Müssen Burschen lernen, wie man einen BH öffnet?

Nach einem Beitrag über dieses Thema auf einem Kindersender kam es zum kollektiven Aufreger im Netz. Zurecht?

Eine vermeintlich harmloser TV-Beitrag auf dem deutschen ZDF/ARD-Kindersender KiKa sorgt dieser Tage im Netz und unter FeministInnen für Aufregung. In dem Clip, der mittlerweile "zum Schutz der Protagonisten" wieder von KiKa entfernt wurde, lernen mehrere junge Burschen, wie man bei Mädchen einen BH richtig öffnet, ohne sich dabei zu blamieren.

Das Video ist Teil der Serie "Kummerkasten" auf KiKa, bei dem die brennendsten Fragen von Jugendlich rund um Sex, Liebe und Pubertät geklärt werden sollen. Für die Folge "Alles klar im BH?" bat KiKa drei Burschen an einer Schaufensterpuppe zu üben, wie man den BH bei einer Frau bzw. einem Mädchen richtig auszieht.

Die Folge wurde bereits im Dezember ausgestrahlt und ist seitdem auch parallel online verfügbar. Kurz nach der Veröffentlichung hagelte es bereits Kritik von besorgten Eltern und FrauenrechtlerInnen, woraufhin der Clip schnell gelöscht wurde. Ist es in Ordnung auf einem Kindersender solche Themen zu thematisieren?

"Ermutigt an die Wäsche zu gehen!"

Nein, findet die Inge Bell, Vorstand der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes", die in der "Bild" den Inhalt der Sendung scharf kritisiert: "Das ist ein völlig falsches Signal an die KiKa-Zielgruppe der 3- bis 13-jährigen Kinder. Es ermutigt Jungs schon im Kindesalter, Mädchen buchstäblich an die Wäsche zu gehen. Und es signalisiert Mädchen schon im Kindesalter, dass Jungs ihnen an die Wäsche gehen dürfen".

Der Sender reagierte auf die Kritik, die Inhalte der Sendungen basierten auf einer großen Zahl von Fragen, die Mädchen im Alter von zehn bis 13 Jahren stellten und stand in Kooperation mit dem Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg/Schlesische Oberlausitz. Die Fragen zeigten eine große Verunsicherung der Mädchen, was ihre Pubertät und Sexualität betreffe, diese wollte man mit dem Fernsehangebot erreichen.

Muss man aus allem einen Skandal machen?

Die kritische Reflexion von Medieninhalte, gerade solche, die in Kinder- und Jugendmedien verbreitet werden, ist richtig und wichtig.

Doch in welchem Ausmaß diverse Medien und auch die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" in den letzten Tagen gegen die Inhalte der Sendung Kritik geübt haben, lässt doch verwundern.

Es erweckt fast den Anschein, als würden die KritikerInnen verzweifelt an einem Bild von Jugendlichen festhalten wollen, das schlichtweg nicht der Realität entspricht. Natürlich ist die Zielgruppe auf KiKa jung, in erster Linie richtet sich das Programm aber an Jugendliche zwischen zehn und 13 Jahren, für die diese Fragen in jedem Fall Realität sind.

Ein offener Umgang mit deren Sexualität, gerade mit der weiblichen, die eben nicht (wie so oft in den Medien) tabuisiert wird, sondern offen angesprochen wird, ist gerade in der Pubertät essentiell. Dies ist ein feministisches Anliegen - umso überraschender ist die Kritik der Frauenrechtsorganisation.

Nicht tabuisieren, thematisieren!

Wie die KiKa-Sprecherin richtig feststellt, ging es darum unterschiedliche Brustformen anzusprechen - und zu zeigen, dass diese auch normal sind! Es wäre der falsch, Sendungen wie diese aus einem vermeintlichen Schutzgedanken den Kindern und Jugendlichen vorzuenthalten. In Zeiten des freien Informationsflusses und dem einfachen Zugang zum Internet zu glauben, dass man derartige Inhalte in dieser Altersgruppe noch nicht ansprechen sollte, ist falsch. Die Bravo hat auch nie etwas anderes gemacht und niemand braucht an dieser Stelle glauben, dass irgendjemand erst mit dem 14. Lebensjahr eines dieser Heftchen bei sich zuhause liegen hatte.

Nicht zu schweigen davon, dass sich schon 12-Jährige im Bikini auf Instagram sehr wohl zu inszenieren wissen und Jugendliche bedeutend öfter auf Porno-Seiten unterwegs sind, als ihre Eltern das gerne hätten. Gerade die Inhalte, die in der frühen Pubertät konsumiert werden, sind doch entscheidend für den Selbstwert und den Zugang zur eigenen Sexualität - und dann doch lieber eine respektvolle Aufklärung auf KiKa, als das Frauenbild, das man in Pornos serviert bekommt.

Die Rassismus-Frage

Und da wäre noch eine Sache, an der sich Bell und die KritikerInnen bei der Sendung rieben: Das Aussehen der drei Jungen, die das BH-Aufmachen übten, war offenbar "nicht deutsch genug". Denn Bells Auffassung nach hätte das "ausländische" Aussehen der drei das Vorurteil angefeuert, dass "Migranten-Jungs besonderen Nachhilfeunterricht" benötigten und hätte damit rechtsextremen Klischees in die Hände spielen.

Wenn man bedenkt, dass die Repräsentation von Menschen, die nicht dem deutschen Idealtypus blau/blond/blauäugig entspricht, im deutschen TV mehr als mangelhaft ist, könnte man den Schritt von KiKa zu mehr Vielfalt im TV durchaus begrüßen - oder sich, wie im Falle der AufregerInnen, auf die Tatsache stürzen, dass sie diesem Typus eben nicht entsprechen.

Den ZuseherInnen der Folge selbst wäre das wohl gar nicht aufgefallen, sie sahen wohl einfach drei Jungen (und nicht deren Hautfarbe!), die sich, wie die meisten in dem Alter, bisschen tollpatschig dabei anstellten, einen BH zu öffnen - und damit zeigten, dass nichts "Peinliches" daran ist.

In Zeiten, in denen "Aufreger"-Storys auf Facebook am meisten Reichweite generieren und Kommentarfunktionen es spielend einfach machen, unter einem Pseudonym seinen Hass über die Welt und den Journalismus abzuladen, ist es nicht verwunderlich, dass die Thematisierung von Sexualität im Kinderfernsehen eine große Aufmerksamkeit generierte. Gerade was Themen wie Erziehung und Sexualität betrifft, scheinen wir in einer "Empörungsgesellschaft" zu leben - es gehören (deutsche/mitteleuropäische) Werte verteidigt und die eigene Meinung so laut wie möglich herausposaunt. Ob man damit der Sache an sich wirklich einen Gefallen getan hat, bleibt zweitrangig. Hauptsache man hat seine Meinung kundgetan. Ob sinnvoll oder nicht.

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