Mütter, hört auf zu jammern und optimiert euch endlich!

Meditation, Self-Care und haufenweise Me-Time: Die Social-Media-Welt scheint die Lösung für die (Un-)Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefunden zu haben - natürlich nur für gestresste Frauen. Ein Kommentar zum Muttertag.

Mütter Burn-Out Stress Vereinbarkeit

In einer Facebook-Gruppe für politisch interessierte und aktive Frauen wurde vor ein paar Tagen das Thema Vereinbarkeit diskutiert. Wie die anderen Frauen in der Gruppe Job, Freizeit, Freundschaften, Kinder und so vieles mehr unter einen Hut bringen würden. Oder ob die Vereinbarkeit einfach eine chronische Unvereinbarkeit sei. Frauen erzählten in den Kommentaren von täglichen Kämpfen, Alleinerziehende von einem Alltag ohne Pause.

Drüben auf Instagram scheint man die Lösung bereits gefunden zu haben: Achtsamkeit. Influencerinnen, die selbst Kinder haben und auf ihrem Account zwar ein wenig Authentizität durchblicken lassen (etwa in Form des Wäscheständers im Wohnzimmer), aber trotzdem ein schönes, ideales Bild der Vereinbarkeit von Familie, Job und Partnerschaft vermitteln, erzählen, wie regelmäßiges Meditieren, Auszeiten und Sport ihre Laune gehoben haben. Die Botschaft ist klar: Wenn ich mir als Mutter doch nur einfach ein bisschen mehr Zeit für mich nehme und eine halbe Stunde früher aufstehe, um 15 Minuten zu meditieren, wird der Stress weniger. Und das macht mich zur geduldigeren Mutter, besseren Partnerin und effizienteren Ameise im System. Mission accomplished.

Dazu werben sie für Meditations-Apps, verkaufen Self-Care im Abo oder als Online-Kurs und freuen sich in ihren Insta Storys darüber, dass ihnen Männer schreiben, die ihrer Frau zum Muttertag so ein Abo schenken. Wie aufmerksam!

So. jetzt schütteln wir uns mal alle kurz. Denn hier läuft etwas völlig falsch. Und dabei sind die Muster altbekannt: Wenn etwas im System hakt, lasst es doch die Frauen ausbaden. Oder besser: Macht ihnen weiß, es wäre ihre Schwäche, ihr Mangel, ihr Versäumnis, das es auszubügeln gilt. O-Ton Patriarchat: „Wenn du es nicht schaffst, dich neben Haushalt, Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit um dich selbst zu kümmern, dann musst DU das ändern. Du bist schließlich die Frau. All das eben Aufgezählte ist deine Aufgabe, also optimier dich, damit du das hinkriegst!“

Wenn Frauen sich untereinander – und das nicht nur anlässlich des Muttertags – mit virtuellem Schulterklopfen versichern, dass ein wenig mehr Me-Time – die sie sich halt einfach schnell mal schaffen müssen – die tägliche Zerrissenheit und das drohende Burn-Out problemlos abwenden kann, ist das keine Lösung für die Unvereinbarkeit, die Frauen erleben. Wenn Männer ihren Frauen ein Selfcare-Abo zum Muttertag schenken, dann ist das zwar gut gemeint, aber das Gegenteil von gut. Tatsächliche Lösungen heißen gleichberechtigte Elternschaft, gleichberechtigte Aufteilung des Haushalts und vor allem die Übernahme des Mental Loads durch Männer.

Die Unvereinbarkeit von Familie, Erwerbstätigkeit und Partnerschaft (mit sich selbst, genauso wie mit einem anderen Menschen) vereinbart alles und ist die Folge von allem, woran es in der heutigen Gesellschaft krankt: die Verteilung von (unbezahlter) Care-Arbeit, Geschlechterstereotypen, einem Wirtschaftssystem, das auf Höher-Schneller-Weiter beruht. All das und noch einiges mehr landet früher oder später auf dem Rücken der Frauen. Denen man dazu noch erfolgreich eingetrichtert hat, dass sie dafür eine Lösung zu suchen haben.

Mir fällt in Anbetracht dessen nur ein Grund für bewusstes Ein- und Ausatmen ein: um anschließend laut los zu schreien.

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