Mit Herz und Hirn entscheiden

Vernunft ist etwas Schönes. Doch um im Leben stets richtig zu entscheiden, reicht sie nicht aus. Dafür braucht es das "zweite Gehirn", das in unserem Bauch sitzt. Und uns von dort aus die besten Ratschläge gibt – wenn wir nur genau hinhören.

Du, ich muss dir etwas sagen. Erstens, ein Steak wäre jetzt genau das Richtige für mich. Aber das ist nicht alles. Der Kollege da eben, der gerade so betont freundlich mit dir geplaudert hat, der will dir nichts Gutes. Ich habe das genau gespürt. Also pass bloß auf, was du dem Schleimbeutel erzählst. Du, und übrigens: Ruf heute Abend deine Freundin Cara an. Ich habe das Gefühl, dass sie uns im Moment dringend braucht, es aber nie zugeben würde ..."

Stimme aus dem Off

Hallo, wer spricht denn da? Der Bauch, das unbekannte Wesen. Den ganzen Tag erzählt er solche Geschichten und bereitet damit den Gedanken ein Bett aus Gefühlen. Klingt nach Eso-Romantik? Ist es aber nicht. Seit ein paar Jahren gibt es einen neuen Zweig in der Neurologie, die Neurogastroenterologie. Und diese Wissenschaftler haben entdeckt, wovon der Volksmund schon immer redet: das Bauchhirn, die innere Stimme.

Während das Gehirn im Kopf wie eine Walnuss aussieht, zieht sich das im Bauch wie ein Netzstrumpf den Darm entlang. 100 Millionen Nervenzellen bilden diesen Netzstrumpf - mehr Neuronen, als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind gleich wie im Kopfhirn. Darüber hinaus ist das Bauchhirn aber auch eine fleißige Chemiefabrik, die mindestens 40 Nervenbotenstoffe produziert und mit deren Hilfe eifrig Aufträge an andere Organe sendet.

Und noch etwas: Bevor der Kopf noch einen einzigen klaren Gedanken fassen kann, hat das Bauchhirn längst seine emotionelle Grundausbildung absolviert. Baby hat Hunger, Baby braucht Liebe, Baby spürt Stress zwischen Mami und Papi - all das spielt sich unterhalb der kognitiven Ebene ab, wird aber dennoch in einer Art Gefühls-Datenbank gespeichert.

Was die so genannten "Kopfmenschen" eher frustrieren dürfte: Der Kopf hat dem Bauch weit weniger zu sagen als umgekehrt. Wenn man es genau nimmt, ist die Verbindung zwischen beiden sogar fast so was wie eine Einbahnstraße - 90 Prozent der Nerventrassen verlaufen von unten nach oben. Allerdings müssen die Reize aus dem Darmtrakt eine höhere Schwelle überspringen, um ins Bewusstsein zu gelangen. Was biologisch gesehen sinnvoll ist - denn wenn wir alle Reaktionen des Bauches mitbekämen, würden wir vermutlich verrückt werden. (Menschen mit Reizdarm-Syndrom können ein Lied davon singen.)

Schmetterlinge & Co.

Einige dieser Reaktionen überspringen jedoch auch bei den kopflastigsten Menschen die Schwelle: die berühmten "Schmetterlinge im Bauch", wenn man verliebt ist oder sich auf ein tolles Ereignis freut. Das "mulmige Gefühl", wenn man eine Situation als bedrohlich empfindet - ohne eigentlich zu wissen, warum. Oder das Zusammenziehen der Eingeweide, wenn einem ein anderer Mensch geradezu "körperliches Unbehagen" bereitet. Sprichwörtlich auch die Bauchgefühle, wenn man vor etwas "Schiss hat", einem etwas "auf den Magen schlägt" oder gleich vor lauter Angewidertheit "das Kotzen kommt".

Grummeln im Bauch

Zugegeben, keine sehr appetitlichen Assoziationen - aber ziemlich praktisch, wenn man sich im täglichen Leben darauf verlässt. Der Bauch, dein Ratgeber, Beschützer und natürlich auch: großer Verführer. Hilfreich im Umgang mit anderen Menschen, im Privat- wie im Berufsleben. Fragt man etwa (weibliche!) Führungskräfte, wie sie zu ihren Entscheidungen kommen, betont eigentlich jede den Anteil der Intuition, der inneren Stimme oder wie immer man es nennen mag. Dr. Gabriele Zuna-Kratky etwa, Direktorin des technischen Museums Wien, sieht da gerade bei personellen Fragen enorme Vorteile: "Ob man jemand einstellen oder wie man Projektteams zusammenstellen soll, das spürt man schon im Bauch. Und ich habe es auch schon erlebt, dass etwas am Reißbrett ganz gut ausschaut, man entscheidet nach logischen Gesichtspunkten, obwohl man ein schlechtes Gefühl hat - und hinterher stellt sich raus, dass man doch seiner Intuition hätte folgen sollen."

Ich sehe Intuition als Verbindungskabel zum Universalwissen. Es heißt ja: Werdet wie die Kinder - weil die eben noch diesen perfekten Draht dazu haben. Der Zugang zur inneren Stimme ist eigentlich einfach: Es braucht den Wunsch und den Willen, sie zu hören. Und die Konzentration, die Fähigkeit, ganz bei einer Sache zu sein.
von Elfrida Müller-Kainz, Psychologin und Autorin

Auch Mag. Andrea Gaal, Managerin bei Sony-Ericsson, verlässt sich gerade bei komplexen Themen auf ihren inneren Kompass: "Intuition ist gefragt, wenn einfach die rationalen Maßstäbe nicht ausreichen oder wenn eine sehr schnelle Entscheidung gefragt ist, bei der man nicht alle Fakten auf dem Tisch hat. Meiner Meinung nach muss man auch verhindern, dass unternehmerische Intuition von reinen Management-Techniken verdrängt wird." Gaal sieht es als Stärke, zu ihren intuitiven Fähigkeiten zu stehen - im Gegensatz zu den meisten männlichen Führungskräften: "Ich kenne viele Leute, die das nicht offen bekennen würden." Der Grund: Logik und Zahlen, Daten, Fakten gelten nach männlichen Maßstäben mehr, und "innere Stimmen" oder "Eingebungen" werden irgendwo in der Nähe von Gefühlsduselei und verschwurbelten Visionen angesiedelt. Top-Managerin Andrea Gaal lässt sich dadurch jedoch nicht beirren: "Ich glaube, diese Nase des Verstandes wird in Zukunft immer wichtiger werden. Und da sehe ich eine große Chance für uns, weil Frauen einfach über mehr Intuition verfügen als Männer."

Talent zum Spüren.

Doch auch wenn Frauen vielleicht von Natur aus einen leichteren Zugang zu ihren Bauchgefühlen haben, gibt es dennoch Faktoren, die ihre Intuition behindern können. Dr. Elfrida Müller-Kainz, Psychologin und Autorin, hat sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt. Ihre Meinung: "Intuition wird auch gefiltert durch Charaktereigenschaften - und wenn eine davon nicht so in Ordnung ist, kann sie nicht so gut funktionieren." Aus diesem Grund, so die Expertin, ist es wichtig, bestimmte Dinge möglichst in den Griff zu kriegen. Die wichtigsten Punkte:

• Ehrlichkeit. Wer sich bestimmte Dinge nicht eingestehen will und Wahrheiten vor sich selbst verleugnet, wird auch die innere Stimme nicht gut hören können.

• Mut. Ist zu wenig davon da, bestimmen einen die Ängste - und die wiederum sind wie eine Mauer, durch die die Intuition nicht durchkommt.

• Vergebung. Wut, Ärger und Rachsucht sind eine Barriere für Eingebungen.

• Positive Lebenssicht. Negative und pessimistische Gedanken sind Gift für die Intuition. Deshalb: üben, im Negativen auch das Positive zu sehen.

• Sinnvolle Zeitnutzung. Wer Zeit mit leeren Menschen und sinnlosen Beschäftigungen verschwendet, vergeudet Energie - die aber braucht man, um Botschaften aus dem Inneren ins Bewusstsein steigen zu lassen.

Intuition kann man nicht erzwingen - aber man kann üben, sie zuzulassen.

Slow down. Wer die innere Stimme hören will, muss inne halten können. Hektik, Nervosität und Zeitdruck führen zu muskulärer Verspannung, und die behindert den Informationsfluss vom Bauch in den Kopf. Verlangsamen Sie sich, atmen Sie tief durch und entspannen Sie sich komplett, wenn Sie auf eine Eingebung für eine Problemlösung warten.

Konzentriert wahrnehmen. Bewusstes Beobachten ist ein weiterer Schlüssel, um seine Intuition zu stärken. Beginnen Sie den Tag mit einer kleinen Übung: Beim Zähneputzen ganz konzentriert bei der Sache sein, mit allen Sinnen und Gedanken. Horchen Sie dann tagsüber alle halben Stunden in Ihren Körper hinein - was fühle ich, wie sitze ich, ist mir warm oder kalt, was tut weh, was tut gut? Beobachten Sie auch Ihre Psyche - welche Gedanken beherrschen mich, was tun sie mit mir, welche Gefühle sind gerade da? Versuchen Sie dabei, zu unterscheiden: Was davon hat Realitätswert, was sind Ängste und Projektionen?

Wachsam sein. Das Vokabular der Intuition ist anders als das des Verstandes - Hinweise der inneren Stimme drücken sich häufig in Bildern, Symbolen oder kurzen Fragmenten von erinnerten oder gegenwärtigen Sinneseindrücken aus. Auf den ersten Blick scheinen sie oft keinen Sinn zu ergeben - genau den sollten Sie aber suchen. Beispiel: Wenn bestimmte Körperpartien oder Organe ziehen oder stechen, die geflügelten Redewendungen oder Sprichwörter dazu finden. Oder: Ein Lied geht Ihnen den ganzen Tag nicht aus dem Kopf? Nicht ärgern, sondern lieber auf den Text hören, vielleicht hat er Ihnen etwas mitzuteilen. Nutzen Sie Ihre Fantasie, um die Bruchstücke, die Ihnen Ihre Intuition immer wieder serviert, zu interpretieren.

Vertrauen und Mut. Um die intuitiven Botschaften anzunehmen und auch nach ihnen zu agieren, braucht es Vertrauen in diese Art der Wahrnehmung. Das kann man an kleinen Erfolgserlebnissen üben - etwa sich beim Parkplatzsuchen von der Intuition leiten zu lassen. Jemand anrufen, an den man gerade intensiv denken muss. Oder einem unbehaglichen Gefühl bei einer bevorstehenden Einladung/einem Ausflug oder Termin nachgeben und absagen. Wenn man sich diese Dinge getraut hat - bei denen nicht viel passieren kann - und einem das Resultat Recht gibt, wächst der Mut, sich auch bei größeren Entscheidungen von der inneren Stimme leiten zu lassen.

Fragen formulieren. Eine schwierige Entscheidung muss getroffen werden, bei der Sie mit rein rationalen Überlegungen nicht weiterkommen? Schreiben Sie Ihre Frage in ein Tagebuch oder formulieren Sie im Geist einen Brief an Ihre Intuition. Schicken Sie diesen Brief (imaginär) ab, lassen Sie die Frage damit bewusst los und grübeln Sie nicht weiter. Die innere Stimme kann Ihnen nur einen Call geben, wenn Sie - im übertragenen Sinne - vorher den Telefonhörer aufgelegt haben. Häufig kommt die Antwort nicht sofort und unmittelbar - achten Sie in den nächsten Tagen auf Dinge, die Ihnen auf- und einfallen. Das können Bücher oder Filme sein, Gespräche, Träume etc.

Rechte Hirnhälfte aktivieren. Tanzen, Singen, Malen - alle künstlerischen Aktivitäten bringen jene Gehirnareale in Schwung, die der Intuition förderlich sind. Auch spirituelle Praktiken wie Meditation, Yoga, Tai Chi usw. erweitern die Wahrnehmung.

Das Positive tun. Wenn man in einen Arbeitsplatz, eine Beziehung, in Freunde oder Freizeitbeschäftigungen seine Zeit investiert, obwohl man tief drinnen das Gefühl hat, dass es für einen nicht stimmig ist, muss die innere Stimme zwangsläufig verstummen. Seien Sie also wählerisch mit Beziehungen und Beschäftigungen, und seien Sie authentisch.

Ganzheitlich entscheiden. Intuition schön und gut - aber ohne Überprüfung durch den Verstand bleibt sie eine Vision. Also: Überlegen Sie rational und fügen Sie dann noch die Emotion dazu, so haben Sie für Ihre Entscheidung quasi einen Schemel auf drei Beinen. Und der ist wesentlich stabiler als ein einbeiniges Ding.
 

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