Mythos gesundes Fett: Ist Omega-3 wirklich so gut für uns?

Sie gelten als Hit unter den "guten" Fetten, die Omega-3-Fettsäuren. Jetzt hat ihr guter Ruf einen Knacks bekommen. Was steckt hinter Omega-3, ist es wirklich so gesund - oder nicht besser als Schweineschmalz? Wir haben uns auf eine - fettreiche - Spur begeben...

Gäbe es einen König der “guten Fette”, den Omega-3-Fettsäuren würde dieser Titel unumstritten zugesprochen. Es wirke im Hirn, verhindere Alzheimer, lindere ADHS bei Kindern, dämpfe Depressionen und bringe das Gedächtnis auf Trab – bei den vielen positiven Auswirkungen von Omega-3 musste man bisher an ein Wundermitel glauben. Weit gefehlt, denn jetzt wird der Alleskönner der mehrfach ungesättigten Fettsäuren, der nicht vom Körper selbst hergestellt werden kann und somit über die Nahrung aufzunehmen ist, etwas unsanft vom Thron gestoßen. Gleich mehrere wissenschaftliche Untersuchungen lassen Zweifel an den bisher aufgelisteten positiven Wirkungen entstehen.

Omega-3 ist nicht Omega-3

Zu den Omega-3-Fettsäuren zählen verschiedene Fettsäuren. Sie unterscheiden sich sowohl in der Wirkung auf den menschlichen Körper als auch in ihrem Vorkommen.

Während sich die Ärzte darüber einig sind, dass es gesund ist, möglichst zweimal pro Woche Fisch sowie Walnüssen, Leinsamen, Soja und Rapsöl zu essen, geht es in Bezug auf die Wirkung einer vermehrten Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren nicht ganz so harmonisch zu. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor einer Überdosis: Zu viel an Omega-3 schwäche die Immunabwehr, sorge für Blutungen und erhöhe bei Herzpatienten die Gefahr eines plötzlichen Herztodes. Kinder könnten sich später Übergewicht und erhöhten Blutdruck einhandeln, so das BfR.

Omega3 Mythos gesunden Fetts
Omega3 Mythos gesunden Fetts

Fisch ja, Fischöl-Kapseln nein

Durch das hohe Vorkommen von Omega-3-Fettsäuren in Fischen war es ein kleiner Schritt zu Fischöl-Kapseln und anderen hoch dosierten Nahrungsergänzungsmitteln. Während erste Studien zeigten, dass diese Supplements wie das natürliche Lebensmittel selbst vor weiteren Herzbeschwerden schützt, behauptet eine jüngst publizierte Übersichtsarbeit von 14 Studien im Fachmagazin "Archives of Internal Medicine" das Gegenteil. Doch diese Arbeit eines Teams koreanischer Wissenschaftler ist ebenfalls nicht unumstritten, auch wenn sie eine mögliche Erklärung parat hat, warum die Fischöl-Kapseln in früheren Studien wirksam waren, in späteren aber nicht mehr. Patienten, die bereits Herzkreislauf-Leiden haben, erhalten inzwischen deutlich häufiger Medikamente, die sie vor einem Infarkt bewahren sollen. Zusätzlich geschlucktes Fischöl erhöhe dann den Schutzeffekt nicht mehr, mutmaßen die Wissenschaftler.

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Eine andere aktuelle US-Studie des Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle stellt Zusammenhänge zwischen hohen Konzentrationen von Omega-3-Fettsäuren im Blut und Prostatakrebs her. Männer mit der höchsten Serumkonzentration hatten um 43-mal häufiger ein Karzinom als die anderen. Daher vermuten die Forscher, dass die essenziellen Fettsäuren trotz ihrer bekannten entzündungshemmenden Eigenschaften an der Tumorentstehung beteiligt sind.

Wenn auch vieles unerklärbar ist, einig sind sich Kritiker und Wissenschafter in beiden Fällen darüber, dass weitere Studien folgen müssen.

Mythos vom “Guten Fett”

Das Rütteln am Wundermittel Omega-3-Fettsäuren bringt die gesamte Heilslehre von den ungesättigten Fetten ins Wanken. Kürzlich veröffentlichte die Amerikanische Herzgesellschaft eine Studie, die sogar daran zweifelt, dass die angeblich "guten" Fette im Blut, vor allem das sogenannte HDL-Cholesterin, fürs Herz von Vorteil seien. Bei der Untersuchung mit 767 Herzpatienten stießen die Forscher nämlich auf einen überraschenden Zusammenhang: Bei jenen mit einem hohen Spiegel an vermeintlich "gutem" Cholesterin fanden sie hohe Werte an gefährlichen, entzündungsfördernden Substanzen im Blut. Diese stehen im Verdacht, die Blutgefäße anzugreifen und zu verhärten. Hinweise, die in ähnlicher Art und Weise Ärzte der Universität Norwich vor vier Jahren bei der Untersuchung von 89 Studien zur Wirkung von Omega-3 aufs Herz bereits entdeckten. Ihr Fazit: Statt gegen Depressionen zu helfen und vor Krebs zu schützen, bescherten die Fischfette den Kranken ein verkürztes Leben.

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Ist die Lösung weniger Fisch? Nein, denn – so sind sich Ärzte einig – das Gute steckt tatsächlich im Meeresgetier. Vielleicht ist es jedoch nicht das Omega-3, sondern die F-Säuren (Furanfettsäuren), die sich im Leberfett von Fischen befinden. Stoffe, die Makrele, Lachs oder Thunfisch nicht selbst bilden, sondern durch Algen aufnehmen. Und Letztere sind gerade dabei, die Wundermittel-Thronfolge von den Omega-3-Fettsäuren anzutreten.

 

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