Muhammads Flucht nach Österreich

Die berühmte Fotoserie "Humans of New York" porträtiert in diesen Tagen Menschen auf der Flucht nach Europa. Muhammads tragische Geschichte ist eine davon.

Ein Mann, dessen Bruder von der ISIS getötet wurde, eine Frau, deren Mann bei der Überfahrt gestorben ist, ein Mädchen, das geschrien hat: "Töte mich stattdessen!", als ihre Mutter im Gedränge auf dem Rettungsboot zerquetscht wurde. Das alles sind emotionale Geschichten von Flüchtlingen, die dieser Tage quer durch Europa reisen, um einen sicheren Zufluchtsort zu finden.

"Humans of New York" ist die bekannte Fotoreihe des Fotografen Brandon Stanton. Er entschied sich, nach Europa zu reisen, um die Menschen auf der Flucht näher kennenzulernen. "Zusammen sind diese Migranten Teil einer der größten Völkerwanderungen in der modernen Geschichte. Aber ihre Geschichten setzen sich aus einzigartigen und einzelnen Tragödien zusammen."

Den Kopf des Bruders vor der Haustür

Eine dieser Tragödien ist die Geschichte von Muhammad, einem Syrer, den der Fotograf letztes Jahr im Irak kennengelernt hatte. Zu dieser Zeit arbeitete Muhammad im Hotel und studierte Englische Literatur an der Universität in Damaskus.

In einer Serie bestehend aus sechs Fotos erzählt Stanton von Muhammads letzten Monaten, seinem Kampf, als er versucht hat, falsche Papiere zu kaufen, wie sein Vater von der Polizei geschlagen und sein Bruder von der ISIS umgebracht wurde.

"Mein Bruder wurde von der ISIS umgebracht, als er in einem Ölfeld gearbeitet hat", wird Muhammad zitiert. "Sie haben seine Adresse auf seinem Ausweis gefunden, und sie haben seinen Kopf zu unserem Haus geschickt, mit einer Botschaft: ,Kurden sind keine Muslime'. Meine jüngste Schwester hat seinen Kopf gefunden. Das ist ein Jahr her. Sie hat seitdem kein Wort mehr gesprochen."

Muhammad gab sein letztes Geld einem Schmuggler, der seiner Schwester half, aus dem Irak zu flüchten. Danach blieben ihm nur noch 1000 Euro und er war in der Türkei gestrandet. Sein Vater erholte sich gerade von einer Operation, nachdem er von der Polizei brutal zusammengeschlagen wurde. "Er fragte, wie ich für seine OP bezahlt hatte. Ich sagte, das Geld kam von einem Freund. Er fragte mich, ob ich es nach Europa geschafft hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben lügte ich ihn an und sagte zu ihm, dass alles in Ordnung war und ich in Sicherheit war."

Die Leute fingen an zu schreien und sich zu übergeben.
von Muhammad, syrischer Flüchtling

Nachdem er seinen Vater angelogen hatte, vertraute er sich einem Schlepper an. "Er tat so, als läge ihm etwas an mir", sagt Muhammad. Eines Nachts steckte ihn der Mann gemeinsam mit 20 anderen Leuten in einen Kleinlaster. Sie konnten dort wegen des starken Benzingeruchs kaum atmen. "Die Leute fingen an zu schreien und sich zu übergeben", erinnert sich Muhammad. Der Schlepper zielte mit der Pistole auf die Menschen und drohte damit, sie umzubringen. Schließlich wurden sie zu einem drei Meter langen Plastikboot gebracht. Als das Boot das Gewicht der vielen Menschen nicht halten konnte, blieben dreizehn von ihnen zurück. Nach dreißig Minuten auf offener See ging der Motor aus. "Ich hatte solche Angst, es war komplett dunkel. Ich dachte, wir werden alle sterben. Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben. Ich hasse das Meer heute."

Drei Wochen ohne Nahrung

Schließlich kam er auf der griechischen Insel Samothrace an und wog sich endlich in Sicherheit. Doch auf der Insel erwarteten ihn Folter und Polizeigewalt. Drei Tage lang verbrachte er im Gefängnis, ohne Essen und Trinken. "Ich erinnere mich genau an das Gesicht des Polizisten. Er hatte eine Zahnlücke und spuckte uns an, wenn er mit uns redete." Schließlich wurde sie in das Flüchtlingslager auf dem Festland gebracht. Zwölf Tage lang verbrachten sie dort, bevor sie sich Richtung Norden aufmachten. "Wir waren drei Wochen lang unterwegs. Ich habe nichts außer Blättern gegessen. Wie ein Tier. Wir haben aus schmutzigen Flüssen getrunken. Meine Beine waren so angeschwollen, dass ich meine Schuhe ausziehen musste."

Ich habe nichts außer Blättern gegessen. Wie ein Tier. Wir haben aus schmutzigen Flüssen getrunken.
von Muhammad, syrischer Flüchtling

Als sie die Grenze erreichten, wurden sie von einem albanischen Polizisten gefunden. Er nahm sie bei sich auf und versorgte sie eine Woche lang mit Kleidung und Essen. "Er sagte mir: ,Schäme dich nicht. Ich habe auch einen Krieg überlebt. Du gehörst jetzt zu meiner Familie.'"

Einen Monat später erreichte Muhammad Österreich. "Am ersten Tag dort ging ich in die Bäckerei und lernte einen Mann namens Fritz Hummel kennen. Er erzählte mir, dass er vor vierzig Jahren Syrien besucht hatte und gut behandelt worden war. Also gab er mir Kleidung, Essen, alles." Muhammad lernte jeden Tag Deutsch, 17 Stunden lang. Nach sieben Monaten wurde sein Status vom Richter festgestellt. "Ich konnte da schon so gut Deutsch, dass ich den Richter fragte, ob wir das Gespräch auf Deutsch führen können. Er konnte es nicht glauben. Er war so beeindruckt, dass ich Deutsch gelernt hatte. Dann zeigte er auf meinen Ausweis uns sagte: ,Muhammad, den wirst du nie wieder brauchen. Du bist jetzt ein Österreicher!"

Diese Frau hat ihren Mann verloren

Diese Frau erzählt, wie ihr Mann in den Fluten des Meeres ertrank, weil er einer anderen Frau seine Schwimmweste gegeben hatte:

Stanton hat auch die Geschichte von einem jungen Mädchen geteilt, das zusehen musste, wie ihre Mutter in der Menge zerquetscht wurde:

 

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