"Na da schaut's aus" - Warum mich das kreative Chaos ein Leben lang begleitet

Ordnung ist Ansichtssache. Wenn nicht alles seinen Platz hat, kann man es auch Gehirnjogging nennen, meint WIENERIN-Kolumnistin Katharina Reményi. Ihr eigener Nachwuchs sieht das (leider) ähnlich.

Katharina Reményi


"Na, da schaut 's aus!" Diesen Satz werde ich nie vergessen. Den habe ich während meiner Teenagerzeit wahrscheinlich am öftesten gehört. Knapp dahinter (bei einem 100-Meter-Sprint wären es nicht mehr als zwei Tausendstel Rückstand) rangiert der Satz: "In so einem Saustall kann man sich doch nicht wohlfühlen!" Es kommt mir sogar vor, als wäre es gestern gewesen, dass ich diese Sätze in unterschiedlichen Lautstärken und nicht zuletzt Tonlagen gehört habe. Kein Wunder, denn sie fallen bei uns zu Hause immer noch mit erschreckender Regelmäßigkeit. Der einzige Unterschied: Es gab einen Rollentausch.

Seitenwechsel

Ich bin jetzt diejenige, die diese Arie in allen möglichen Varianten singt. Ich würde sogar behaupten, dass ich die drei Oktaven von Maria Callas locker toppen kann, jedoch könnte mein Publikum nicht weniger beeindruckt davon sein. Statt Applaus ist ein kaum merkliches Augenrollen noch die emotionalste Reaktion, die ich auf meine Darbietungen bekomme. Wenn ich gar nicht lockerlasse, höre ich nach zwei Minuten ein genervtes "Ich hab jetzt alles aufgeräumt!" vom Nachwuchs. Wenn ich mich frage, wie das geht, muss ich lediglich einen Blick ins Bad werfen. Dort liegt dann nämlich der gesamte Gewandhaufen, der den Eintritt ins Jugendzimmer vorher noch unmöglich gemacht hat. Effizient? Nein, eine Frechheit!

Aber was soll ich sagen: Ich war genauso! Und um ehrlich zu sein, bin ich auch heute noch keine echte, auf Pinterest mein perfekt inszeniertes Heim postende Leuchte darin, alles in Ordnung zu halten. Aber ich bin besser geworden. Das Einzige, was stört, sind die anderen im Haushalt. Aber man könnte die Sache ja auch ganz einfach positiv sehen und sagen, dass der Nachwuchs von der Besten gelernt hat.

Kreatives Chaos? Oder Unordnung?

Nesterl bauen

Die B. plagt ein ähnliches Schicksal. Bei der schaut's auch immer aus. Wenn wir das Gefühl haben, unsere Wohnungen jetzt echt auf Vordermann gebracht zu haben, ist es für die M. ein "Na, da schaut's aus!"- Chaos aus Klamotten, Zettelwerk und Krimskrams. Die B. bleibt cool, nennt es "unser kreatives Chaos", wo auch alles seinen Platz hat - nur eben nicht dort, wo es jemand anderer vermuten würde. So weiß ich etwa, dass ich die kleine Abendtasche links hinten unter T-Shirts und Hosen, die noch nicht wieder in den Kasten geräumt sind, finde. Warum sie dort liegt, weiß ich allerdings nicht mehr.

Anderes Beispiel: Wer würde das Tixo in der Holzschale, in die eigentlich die Schlüssel gehören, in der sich aber über die Zeit auch Rechnungen, Ringe, unaufgeblasene Luftballons, Kugelschreiber und Haargummis, die zu einer Einheit verschmolzen sind, angesammelt haben, vermuten? Ich weiß das. Ich nenne das Gehirnjogging. Die B. sagt zu solchen Anhäufungen verschiedenster Kleinigkeiten gerne Nesterl. Vielleicht sollte ich die Zimmer des Nachwuchses einfach als Horst bezeichnen.

 

Aktuell