"Mit 55 will ich keine prüde Prinzessin mehr spielen"

Zum Glück bleibt man nicht immer jung. Das wäre auf Dauer nämlich viel zu anstrengend.

Frauen sprechen nicht über ihr Alter. Und wenn, dann nicht gern, besonders, wenn die Zehnerstelle eine bestimmte Zahl aufweist. Okay, also ich tue es jetzt: Ich werde heuer 55. Wie ist es: Sind Sie jünger? Haben Sie Angst vor dieser Zahl? Denken Sie vielleicht gar:"Wäääh, alte Schachtel!" Nun, ich werde Ihnen jetzt mal was über 55 sagen - schon allein deshalb, weil da immer noch so ein verkorkstes Getue darum gemacht wird. Es hat nämlich einige positive Seiten, auf die sich gestresste junge Frauen freuen können.

Es ist zum Beispiel wirklich geil, dass man keine Regel mehr hat. Kein monatliches Bauchweh mehr, kein blödes PMS, bei dem man wegen einer roten Ampel zur Mörderin werden könnte, kein panisches Tamponsuchen beim Ausgehen -und vor allem ist es großartig, dass man jederzeit ohne Verhütungsmittel ficken kann. Huch, finden Sie es unpassend, dass ich das F-Wort verwende? Tja, wenn Sie einmal 55 sind, werden Sie auch merken, dass man in diesem Alter keine Lust mehr hat, die prüde Prinzessin zu spielen. Nicht, wenn man einen Liebsten hat, der genauso alt ist wie man selbst und genau weiß, dass man es irgendwann bereut, wenn man im Leben nicht jede Chance auf schöne Erlebnisse am Schwanz gepackt hat.

Keine Panik mehr, sich unbeliebt zu machen

Apropos Liebster: Wenn man mit über 50 neu beginnt - und das ist immer möglich, sofern man sich nicht einer vertrottelten Verbitterung ergeben hat -, dann entspannt es die Sache unheimlich, dass man diesen Mann nur für sich hat. Man muss mit ihm kein Haus bauen, er muss nicht auf Kindergeburtstagstauglichkeit überprüft werden, es muss nur schön sein mit ihm. Das allerdings wirklich, umerziehen ist nämlich megaout. Reine Zeitverschwendung. Denn wenn es gerade einmal nicht so schön mit ihm ist, dann kann man das auch in aller Ruhe sagen. Mit 55 kann man generell eine Menge Dinge sagen. Dass das Steak zu kurz gebraten oder das Bier schal ist, dass man unrecht gehabt hat, oder dass man jetzt bitte nicht seine schlechte Laune abbekommen will. Das hängt damit zusammen, dass man nicht mehr so eine Panik hat, sich unbeliebt zu machen. So habe ich als Frau, Mutter von zwei verhaltenskreativen Kindern und Chefin schon ein paar Mal erlebt, dass mich nicht alle Menschen gut finden. Das ist zwar nicht so toll - aber es bringt einen auch nicht um. Und irgendwann, wie die Indianer sagen, schwimmen sowieso die Leichen von all deinen Feinden den Fluss hinunter.

Schulterzucken ist übrigens so eine Geste, die sich unheimlich gut anfühlt derzeit. Man kann nur Dinge ändern, die man auch ändern kann. Alles andere muss man lassen, weil es einen sonst aushöhlt. Zum Glück stellt sich bei mir schön langsam auch die Weisheit ein, das eine vom anderen zu unterscheiden. Irgendwie ist es schade, dass ich mit 33 noch nicht 55 war. Da hätte ich mir einiges erspart. Andererseits - es ist müßig, darüber zu spekulieren. Es war, was war. Und es ist, was ist.

 

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