Mitgefühlsmüdigkeit: Wenn helfen krank macht

Viele Menschen waren aufgrund von Covid-19 in der Situation, anderen helfen zu müssen. Wie ging es dir dabei? Leidest du unter Mitgefühlsmüdigkeit?

Mitgefühlsmüdigkeit: Wenn helfen krank macht

Erinnert ihr euch an die Situation im Flugzeug, wenn alle ihren Sitzplatz haben und die Sicherheitseinschulung kommt? Sollte zu wenig Sauerstoff in der Kabine sein und die Sauerstoffmasken verwendet werden müssen, soll man sich diese zuerst selbst aufsetzen und erst im nächsten Schritt den Menschen, denen man hilft.

Ähnlich sollte man es auch handhaben, wenn man Menschen in Krisensituationen psychisch oder körperlich zur Seite steht. Besonders während des letzten Jahres hatten viele Menschen die Aufgabe, sich um andere Menschen zu kümmern und haben dabei auf sich selbst vergessen.

Besonders Gesundheitsberufe

Und während es wichtig und gut ist, anderen Menschen zu helfen, ist es genauso wichtig, dass man abschätzt ob die Hilfe, die man weitergibt, einem selbst wehtut. Psychology Today berichtet beispielsweise über Trisha Roberts, eine 26-jährige Krankenschwester aus Großbritannien. Sie wuchs während der Pandemie über sich hinaus, um ihren Patient*innen zu helfen.

Ihre Schwester, Tammy Lou, berichtete: "Sie erzählte uns oft mit tränengefüllten Augen, dass sie die Hände derer hielt, die leider dem COVID-Virus erlagen und oft die letzte Person war, die sie sahen." Trisha starb im Februar 2021, nachdem sie mit ihrer psychischen Gesundheit und dem Druck der Pandemie zu kämpfen hatte.

Wie äußert sich Mitgefühlsmüdigkeit?

Besonders im letzten Jahr war Trisha tragischerweise kein Einzelfall. Was ihr passiert ist, wird in der Psychologie als Mitgefühlsmüdigkeit bezeichnet. Es ist eine spezielle Form von Burnout, die eintritt, wenn man mit leidenden Menschen zu tun hat. Man sieht das besonders häufig in Gesundheitsberufen aber auch bei Menschen, die sich intensiv um andere kümmern müssen oder jemand pflegen.

Aber wie merkst du, ob du an Mitgefühlsmüdigkeit leidest? Die Symptome ähneln stark einer posttraumatischen Belastungsstörung:

  • reduzierte oder fehlende Empathie
  • man ist leicht frustriert
  • Gereiztheit
  • Wut auf den*die Täter*in und das auslösende Ereignis
  • Schuldgefühle
  • Zynismus
  • depressive Symptome
  • sich verletzlicher fühlen gegenüber möglichen Gefahren
  • keine Freude mehr an der Arbeit
  • starke emotionale und auch körperliche Anspannung
  • Erschöpfung
  • psychosomatische Symptome
  • schwache Abgrenzungsfähigkeit
  • erhöhte Wachsamkeit
  • Ruhelosigkeit
  • sich von den Bedürfnissen der Personen, denen man hilft, überwältigt fühlen

Es fehlt nicht an Empathie

Ein erster Schritt zur Besserung ist sich einzugestehen, dass ein Problem besteht und man Hilfe braucht. Besonders in Gesundheitsberufen oder wenn man sich um nahe Angehörige kümmert, ist das oft schwer.

Es wird erwartet, dass man diese Arbeit gern macht, dass man sie wegen dem Bedürfnis helfen zu wollen gewählt hat. Und das ist auch der Fall. Die Mitgefühlsmüdigkeit hat nichts damit zu tun, dass man kein Mitgefühl empfindet, im Gegenteil. Diejenigen mit aktiven empathischen Reaktionen auf Leiden (z. B. hochsensible Personen) sind einem höheren Risiko ausgesetzt, als diejenigen mit geringerer Empathie.

Emotionen haben ihre Berechtigung

Wenn man die Symptome der Mitgefühlsermüdung nicht ernst nimmt und behandelt, kann das zu langfristigen Probleme führen, z. B. zu Angstzuständen, Kopfschmerzen, posttraumatischen Belastungsstörungen, und Depressionen.

Wenn wir also nicht auf uns selbst schauen, dann ist es unmöglich, dass wir uns um Andere kümmern. Hier sind wir wieder beim Flugzeug und der Sauerstoffmaske. Achten wir auf unsere Gedanken, Gefühle, physiologischen Veränderungen und alle Emotionen, die wir möglicherweise empfinden. Sie alle haben ihre Berechtigung.

 

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