"Muttertag ist Arschkartentag!"

Blumen, süße Gedichte und ein ganz liebevolles Frühstück ans Bett? Ja klar. Aber am Ende ist Mutterschaft einfach eine verdammte lebenslange Verantwortung – ohne Rückgaberecht. Ein Kommentar zum Muttertag.

WIENERIN Chefredakteurin Barbara Haas

Fangen wir doch am besten bei meiner eigenen Mutter an. Sechs Kinder auf die Welt gebracht, eines liebevoll als Bonuskind dazubekommen. Heute sind alle erwachsen, alle im eigenen Leben angekommen? Schön wär‘s. Ein Kind, sie war das erste Mädchen nach drei Söhnen und ein Sonnenschein für alle, ist in der Pubertät psychisch erkrankt. Schizophrenie, chronisch. Corona hat meiner Schwester den Boden unter den Füßen weggezogen. Nach 26 Jahren also wieder zurück in der Psychiatrie. Geschlossene Abteilung. Besuchsverbot, Corona und so. Der Muttertag hat für meine Mutter also genau einen Fokus: "Wird meine kranke Tochter das irgendwie überstehen? So, dass sie wieder nach Hause kann. Wieder mit mir leben kann?" Denn auch ohne Corona haben sich weite Teile des Lebens meiner Mutter um die Sorge und die Fürsorge ihrer Tochter gedreht. Na gut, kann man sagen, das ist halt ein Schicksalsschlag. So eine Krankheit ist ja nicht normal. Ist sie auch nicht. Aber es war immer normal (und auch erwartet), dass sich meine Mutter des Lebens dieses Kindes annehmen wird. Warum? Naja, weil es halt die Mutter ist und sie das "Kümmern" in ihrer DNA hat. Scheinbar.

Dann die anderen Kinder, bleiben ja noch ein paar übrig, wenn man so viele hat. Jeder und jede aus unserer Familie hat auf mehr oder weniger diplomatische Art unsere Mutter schon für irgendwas verantwortlich gemacht, ich inklusive. Zu viel Nähe? Mutti klammert so. Zu viel gefordert? Mutti ist so dominant. Zu wenig Wahrnehmung? Genauso schlecht. Ganze Horden an Psychotherapeut*innen verdienen gutes Geld, weil am Ende hinter jeder verkorksten Seele sicher eine Mutter steht, die entweder ignorierend oder zu wenig liebend oder mit sonst einem Defizit dafür gesorgt hat, dass das Kind auch im erwachsenen Leben leider leidet. Ja, Mama, du bist schuld, dass das eigene Leben nicht gut läuft. Super Ausrede. Und super für die Mutter. Ganz bestimmt.

Meine Mutter sagt immer, dass Frauen durch die Geburt ihrer Kinder so sehr mit dem Leben und der Natur verwurzelt sind, dass sie einfach alles ertragen können. Das scheint ein goldrichtiger Gedanke zu sein. Und um den nachvollziehen zu können, muss man nicht eine psychisch kranke Tochter haben. Das Internet ist aktuell prall gefüllt mit verzweifelten Müttern, die ihr Leben nicht mehr packen. Die dachten, dass die Sache mit dem gleichgestellten Leben in ihrer Generation anders sei, als etwa in der meiner Mutter. Und was ist? Nix ist. Tausende sitzen mit ihren Kindern über Hausaufgaben, kochen, putzen, arbeiten daneben im Home Office, weil sich das offenbar ja alles ausgeht. Tut es nicht, doch zum Protest, zum Aufstand reicht es nicht. Die Mütter haben keine Energie für den großen Aufschrei, sie kümmern sich um ihre Kinder, um ihre Familien. Manche davon in einem bizarren Abziehbild der 1950er Jahre (wie ich selbst aktuell), manche trifft es jetzt noch viel ärger als gewöhnlich, weil sie etwa alleinerziehend sind. Wie meine andere Schwester. Sie hat mit zwei Kindern - von denen eines gerade mit seinen 14 Jahren glaubt, dass eh alles (außer Online-Videospiele) irgendwie wurscht ist - schon lange aufgehört, sich mit Systemkritik auseinanderzusetzen. Sie hat schlicht keine Zeit dafür, denn neben meist abwesenden Vätern und einem Job, der halt die Miete zahlen muss, bleibt nicht mehr viel. Sie hat auf Social Media gerade noch so viel Energie, um manchmal zu posten, wie schön es denn ist, Kinder zu haben. So in der der Richtung: "Sie sind nicht viel und nicht wenig, sie sind einfach alles." Kann man drüber lachen, kann man auch ganz generell als Kalenderspruch abtun. Ist aber für Frauen, wie meine Schwester einfach nur ein Strohhalm, an dem man sich klammert, denn nicht funktionieren ist leider nicht drinnen.

Daher hilft im Zweifelsfall nur die romantische Rückbesinnung auf, das, was Kinder eben auch sind: Toll. Bereichernd. Einzigartig. Und ja, natürlich sind sie die große Liebe. Aber sie sind auch ein enormer Verantwortungsposten. Fordern und beanspruchen den Nr. 1 Platz im Leben, solange sie noch nicht in der Pubertät sind, und ab dann sind sie ein immer größer werdendes Sorgenpaket. Schaffen sie die Schule? Haben sie wohl nicht die falschen Freunde? Was ist mit Drogen, Alkohol, Sex? Alles Dinge, die Mütter nächtelang wach bleiben lassen. Und dann ist plötzlich Pause. Mama auf dem Abstellgleis. Dann haben die Kinder ein eigenes Leben. Danke, Ciao Mama. Ich komm dann wieder zu Weihnachten und zu Ostern. Außer heuer. Corona hat den zweiten Pflichtbesuch bei den Mamas verpfuscht. Aber jetzt, am Muttertag 2020, wird das Thema wieder aufgekocht. In immer derselben konsumgetriebenen Art und Weise. Einmal Muttertag, weich gewaschen bitte. Blumen oder gar ein Besuch. Ja, man darf schon wieder. Super.

Der Muttertag ist ein Arschkarten-Tag, weil er in Wahrheit einfach zeigt, wie ignorant unsere Gesellschaft mit dem Wert von Müttern umgeht. Denn nein – surprise! – es geht nicht um das Essen, die Blumen und die 2-Stunden-Pflichtzuhören beim Kaffee. Es geht um echte Wertschätzung, um faire Teilhabe und um ein selbstbestimmtes Leben. Es geht darum, dass es eine Gesellschaft nicht akzeptieren sollte, wenn die Hälfte aller Frauen Teilzeit arbeiten, weil sich das Leben mit Kindern sonst nicht vereinbaren lässt. Es geht darum, dass eine Gesellschaft aufschreien sollte, weil sich die beiden Gedanken „Kinderkriegen“ und „Chance auf eine halbwegs normale Pension“ quasi ausschließen. Und dass es seltsam sein sollte, dass auch dieser Umstand wieder als Versäumnis dieser Frauen gewertet wird. Weil warum haben sie nicht mehr gearbeitet, besser vorgesorgt, höher geerbt, was auch immer?! Die Verantwortung für das Leben, das man „schenkt“, wie es so schön heißt, endet nie. Das ist ok, Frauen auf der ganzen Welt haben das (gerne) akzeptiert. Doch was wir nicht akzeptieren dürfen, ist, dass diese Verantwortung als quasi unteilbar scheint. Das ist sie nicht. Denn es gibt sie, die Väter. Und wir werden nur mit ihnen, mit von Männern gestalteten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen, dass der Muttertag einmal wirklich ein Feiertag wird.
Und wenn wir schon dabei sind, wäre es echt super, wenn dieser Tag dann bitte Elterntag heißen könnte. Danke.

 

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