Mit Kindern über Tod und Sterben sprechen

Wie spricht man mit Kindern über den Tod? Wie geht man damit um, wenn ein Familienmitglied stirbt? Das Kinderbuch "Max und Urli vom Ehrlingerhof" erklärt Sterben und Trauer kindgerecht.

Irgendwann sehen sich die meisten Eltern mit folgender Frage konfrontiert: Wie erkläre ich meinem Kind, was trauern, sterben und tot sein bedeuten? Wie spreche ich das Thema Sterben an? Wie viel kann, darf und soll ich meinem Kind zumuten?

Der Tod ist in den vergangenen Jahrzehnten zum Tabu geworden, gerade das Sterben von engen Familienangehörigen ist etwas, bei dem sich Eltern unsicher sind - einen natürlichen Umgang mit diesen Tatsachen, die zum Leben dazugehören, scheint die Gesellschaft verlernt zu haben. Zu Unrecht, denn Kindern kann man diese Themen durchaus zutrauen, erklärt Psychotherapeutin Mag. Silvia Langthaler von der CS Caritas Socialis.

Das CS Hospiz Rennweg begleitet schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen am Ende ihres Lebens und hat nun das kleine Buch "Max und der Urli vom Ehrlingerhof" herausgebracht, dass dem Tabuthema den Schrecken nehmen und Eltern dabei helfen soll, mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Denn um zu verstehen, was um sie herum passiert, brauchen Kinder vor allem ehrliche Antworten auf ihre Fragen, erklärt die Therapeutin im Interview.

wienerin.at: Warum ist der Tod ein solches Tabuthema zwischen Erwachsenen und Kindern?

Psychotherapeutin Mag. Silvia Langthaler
Mag. Silvia Langthaler: Erwachsene wollen ihre Kinder beschützen und unangenehme Erfahrungen, wie den Tod, von ihnen fern halten. So können Kinder jedoch den Umgang damit nicht lernen. Sie fühlen sich ausgeschlossen und bekommen zusätzlich die Botschaft: „Ein so schwieriges Thema traue ich dir nicht zu!“

Ist das eine moderne Entwicklung? War das Sterben von Familienmitgliedern in unserer Eltern- und Großelterngeneration ein weniger tabuisiertes?

Meine Großeltern starben in Oberösterreich. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich in Begleitung meiner Eltern an ihr Sterbebett setzen durfte. Nach ihrem Tod wurden sie zu Hause aufgebahrt und wir alle, auch die Kinder, konnten sich von ihnen verabschieden. Meine Eltern vermittelten mir, dass meine Gefühle und Reaktionen auf diesen Verlust völlig normal seien.

Besonders kleine Kinder, so zwischen 3 und 5 Jahren, gehen mit einer natürlichen Neugierde an das Thema heran.
von Mag. Silvia Langthaler

Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen bedeutet auch immer, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen, und das wollen viele Menschen nicht.

Können sich Erwachsene in Bezug auf den Umgang mit dem Tod von ihren Kindern gar etwas abschauen?

Besonders kleine Kinder, so zwischen 3 und 5 Jahren, gehen mit einer natürlichen Neugierde an das Thema heran. Sie wollen herausfinden, was der Tod bedeutet, und stellen ganz viele Fragen dazu.

Kinder stehen mit ihren Verstorbenen in einem natürlichen inneren Kontakt. Sie reden mit ihnen und zeichnen Bilder für sie. Das tut ihnen gut.

Welchen Leitsatz können Sie Eltern mitgeben, wenn es um das kindgerechte Sprechen über den Tod geht?

Am wichtigsten ist, dass Eltern mit ihren Kindern offen und ehrlich umgehen und sie in alle Rituale rund um den Tod einbeziehen.

Verschönerungen, wie „Der Opa ist eingeschlafen“, sollen nicht verwendet werden. Kinder nehmen solche Sprachwendungen wörtlich und bekommen zum Beispiel Angst vor dem Einschlafen. Besser ist es zu sagen: „ Der Opa ist gestorben.“

Coverbild Max und Urli vom Ehrlingerhof
Buch "Max und Urli vom Ehrlingerhof" der CS Caritas Socialis

Bei aller Offenheit: Wie merken Eltern, wenn ihre Kinder bei diesem Thema eine Grenze erreicht haben? Wie erkennen sie, wieviel sie ihren Kindern zumuten können?

Nicht wir muten Kindern einen Schicksalsschlag zu, sondern das Schicksal selbst! Wir können nicht verhindern, dass der Papa an Krebs stirbt. Aber wir können verhindern, dass Kinder mit ihren Ängsten und Fragen alleine gelassen werden und sich ausgeschlossen fühlen.

Stichwort Gefühle zulassen: Kinder orientieren sich an ihren Eltern. Worauf sollen Mutter und Vater also achten, wenn es um ihre eigene Gefühlswelt und deren Aufarbeitung geht, wenn zB die eigene Mutter stirbt? Wieviel „Gefühlsausbruch“ darf/soll/kann ein Kind direkt mitbekommen?

Eltern dürfen Kindern ihre Trauer zeigen. Es ist jedoch wichtig, diese als solche zu benennen: „Ich weine, weil meine Mama gestorben ist.“ Kinder brauchen aber auch trauerfreie Zonen und die Erlaubnis ins Kino oder auf eine Party gehen zu dürfen.

Das Kinderbuch und die dazugehörige animierte Hörbuch-App "Max und Urli vom Ehrlingerhof", herausgegeben von der CS Caritas Socialis, erklären Kindern altersgerecht die Themen Sterben, Trauer und Tod. Inhalt: Max' Urli ist schwerkrank. Mama erklärt, dass der Urgroßvater bald sterben wird und begleitet ihn durch diese Zeit. Buchbestellung unter Tel. 01/71753-3130 oder renate.magerl@cs.orf.at Download unter www.cs.or.at/urli Die CS Caritas Socialis freut sich über Spenden, die dem Roten Anker zugute. Der Rote Anker des CS Hospiz Rennweg bietet psychotherapeutische Beratung und Begleitung für Kinder und Jugendliche, die mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert sind, sowie ein spezialisiertes Schulprogramm für Kinder und Jugendliche, das sich mit dem Lebensende auseinandersetzt.

Mag. Silvia Langthaler arbeitet als Psychotherapeutin für die CS Caritas Socialis und begleitet im Rahmen ihrer Tätigkeit trauernde Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern.
Mutter liest Sohn aus Max und Urli vom Ehrlingerhof vor
 

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