The Morning Show: Guten Morgen Sexismus

Die Serie The Morning Show geht in die zweite Runde und erzählt, was passiert, nachdem ein Sexualtäter bekommen hat, was er verdient. Wir haben Jennifer Aniston und Reese Witherspoon zum Mediengespräch getroffen.

Morning Show

Wie würdest du ­reagieren, wenn deinem Lieblingskollegen plötzlich sexueller Missbrauch im Arbeitsumfeld vorgeworfen wird? Könntest du glauben, dass er das getan hat? Ihr haben Jahre mit­einander verbracht, private Erlebnisse geteilt, seid Hunderte, vielleicht Tausende Stunden nebeneinandergesessen. Könntest du es ausschließen?

Was wie ein Drama klingt, ist der Beginn der Serie The Morning Show, die 2019 auf Apple TV+ erschien. Steve Carell spielt darin Mitch Kessler, den Co-Moderator von Alex Levy (Jennifer Aniston), dem in der ersten Staffel der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Kessler verliert wegen der Anschuldigungen seinen Job, stattdessen wird Bradley Jackson, gespielt von Reese Witherspoon, als neue Moderatorin ins Boot geholt. Sie ist eine ehrgeizige junge Journalistin und möchte vor allem eines: die Wahrheit herausfinden.

Doch was, wenn diese Wahrheit erst mal öffentlich ist? Was passiert dann? Genau mit diesem Moment geht es in Staffel zwei weiter. The Morning Show ist bis zum heutigen Tag die spannendste Darstellung von sexueller Belästigung im Arbeitsumfeld im Film oder Fernsehen – denn die Serie zeigt, wie kompliziert das Thema ist. Wie im echten Leben sind die strukturellen Probleme komplex, die Menschen vielschichtig. Das macht den Charme der Serie aus.

Die Zeit ist jetzt

Seit 17. September ist die zweite Staffel auf Apple TV+ zu sehen, und wir haben die beiden Hauptdarstellerinnen und Produzentinnen Jennifer Aniston und Reese Witherspoon zum Medien­gespräch getroffen. Das Interview findet wenig glamourös in einem Videochat-Programm statt. Dank Zeitverschiebung ist es in Österreich 22:30 Uhr, in Los Angeles früher Nachmittag. Reese Witherspoon trägt eine karierte Bluse und einen schwarzen Blazer, Jennifer Aniston ein ärmelloses schwarzes Shirt; beide sitzen vor einer blauen Hintergrundwand. Sie fühlen sich sichtlich wohl miteinander, während sie darüber sprechen, wieso es für sie so wichtig war, diese Geschichte weiterzuerzählen.

Die Handlung dreht sich in der zweiten Staffel nicht mehr nur um sexuelle Belästigung. Auch Themen wie Chancenungleichheit, Covid-19 und die Cancel Culture des Internets bekommen eine Plattform, auch wenn jedes Thema ruhig mehr Raum vertragen hätte. Witherspoon erklärt: "Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Umschwung. Wenn wir endlich Themen wie systematischen Rassismus oder Homophobie ansprechen, sprechen wir über die Wahrheit. Und die Menschen sind jetzt bereit, diese zu hören."

Aniston nickt zustimmend und ergänzt: "Wir sprechen in The Morning Show Probleme direkt an und wollen die Gespräche hören, die hinter verschlossenen Türen stattfinden – die Gespräche, von denen Leute meinen, dass sie sie nicht laut führen können, weil sie fürchten, dass sie geächtet werden. Wir versuchen, die Grau­zonen aufzuzeigen statt nur Schwarz und Weiß. Die Leute wissen es zu schätzen, wenn man ein ­Tabuthema aufgreift und ausspricht, was hinter verschlossenen Türen gesagt wird."

Morning Show 2

Auf das Leben reagieren

Dass all diese Themen so eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen, war nicht von Anfang an geplant – denn bereits zum zweiten Mal wurde das Drehbuch aufgrund aktueller Geschehnisse umgeschrieben. Kurz vor der Produktion der ersten Staffel kam die #Metoo-Bewegung in Gang; die Autor*innen der Serie planten daraufhin um und gaben Frauen in den Medien eine Stimme.

Ähnliches passierte nun auch bei den Dreharbeiten der zweiten Staffel: Die ersten Drehtage waren bereits absolviert, als die Corona­pandemie die ganze Welt lahmlegte, zudem bekam die Black Lives Matter-Bewegung Aufmerksamkeit – und wieder reagierten die Drehbuchautor*innen.

Aniston sieht darin die große Stärke der Serie: "Diese Pandemie hat mich persönlich zu Fall gebracht. Das alles war sehr schwierig für mich und eine große Heraus­forderung. Und so ging es vielen Menschen. Was man hier sehen kann, ist, wie moderne Geschichte nacherzählt wird. Alles passiert in Echtzeit, und wir müssen darauf reagieren. Das ist sehr fordernd, aber auch aufregend. Wir versuchen, die Geschichte unserer Zeit so ehrlich wie möglich zu erzählen."

Diese Ehrlichkeit bedeutet auch, in Staffel zwei zu zeigen, was nach dem Happy End passiert. Was passiert, nachdem der Täter bekommen hat, was er verdient? Eine der großen Stärken der Serie ist, dass sie die Grenzen verschwimmen lässt und unterschiedliche Sichtweisen präsentiert. Dadurch verunsichert sie. Sie lässt ZuseherInnen mit der Frage zurück, ob man Mitleid mit dem Täter haben darf, und was es über mich sagt, wenn ich mir wünsche, dass er da­raus lernt und die Chance auf ein besseres Leben bekommt. Steve Carell spielt Mitch Kessler großartig. Er ist unglaublich sympathisch, man möchte gerne auf seiner Seite sein, kann es aber am Ende einfach nicht.

Ich denke, es gab nie eine unverzeihlichere Zeit, zu leben. Wir sind alle nur Menschen, die unser Bestes versuchen. Wir sind alle zu schrecklichen Dingen fähig, und wir sind alle zu großartigen Dingen fähig. Keiner von uns ist nur die eine schreckliche Sache, die er getan hat.

von Reese Witherspoon

Wer bin ich?

Es ist genau ­diese Storyline um Kessler, die zeigt, wie schwierig die gesamte Thematik ist, aber auch, wie wichtig. Reese Witherspoon nimmt auf unsere Frage, was man von der Serie lernen kann, zusätzlich Bezug auf die Cancel Culture, mit der in dieser Staffel verschiedene Charaktere konfrontiert werden. Als Frau in der Öffentlichkeit kennt sie selbst die Angst davor: "Ich denke, es gab nie eine unverzeihlichere Zeit, zu leben. Wir sind alle nur Menschen, die unser Bestes versuchen. Wir sind alle zu schrecklichen Dingen fähig, und wir sind alle zu großartigen Dingen fähig. Keiner von uns ist nur die eine schreckliche Sache, die er getan hat. Ich finde, dass die Serie sehr schön zeigt, dass es einen menschlichen Preis hat, Personen für eine Sache, die sie in ihrem Leben ­getan haben, zu verurteilen und auszugrenzen. Niemand ist perfekt."

Dieser Aspekt, diese Imperfektion jedes Charakters ist es, was diese Serie so interessant macht. Der Inhalt verfolgt Zuseher*innen auch dann noch, wenn sie schon längst die letzte Folge geschaut haben. Das führt dazu, dass man beim Kochen und in der U-Bahn noch darüber nachdenkt und sich am nächsten Tag im Büro anders umsieht. Jede Folge zeigt uns die Blickwinkel und Meinungen der unterschiedlichen Charaktere, ihre Beweggründe und wie sie die Situa­tionen erleben. Am Ende liegt es dann aber an uns, zu entscheiden, wer recht hat und wer das Richtige tut. Und es ist eine Möglichkeit, sich selbst den Spiegel vorzuhalten und sich zu fragen: Wer wäre ich in dieser Situation?

 

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