Muss Ordnung sein?

Simplify your life? War fast ein Jahrzehnt lang DAS Credo für all jene, denen ihr Job, die Beziehung, der Haushalt über den Kopf wuchsen. Das Leben war etwas, was es aufzuräumen galt. Dieses WIENERIN-Dossier räumt auf: Ein Plädoyer für das gesunde Nebeneinander von Chaos und Ordnung.

Chaos? Nein danke! „Chaosvermeidungsstrategien" nannte der Forscher Friedrich Cramer einst unsere Bestrebungen, Ordnung und Sinn in die Welt zu bringen. Und wahrscheinlich lächelte er über diese Bemühungen, die einer Sisyphusarbeit gleichen. Denn die Welt besteht ja, wissenschaftlich-nüchtern gesprochen, aus in jeder Sekunde auf uns einprasselnden physikalischen Reizen. Und wer genau hinschaut, sieht Chaos überall: im tropfenden Wasserhahn, bei dem sich nicht vorhersagen lässt, wann der nächste Tropfen hinabfällt, im Planetensystem, in den Molekülen, im Autoverkehr ... Letzterer ist übrigens ein besonderes chaotisches System, denn der Verkehr wird - alles andere als logisch - bei einem Stau nicht immer langsamer, um dann zum Erliegen zu kommen, sondern bricht nach Schnellfahr- und Schleichphasen ganz plötzlich zusammen.

Chaos ist Leben.

Chaos lässt sich also aus unserem Leben nicht einfach wegdiskutieren oder gar wegsimplifizieren. Und das ist auch gut so, sagt der Psychologieprofessor Jürgen Kriz. Er hat sich ein Forscherleben lang mit dem Thema befasst und ein Buch darüber geschrieben. Der Experte findet: Wir legen zu viel Wert auf (Zwangs-)Ordnung - und erklärt, warum wir in unseren Beziehungen viel chaotischer, kreativer und einmaliger sein sollten.

Wir versuchen zwar, Ordnung in uns zu machen, aber die Ordnung ist etwas Künstliches. Das Natürliche ist das Chaos.
von Arthur Schnitzlers

Selbst Lothar Seiwert, der Autor des Simplify-Bestsellers, nimmt inzwischen Abstand von Zeitmanagement, To-do-Listen und nach Farben sortierten Socken. In seinem Ende September erscheinenden Buch Ausgetickt rät er etwa dazu, sich seine (Arbeits-)Zeit selbst einzuteilen und Prioritäten nach eigener Überzeugung zu setzen.
Möglich, dass er Arthur Schnitzlers „Wir versuchen zwar, Ordnung in uns zu machen, aber die Ordnung ist etwas Künstliches. Das Natürliche ist das Chaos"-Sager für sich entdeckt hat. Sicher ist jedenfalls: Ein Umdenken in Sachen Chaos hat eingesetzt. Der Tenor: Menschen sind viel zu unterschiedlich, als dass sie sich alle in nur ein Raster pressen ließen. Besonders in der Arbeitswelt spricht sich herum, dass Un-Ordnung durchaus konstruktiv sein kann.
Deshalb: Lernen Sie Chaos zu lieben. Wir verraten, wie.

Chaos, Angst und Ordnung
Jürgen Kriz
Vandenhoeck & Ruprecht
€ 15,40

Ausgetickt
Lothar Seiwert
Ariston Verlag
€ 20,60
 

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