Muss man in der Schule lernen, wie man eine Steuererklärung macht?

Non scholae, sed vitae discimus - nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Aber braucht es fürs Leben auch das Fach Finanzwissenschaften?

Muss man in der Schule lernen, wie man eine Steuererklärung macht?

Die Klage ist eine alte. Man könne Gedichte analysieren, in mehreren Sprachen sogar. Man könne die Wurzel aus fünfstelligen Zahlen ziehen und laut und klar hörbar rezitieren: "Die Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen." Das habe man immerhin in der Schule gelernt. Am Lohnsteuerausgleich aber scheitere man Jahr für Jahr aufs Neue. Schule ist lebensfern und zu wenig praxisorientiert, so der Vorwurf. Sie lehre nicht die wirklich wichtigen Dinge. Und die sind, wenn man so will, immer: Finanzen.

Englisch, Geschichte und... Lohnsteuerausgleich?

Und es stimmt ja auch: Die Österreicher*innen könnten in puncto Finanzen ein bisserl Nachhilfe vertragen. Laut einer Aussendung des Finanzministeriums wissen 70 Prozent nicht, was ein Fonds ist und rund 40 Prozent der jungen Erwachsenen fühlen sich nicht sicher genug, um eine Wohnung oder ein Auto zu kaufen, zu mieten oder zu leasen. 2017 hatten 41 Prozent der Haushalte ihr Erspartes in einem Sparbuch angelegt, nur jeweils neun Prozent investierten in Wertpapiere oder kauften Anlagezertifikate. Das hat Auswirkungen auf die Zukunft: Bis zu 40 Prozent der Ungleichheiten bei der Altersvorsorge entstünden durch Unterschiede im Finanzwissen. Also Arbeitnehmer*innenveranlagung und Einkommenssteuererklärung in den Stundenplan? Naja.

Bildungsexpert*innen argumentieren, es sei nicht die Aufgabe der Schule auf jede Eventualität im Leben vorzubereiten. "Ich glaube, dass Schule nicht nur für den konkreten Alltag vorbereiten darf. Schule muss einen Rucksack an Kompetenzen, an Wissen zur Verfügung stellen, mit dem der Schüler ein Stück weit in das Leben hineingehen kann. Manches wird nicht unmittelbar anwendbar sein. Manches wird dazu dienen, die eigene Persönlichkeit auszuformen, aber an vielem wird er anknüpfen können", sagte Ludwig Unger, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums 2015 in einem Interview mit der Mainpost. Damals kritisierte die 17-jährige Schülerin Naina auf Twitter, dass aktuelle Lehrpläne nicht genug aufs Leben vorbereiten würden: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen." Ihr Tweet entfachte eine landesweite Diskussion über die Aufgabe der Schule als Lehreinheit.

"Schüler sollten schon lernen, ökonomische und finanzielle Situationen bewältigen zu können," sagt etwa Dirk Loerwald, Professor für ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg gegenüber der FAZ. Schule müsse aber kein institutionelles Detailwissen über Finanzmärkte vermitteln, sondern ein grundlegendes Verständnis allgemeiner Zusammenhänge. So, dass die Schüler*innen als Erwachsene zwar vielleicht nicht auf Anhieb einen Lohnsteuerausgleich machen können, aber sich dieses Wissen schnell aneignen können. Wer grundsätzlich eine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen habe, könne später individuelle Situationen besser einschätzen - etwa ob ein Versicherungsangebot realistisch oder völlig überzogen sei. Und das wär natürlich gut zu wissen.

Finanzführerschein für Österreich

Vielleicht klappt's ja bald. Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) plant immerhin eine Offensive in der Finanzbildung. Die versierten Gedichtanalysierer*innen dürfte es freuen: Zielgruppe sind nicht nur Schüler*innen, sondern alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten. Das grundlegende Problem der Altersarmut, die vor allem Frauen betrifft, wird ein besseres Finanzwissen wohl trotzdem nicht lösen - denn wer investieren will, muss erstmal was zum Investieren haben. Aber vielleicht muss man mit ein bisserl Wirtschaftswissen zumindest nicht mehr ständig über die Existenz des Gender Pay Gaps streiten. (Er existiert und das ist schlimm, punkt.)

Die "nationale Finanzbildungsstrategie" soll bis Ende kommenden Jahres fertiggestellt werden. Bisher bekannte Eckpunkte sind die "Stärkung der Financial Literacy von Jung und Alt", die Verankerung von Grundlagen des Finanzwissens in den Lehrplänen, die Teilnahme Österreichs am entsprechenden Modul der Pisa-Tests sowie lebenslange, berufsbegleitende Lehrangebote zum Kapitalmarkt mit privaten Partner*innen. Und dazwischen ist ja trotzdem immer noch Platz für Mitochondrien und Lyrik.

 

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