokal in eine Nacht, die immer noch unglaublich warm war. Wir waren aufgeheizt und erschöpft zugleich. Und dann hat einer die magischen Worte ausgesprochen: "Lass uns doch ins Freibad einsteigen!"

Lass uns doch ins Freibad einsteigen!

Das Freibad in besagtem Dorf war nie besonders gut gesichert. Selbst die Unsportlichsten konnten sich über das Gatter schwingen. Der Herzschlag beschleunigte sich aber sofort, sobald man auf der anderen Seite war...

Es ist stockdunkel, aber den Weg zu den Schwimmbecken kennen alle von klein auf und bei jedem Schritt gewöhnen sich unsere Augen ein bisschen mehr an die Dunkelheit. Das Wasser ist spiegelglatt und so verführerisch. Ich stecke die Hand hinein. Es fühlt sich gar nicht kalt an.

Wie weit zieht man sich aus?

Der größte Nervenkitzel ist das Ausziehen. In der Dunkelheit fallen die Hüllen. Das ist jetzt etwas peinlich. Wir sind sieben Leute, drei Mädchen und vier Jungs, Freunde aber keine Pärchen. Nach heimlichen Blicken auf die anderen, muss die schwierigste Frage geklärt werden: Wie weit zieht man sich aus? "Ich lass die Unterhose an!", flüstert meine Freundin: „Strings trocknen eh schnell.“ Neben mir springt der Erste ins Wasser.

Also tief einatmen, Augen zu und hinterher. Untertauchen, eintauchen, ein paar Züge schwimmen. Das Wasser ist angenehm warm und erfrischend zugleich. Klärt den von Alkohol und Zigaretten schweren Kopf, spült Schweiß und Müdigkeit weg.

Dann plötzlich Panik. Oh mein Gott, ich hab was gehört, da kommt wer? Hat jemand die Gendarmerie alarmiert? Wo liegt mein Gewand? Wie erfolgreich kann man barfuß im String flüchten? Doch statt Taschenlampen ist nur die Glut einer Zigarette sichtbar. Das sind welche von uns. Andere Nachtschwärmer? Zum Glück! „Ach Ihr seid es? Hattet wohl dieselbe Idee?“ Die Erleichterung ist unbeschreiblich.

Ein paar Minuten lang wird nun laut gelacht, gescherzt, geblödelt, aber dann lullt uns die Nacht wie eine große dunkle Decke ein und wir werden ganz still und friedlich.

Wir treiben alle auf dem Rücken an der Oberfläche des Wassers und starren den Mond und die Sterne an.

Und wir wissen: Das ist die schönste Fortgehnacht, die wir je hatten. Die geht in die Geschichte ein. Davon werden wir noch Jahre später reden.

Wir sind dann noch ein paar Mal in diverse Freibäder eingestiegen. Nur nicht in Stinatz, denn das hat ja bekanntlich keines. Es war jedes Mal magisch. Erwischt wurden wir übrigens nie...

Nachtrag: Ins Freibad Einsteigen ist Hausfriedenbruch und kann in Österreich zur Anzeige gebracht werden. Manche Freibäder haben heute Überwachungskameras. Und ja: Rauchen ist schädlich und die Kombi aus Nachtschwimmen und Alkohol kann lebensgefährlich sein. Das nur zur Vollständigkeit und um allen moraltriefenden Kommentatoren von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen.

 

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