Muss ich mich schlecht fühlen, weil ich frauenfeindliche Weihnachtslieder höre?

"Baby, it’s cold outside" – jo eh. Trotzdem kein Grund, übergriffig zu werden.

Muss ich mich schlecht fühlen, weil ich sexistische Weihnachtslieder höre?

Okay, Bitte um Handzeichen: Wer hat auch schon seit Anfang November die XMAS-Playlist im Home-Office, beim Joggen oder Aufräumen laufen? Ich definitiv. Auf meine acht-stündige Playlist, die ich in jahrelanger Detailarbeit zusammengestellt habe, bin ich auch ganz schön stolz und freue mich jedes Jahr, sie wieder anzuwerfen – denn Weihnachtslieder heben einfach die Laune oder versetzen uns eine wohlig melancholische Stimmung, die nun mal etwas ganz Besonderes ist.

Als ich also letztens wieder einmal meiner Weihnachtsplaylist lauschte, fiel mir auf, dass ganz schön viele der Songs darauf, sämtliche Klischees bedienen und - sind wir ehrlich - nur so vor Sexismus strotzen. Gut, am Rande hatte ich das wohl auch schon in vergangenen Jahren mitbekommen. So richtig auseinandergesetzt habe ich mich mit der Tatsache, dass einige meiner liebsten Weihnachtshits Frauen in ein ziemlich schlechtes Licht rücken und abwerten, bislang allerdings nicht.

Von welchen Liedern reden wir hier? Sehen bzw. hören wir uns das doch einmal gemeinsam an:

"Baby, It’s Cold Outside"

Ein Weihnachtsklassiker aus dem Jahr 1944, der bis heute regelmäßig gespielt und von neuen Interpreten gecovert wird, ist "Baby, It’s Cold Outside". Worum geht’s? Ein Mann hat Interesse an einer Frau. Diese geht jedoch nicht auf seine Flirtversuche ein und erklärt, ihm sie müsse dringend nachhause (wer kennt’s nicht?). Er versucht, sie mit verschiedenen Argumenten wie " … but baby, its cold outside" zu überreden, noch bei ihm zu bleiben.

Obwohl sie ihren Willen bereits klar und deutlich gemacht hat, lässt er nicht locker, ignoriert ihre Boundaries und versucht alles, um sie umzustimmen, unter anderem indem er ihr weiter Alkohol einschenkt und ihr auch körperlich immer näherkommt ("I ought to say no, no, no, sir / Mind if I move in closer").

Ihre größte Sorge ist (abgesehen davon, den schmierigen Typen loszuwerden), was ihre Eltern und Nachbar*innen über sie denken könnten ("My mother will start to worry, The neighbors might think") - seine, dass sie ihn nicht in seinem Stolz verletzten möge, indem sie ihn zurückweist ("What's the sense of hurting my pride").

Den traurigen Höhe (Tief-?)punkt nimmt das Lied mit der Zeile "Say, what's in this drink", woraus wir lesen können, dass die männliche Hauptperson der weiblichen fragwürdige Substanzen ins Getränk gemischt hat, die sie möglicherweise unzurechnungsfähig machen. Ähm, geht’s noch??

Für Interessierte: Eine noch ausführlichere Analyse zur Problematik von "Baby, It's Cold Outside" findet ihr hier.

"It's Beginning to Look a Lot Like Christmas"

Ein Thema, das sich durch viele weihnachtliche Songklassiker zieht, sind Gender-Stereotype, vor allem was die Geschenke für Mädchen und Buben angeht. So etwa auch im XMAS-Hit "It's Beginning to Look a Lot Like Christmas" aus dem Jahr 1951: Was wünschen sich Barney und Ben zu Weihnachten? Klar, eine Pistole, die auch schießen kann. Janice und Jan möchten natürlich Puppen, die sie auf Spaziergänge mitnehmen können, unterm Christbaum finden ("A pair of hopalong boots and a pistol that shoots Is the wish of Barney and Ben. Dolls that will talk and will go for a walk is the hope of Janice and Jen"). Wie wär's denn heuer mit ein paar genderneutralen Geschenken, hm?

"Santa Baby"

In dem Song aus 1953 geht es im Wesentlichen darum, dass eine Frau versucht, den Weihnachtsmann zu verführen, um einen Haufen extravaganter Weihnachtsgeschenke wie eine Yacht oder Tiffany-Dekorationen abzustauben. Die weibliche Hauptfigur gibt in lasziv-hauchiger Stimme an, ein "braves Mädchen" gewesen zu sein und nennt Santa wie der Titel ja bereits verrät den ganzen Song lang "Baby". Als Beispiel für ihr "Bravsein" erinnert sie Santa etwa an all die Burschen, mit denen sie nicht geschmust hat ("Think of all the fun I've missed, think of all the fellas that I haven't kissed") – eine anständige junge Frau würde so etwas natürlich nicht machen.*sarcasm off*.

"All I Want For Christmas Is You"

Ein weiteres Thema, das sich durch sämtliche Weihnachtslieder zieht ist, dass Frauen sich zu Weihnachten nichts sehnlicher wünschen als - na wer kanns erraten? - Bingo, einen Mann natürlich. Denn: Ohne ihn macht alles keinen Sinn, der Spaziergang durch den verschneiten Wald ist nur halb so schön und der Heiligabend wird einsam schluchzend unterm Christbaum verbracht. Und ja, sorry to say, da kann ich auch Christmas-Fave "All I Want For Christmas Is You" (1994) von Mariah Carey nicht ausnehmen. Alles, was sich Mariah wünscht, ist einen Partner an ihrer Seite – und um diesen zu bekommen fleht sie – jap genau, einen anderen Mann (Santa) um Hilfe an. You get the point.

Siehe auch:

"Santa Tell Me" - Ariana Grande, 2014

"Dear Santa (Bring Me a Man This Christmas)" – The Weather Girls, 1983

"My Only Wish (This Year)", Britney Spears, 2000

So, und jetzt?

Puh, also ganz ohne komischen Beigeschmack kann ich (und ich spreche hier nur für mich) einige der gängigen Weihnachtshits heute nimmer hören. Mir ist schon klar, dass viele der Lieder aus einer anderen Zeit stammen – das macht den Inhalt natürlich nicht besser, aber ein bisschen leichter nachvollziehbar.

Ich denke nicht, dass wir sämtliche Songs komplett aus unserem Weihnachtsrepertoire streichen müssen, wenn sie uns nun mal taugen oder an vergangene Weihnachtsfeste erinnern. Allerdings sollten wir uns der Botschaften und Stereotype, die manche dieser Lieder verbreiten oder untermauern, bewusst sein – das gilt wohl für (Populär-)Musik allgemein. Zwar wissen heute die meisten von uns, dass es natürlich auch Buben gibt, die gern mit Puppen spielen und Frauen sich andere Dinge wünschen, als einen Mann (etwa faire Entlohnung, Anerkennung für Care-Arbeit, gleiche Jobchancen, just to name a few), trotzdem vermute ich, dass es etwas mit uns macht, wochenlang mit - ich sage mal - "rückschrittlichen" Botschaften beschallt zu werden.

Wie wäre es also mit ein paar neuen, zeitgemäßeren Weihnachtshits oder - wie es ohnehin bereits häufiger gemacht wird - freshen Neuauflagen alter Klassiker? Meine achtstündige Weihnachtsplaylist und ich wären jedenfalls bereit für Neues (Songempfehlungen werden gerne angenommen)!

 

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