Nachgefragt: Gibt es einen Frauenbonus?

Dass es Frauen in männerdominierten Branchen schwer haben, ist bekannt. Aber kann es auch eine Chance sein, wenn man auffällt? Was sind die Vor-, was die Nachteile? Das haben wir bei der Soziologin Irene Kriesi nachgefragt.

In der Soziologie haben Berufe ein Geschlecht“, erklärt Irene Kriesi. Die Schweizerin ist promovierte Soziologin und Forschungsfeldleiterin am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung. Sie beschäftigt sich mit Bildungs- und Karriereverläufen von Frauen und Männern. Spannend wird es, wenn Geschlecht und Beruf eigentlich nicht so ganz zusammenpassen. Wir fragten die Expertin, ob sich daraus auch Kapital schlagen lässt und wo die Fallstricke liegen.

Ich habe in einem Blog den Satz gelesen, Frauen in Männerberufen seien „allein unter Wilden“. Ist das so?

Irene Kriesi: (Lacht.) Alleine sicher. „Unter Wilden“ ist Ansichtssache. Ich denke, das Grundproblem ist: Im Durchschnitt gehen Frauen und Männer unterschiedlich miteinander um, und Frauen in Männerberufen kommen dann oft in eine Berufskultur, die für sie ungewohnt ist. Vor allem sind sie dann also einsam. Und enorm sichtbar.

Stichwort Sichtbarkeit: Die kann doch auch ein Vorteil sein – eine Winzerin etwa lässt aufhorchen. Gibt es also auch so etwas wie einen „Frauenbonus“, wenn es um Aufmerksamkeit geht?
Diese Frauen haben mehr Aufmerksamkeit, keine Frage. Aber wenn so eine Frau einen Fehler macht, wird das nicht nur ihr, sondern dem ganzen Geschlecht angekreidet. Man fällt auf – aber die Frau als Individuum profitiert nur davon, wenn sie ganz besonders gut in ihrem Beruf ist.

Wie werden Frauen mit diesem Unter-der-Lupe-Sein fertig?

Damit Frauen in Männerberufen – und Männer in Frauenberufen – bestehen können, brauchen sie schon relativ stabile Persönlichkeiten. Die Hürde, in einen Beruf zu gehen, der dem eigenen Geschlecht so gar nicht entspricht, setzt voraus, dass die Leute wissen, was sie wollen.

Lange galt auch, dass Frauen in männlichen Branchen dann doch in „weiblicheren“ Positionen wie Marketing landen; oder bei den Winzerinnen: die Hostessen …

Diesbezüglich hat sich wenig geändert. Frauen sind zwar in fast alle Männerdomänen eingedrungen, besetzen aber dann oft „weibliche“ Nischen. Interessanterweise wird das Umgekehrte – dass Männer in Frauendomänen vordringen – viel weniger thematisiert.

Warum ist das so?

Klassische Männer­domänen sind eben in Bezug auf Einkommen, Aufstiegsmöglichkeiten und Prestige im Durchschnitt attraktiver; im Gegensatz zu traditionellen Frauenberufen, sei es Pflege oder Bildung, die oft gar nicht attraktiv für Männer sind.

Haben es Männer in Frauendomänen denn auch schwerer?

Grundsätzlich sind sie auch extrem sichtbar – mit allen Problemen, die das bringt. Der Unterschied ist, dass sie häufig mit offenen Armen empfangen werden – weil damit die Hoffnung verknüpft ist, dass der Beruf aufgewertet wird; während Frauen in Männerberufen oft als Bedrohung gesehen werden, in dem Sinn, dass der Beruf an Prestige verliert.

Also gibt es eher einen Männerbonus als einen Frauenbonus?

Genau. Es gibt Studien, die zeigen, dass Männer in Frauenberufen oft relativ schnell in Leitungsposi­tionen kommen, während Frauen in Männerberufen schnell an die Gläserne Decke stoßen.

Können sich typische Geschlechterverhältnisse auch drehen?

Berufe haben immer wieder ihre Geschlechtslabels gewechselt. Pflege hat sich erst im 19. Jahrhundert zu einer Frauendomäne entwickelt. Die Verknüpfungen zwischen Geschlecht und Beruf sind sehr stark kulturell bedingt – das bedeutet, dass man sie auflösen kann.

Was braucht es, damit diese Trennung von klassischen Frauen- und Männerberufen endet?

Dass auch in Männerberufen mehr Teilzeitarbeit angeboten wird und dass „weibliche“ Berufe besser bezahlt werden. Und natürlich auch eine neue Rollenverteilung etwa bei der Erziehung. Ein weiterer Punkt: Die Berufswahl wird in unserer Kultur zu sehr als Selbstverwirklichungs­projekt gesehen.

Warum ist das ein Problem?

Berufsberatung, Lehrpersonen, Eltern drängen darauf, dass man einen Beruf wählt, der die eigenen Interessen möglichst gut abdeckt. Und da kommen Geschlechterstereotype ins Spiel, die ja die Interessen der Jugend­lichen prägen. Also Beruf nicht nur als Selbstverwirklichung sehen, sondern stärker reflektieren, was darin auch für Möglichkeiten stecken.

 

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