Muttersein mit Depression: "Ich wollte sie nie damit belasten, eine psychisch kranke Mutter zu haben"

Psychische Erkrankungen überfallen einen genauso wie körperliche. Niemand ist schuld. Trotzdem sind die Schuldgefühle betroffener Eltern meist groß.

Muttersein mit Depression: "Ich wollte sie nie damit belasten, eine psychisch kranke Mutter zu haben"

Silvia ist 30 Jahre alt und steht mit ihren Töchtern im Flur. Die mittlere braucht Hilfe beim Schuheschnüren, die ältere zieht an Mamas Jackenzipfel, die jüngere schreit lauthals los. Silvia schreit zurück; dann schämt sie sich. Sie macht sich Vorwürfe und entschuldigt sich. Viel zu oft passiert ihr das.

Abends kommt Silvias Mann von der Arbeit nach Hause und Silvia überreicht ihm sofort die Kinder. Sie sehnt sich nach einer Pause und hat gleichzeitig kein Verständnis dafür. "Jetzt bin ich eh schon nur zu Hause", seufzt sie, "und krieg nicht mal das hin!"

Schmerzhafte Gedanken

Silvia möchte sein wie die anderen Mütter und schaffen, was die anderen Mütter schaffen. Sie möchte mit ihren Töchtern ins Museum gehen, oder in den Zoo; möchte den Haushalt in Ordnung halten und jeden Abend warmes Essen kochen. Trotzdem gelingt es ihr oft nicht. Sie entwickelt schmerzhafte Gedanken. Silvia glaubt, für ihre Familie nichts als eine Belastung zu sein. "Es tut so weh, in dieser Rolle zu sein", sagt sie. Sie denkt an Suizid, möchte einfach nur verschwinden. Dass sie Depressionen hat, ahnt sie dennoch lange nicht.

Der Arzt hält Silvia auf. 'Wir müssen umgehend handeln', sagt er. Die Diagnose: Erschöpfungsdepression.

Erst als Silvia ein paar Jahre später mit ihren Kindern beim Arzt ist, um die Gesundheit ihrer Töchter abzuklären, fällt ihre Erkrankung auf. Irgendetwas in der Art, wie sie gesprochen oder ausgesehen hat, müsse den Arzt alarmiert haben, ­erzählt sie. Der Arzt hält Silvia auf. "Wir müssen umgehend handeln", sagt er. Silvia erhält eine Diagnose: Erschöpfungs­depression.

Nur nichts anmerken lassen

"Nach außen hin habe ich immer versucht, so stark wie möglich aufzutreten", erzählt Silvia. Sie vertraut sich kaum Freundinnen an, und auch mit den Töchtern spricht sie nicht über ihre Depression. "Ich wollte sie nie damit belasten, eine psychisch kranke Mutter zu haben", erklärt sie. "Das hat einfach einen unangenehmen Beigeschmack." Von ihrem Mann wünscht Silvia sich mehr Interesse an ihrer Diagnose, als er ihr geben kann. Silvia ist verletzt und fühlt sich einsam. Aber sie versteht – auch er ist überlastet.

Die Töchter sind ausgezogen. Ihre familiären Probleme konnten alle drei mit psychotherapeutischer Behandlung bewältigen. "Für mich ist es fast ein Wunder, wie gesund sie sich entwickelt haben", erzählt Silvia. Für den Haushalt haben Silvia und ihr Mann nun eine Putzkraft organisiert. "Man muss nicht alles selbst perfekt hinkriegen", sagt Silvia. Seit das Haus leer ist, malt sie mehr. Sie fertigt Bühnenbilder für Musicals und Weihnachtsfeiern in der Kirche an, und einmal in der Woche geht sie bildhauern. Silvia hat sich die Kunsttherapie aus der Klinik mitgenommen. "Die Kunst ist tief", erzählt sie, "sie befreit mich".

 

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